Ein kunstvolles Gebilde aus silbrig glitzernden Fäden: Die raffinierten Fallen und Verhaltensweisen der Radnetzspinnen faszinieren Menschen schon lange. Trotz ihrer erstaunlichen Leistungen, gelten Spinnen allerdings als vergleichsweise simple Wesen, deren Verhalten stur angeborenen Programmen folgt. Doch nun berichtet ein japanischer Forscher von einer cleveren Fähigkeit der achtbeinigen Jägerinnen – sie können offenbar lernen und ihr Verhalten an Erfahrungen anpassen: Gibt es im Netz einen Teil, in dem sich besonders häufig Insekten verfangen, richten Radnetzspinnen ihre Aufmerksamkeit gezielt auf diesen Bereich aus.
Während viele räuberische Insekten aktiv nach Opfern suchen, sitzen Radnetzspinnen still und lauern: Nachdem sie ihr kunstvolles Netz gesponnen haben, setzen sie sich in dessen Mitte und warten, bis sich Insekten in den klebrigen Fäden der filigranen Falle verfangen. Die speziellen Klebefäden des Netzes sind wiederum zwischen stabilen Haltefäden aufgehängt, die strahlenförmig zur Mitte des Netzes führen. Über sie erreichen die Vibrationen eines zappelnden Opfers die Spinne. Mit dem Tastsinn ihrer acht Beine erfasst sie in ihrer Kommandozentrale was sich wo in ihrem Netz tut: Welcher Faden zuckt, sagt der Spinne, wohin sie laufen muss, um das Opfer schnellstmöglich zu überwältigen, bevor es womöglich wieder entkommt.
Gezielt gespanntes Warten
Schnelligkeit und präzise Ortung sind für den Erfolg der Radnetzspinnen also sehr wichtig. Um dies zu optimieren erhöhen einige Radnetzspinnenarten die Empfindlichkeit ihrer Signalfäden, indem sie diese mit ihren Füßen leicht anspannen. So auch die Spinnen der Art Cyclosa octotuberculata – die Versuchstiere von Kensuke Nakata von der Kyoto Womens University. In speziellen Rahmenstrukturen bauen die Spinnen ihre Netze im Labor des Forschers überwacht von Kameras. Für seine aktuelle Studie teilte Nakata seine tierischen Probanden in zwei Gruppen ein: Den einen warf er täglich eine Fliege entweder oben oder unten ins Netz – also in vertikaler Dimension. Den Anderen dagegen lieferte er die Beute rechts oder links ins Netz und damit in horizontaler Ausrichtung. Er wollte nun herausfinden, ob sich diese räumlich unterschiedliche Darreichung auf das Verhalten der Spinne auswirkt.
Normalerweise spannen die Spinnen ihre Signalfäden in allen Richtungen des Netzes gleichmäßig an. Doch nicht so die trainierten Versuchstiere, berichtet Nakata. Auf den Kameraaufzeichnung war erkennbar, dass Spinnen, die an rechts und links bei der Futtergabe gewöhnt waren, gezielt die Signal-Fäden in horizontaler Ausrichtung anspannten. Die Vergleichstiere, bei denen die Fliege stets im Norden oder Süden des Netzes gezappelt hatte, strafften dagegen die Fäden in vertikaler Dimension. Die Tiere erwarteten demnach das Signal aus den entsprechenden Richtungen sie hatten die Regel der Futtergabe also erfasst und in eine sinnvolle Verhaltensänderung umgesetzt, erklärt Nakata. Dem Forscher zufolge dokumentiert dies die Flexibilität des Verhaltens von Spinnen: Sie können lernen und sich dadurch Vorteile verschaffen.
Kensuke Nakata (Kyoto Womens University) et al.: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2013.0052 © wissenschaft.de – Martin Vieweg





