Wasserpflanzen sind in Seen nicht die einzige Nahrungsgrundlage für Fische und andere Tiere: Ein überraschend großer Anteil des Futters stammt von Bäumen und Pflanzen, die in Ufernähe wachsen. Amerikanische und schwedische Forscher entdeckten diese ökologische Nahrungsergänzung, als sie die Verteilung spezieller Kohlenstoffteilchen in einem See untersuchten. Sie beschreiben ihre Experimente in der Fachzeitschrift Nature (Bd. 427, S. 240).
In der klassischen Vorstellung beginnt die Nahrungskette in einem See mit den Wasserpflanzen und pflanzlichen Kleinstlebewesen, die das Sonnenlicht einfangen und es bei der Photosynthese in energiereiche Kohlenstoffverbindungen umwandeln. Diese Kohlenstoffverbindungen werden dann entweder direkt von Fischen gefressen oder dienen als Nahrung für kleine Tiere, das so genannte Zoo plankton, das wiederum zum Futter für größere Tiere – vor allem Fische ? wird. Bereits vor längerer Zeit stellten Wissenschaftler jedoch fest, dass es in vielen Seen deutlich mehr Konsumenten gibt, als die Wasserpflanzen mit Nahrung versorgen können.
Die Theorie der Forscher: Ins Wasser gefallene Überreste von Blättern, Gräsern und anderen Uferpflanzen ergänzen den Speiseplan der Tiere. Um diese Vermutung zu überprüfen, schütteten Michael Pace vom Institut für Ökosystemstudien in Millbrook und seine Kollegen speziell markiertes Natriumhydrogencarbonat in einen See. Da diese Verbindung Pflanzen als Grundstoff bei der Photosynthese dient, konnten die Forscher so die im See entstehenden Kohlenstoffverbindungen kennzeichnen. Nach einer gewissen Zeit untersuchten die Ökologen, wie viel markierten und wie viel unmarkierten Kohlenstoff Wasserflöhe und Forellenbarsche zu sich genommen hatten.
Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler: Nach ihren Berechnungen stammen zwischen 20 und 50 Prozent der Nahrung nicht aus dem See, sondern von Uferpflanzen aus dem Wassereinzugsgebiet des Gewässers. Ein See dürfe daher niemals als isoliertes Ökosystem gesehen werden, warnen Pace und Kollegen. Die unerwartet starke Abhängigkeit der Nahrungsressourcen von den Pflanzen der Umgebung müsse zu einem neuen Bewusstsein führen, welches die enge ökologische Bindung von See und Uferbereichen berücksichtige.
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel





