Reptilien sind nicht gerade für ihren Verstand bekannt: Sie gelten als primitive Kreaturen, die bei der Nahrungssuche einfach nur nach allem schnappen, was sich bewegt. Eine Verhaltensstudie zweier US-Forscher zeigt nun allerdings, dass nicht alle Vertreter dieser Tiergruppe diesem simplen Ruf gerecht werden: Tropische Anolis können den Ergebnissen zufolge Probleme lösen und sich an erfolgreiche Strategien erinnern. Die kleinen Echsen zeigen damit ähnliche Fähigkeiten wie Vögel oder Säugetiere, sagen Manuel Leal und Brian Powell von der Duke University in Durham.
Die Wissenschaftler testeten ihre Versuchstiere (Anolis evermanni) mit einem Experiment, das bisher bei Vögeln zum Einsatz kam, um Intelligenzleistungen zu bestimmen: Auf einem Brett befinden sich dabei zwei Gefäße ? in einem davon lockt ein fetter Wurm. Beide Fressnäpfe sind durch farblich unterschiedlich markierte Kappen verschlossen. Diese muss der tierische Proband entfernen, um an den Inhalt zu gelangen.
Vier Anolis meisterten den Test, indem sie die Kappen mit dem Maul packten und beseitigten oder sie mit der Schnauze wegschubsten. “Sie tun nichts Ähnliches in freier Wildbahn?, betont Leal. Die cleveren Reptilien lernten auch, die Farbe oder Helligkeit der Abdeckung mit der Belohnung zu verknüpfen. Um zu überprüfen, ob sie diese Prägung rückgängig machen können, legten die Forscher die Würmer anschließend unter den andersfarbig markierten Deckel. Anfangs wendeten sich alle Versuchstiere der ehemals lukrativen blauen Kappe zu. Aber nach ein paar Fehlern versuchten es zwei Anolis noch einmal bei der anderen Abdeckung und prägten sich nun das neue Erfolgskonzept ein. “Wir nannten diese beiden Plato und Sokrates”, witzelt Leal.
Den Forschern zufolge zeigen die Ergebnisse, dass Anolis in der Lage sind, flexibel Lösungen für Probleme zu finden. Diese Fähigkeit beruhe dabei nicht auf primitiven Reflexen oder simplem Instinktverhalten, betonen sie. Die Ergebnisse sollten zu einer Neubewertung der Ansichten über die Evolution von Intelligenzverhalten führen, sind Leal und Powell überzeugt.
Von Vögeln und Säugetieren ist bekannt, dass Arten mit einem besonders großen Gehirn im Verhältnis zum Körper hohe Intelligenzleistungen zeigen. In weiteren Studien wollen die Forscher nun untersuchen, ob das auch für Reptilien gilt. Möglicherweise schneiden die Anolis bei diesem Vergleich besonders gut ab. Mit ihrer Anpassungsfähigkeit und komplexem Verhalten haben sich die unterschiedlichen Anolis-Arten viele Lebensräume in den USA, der Karibik und Südamerika erobert. Vermutlich ist dabei ?das schlaue Köpfchen? eines der Erfolgsgeheimnisse.
Manuel Leal und Brian Powell von der Duke University in Durham : ?Biology Letters?, doi:10.1098/rsbl.2011.0480 wissenschaft.de ? Martin Vieweg





