Text: Inge Behrens
Bereits seit März 2017 dürfen Ärzte bei schweren Erkrankungen Cannabis zu therapeutischen Zwecken auf Rezept verordnen. Doch auch nach sechs Jahren ist es gar nicht so einfach, Weed, Haschisch oder Gras, wie Drogenkonsumenten die Pflanze Cannabis Sativa L nennen, als Medizin zu bekommen. Denn die meisten Ärzte kennen die Hanfpflanze nur als gefährliches Rauschmittel. Dabei sei es eigentlich umgekehrt, sagt Florian Heimann, Leiter der Apotheke LUX 99. „Lange bevor die Hanfpflanze als Droge entdeckt und als Genussmittel konsumiert wurde, war sie Bestandteil medizinischer Extrakte und Elixiere“. Bereits vor mehr als 2500 Jahren vor Christus nutzten sowohl die Ägypter als auch die Chinesen die Hanfpflanze als Therapeutikum. Auch die Griechen setzten Cannabis gezielt als Betäubungsmittel und gegen Entzündungen ein. Im Mittelalter waren Cannabisarzneien in Nordamerika, Europa und Arabien recht verbreitet.
Zum neueren Siegeszug verhalf Cannabis eine 1839 veröffentlichte Studie des irischen, in Kalkutta stationierten, Arztes William B. O’Shaughnessy. Ob gegen Kopfschmerzen, Rheuma, Asthma oder Schlafstörungen, fortan wurde es in der westlichen Welt als Allheilmittel verschrieben und blieb bis 1929 komplett legal. Erst als mehr und mehr synthetische Arzneistoffe entwickelt wurden, verschwanden Cannabispräparate aus den Apotheken, und der Ruf von Cannabis begann sich rapide zu verschlechtern. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.
Die breite Wirkkraft von Cannabis
„Doch wir waren grundsätzlich offen für Cannabis als Arzneimittel“, berichtet der Apotheker Heimann. Schon seit 2014 hätten sie als eine der wenigen Apotheken Cannabisblüten und Dronabinol vorrätig. Aus diesen stellten sie damals für rund 30 Patienten medizinische Rezepturen her. Dronabinol ist der internationale Name für den wirksamsten, aber auch zugleich umstrittensten Inhaltsstoff der Hanfpflanze: das Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz THC genannt. Dabei handelt es sich um jenen psychoaktiven Stoff, der Cannabis zum Rauschmittel macht. Diese Substanz kann die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen, müde und träge machen. Bei Jugendlichen kann der Konsum sogar nachweislich das Gehirn schädigen.
Doch es gibt eine positive Kehrseite: „THC hat ein sehr großes medizinisches Wirkspektrum. Es heilt zwar nicht, lindert aber sehr viele verschiedene Symptome“, erklärt Heimann. So reduziert die Substanz spastische Beschwerden bei Multipler Sklerose, einer Erkrankung, die durch chronische Entzündungen des zentralen Nervensystems ausgelöst wird. Auch werde THC erfolgreich zur Behandlung von Schmerzen und Krämpfen eingesetzt. Bei austherapierten chronisch Kranken mache deshalb die Verabreichung von THC oft Sinn, erklärt der Apotheker.





