Über 400 Millionen Tonnen Plastik werden jedes Jahr weltweit produziert. Ein erheblicher Teil davon landet in der Umwelt – 1,7 Millionen Tonnen allein in den Ozeanen. Da sich Plastikmüll nicht biologisch abbauen lässt, überdauert er dort Jahrzehnte oder sogar noch länger und zerfällt in immer kleinere Plastikpartikel – mit verheerenden Folgen für die Ökosysteme. Doch wie lässt sich dieses Problem bewältigen?
Herkömmliche Instrumente reichen nicht aus
Forschende um Rebecca Lahl vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen haben nun verschiedene Ansätze zur Bekämpfung der Plastikflut hinsichtlich ihrer Wirksamkeit miteinander verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass es zwar sinnvoll wäre, den weltweiten Kunststoffverbrauch zu reduzieren, doch das allein würde das Problem des Plastikmülls noch nicht lösen. Selbst wenn wir den Verbrauch mit sofortiger Wirkung verringern würden, würden bis 2040 immer noch mehr als 700 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in die Ökosysteme der Welt gelangen, wie das Team errechnet hat.
Auch andere Instrumente, die heute schon zum Einsatz kommen, erwiesen sich in der Analyse als nicht wirksam genug. Dazu zählen Plastikmüllfänger im Meer und Aufklärungskampagnen zur Änderung des Konsumverhaltens ebenso wie die Etablierung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. „Diese Maßnahmen müssen weiterhin umgesetzt und ausgebaut werden, sie reichen aber nicht, um das Plastikproblem zu bewältigen“, erklärt Lahl. Das liegt unter anderem daran, dass Kunststoffe in vielen Bereichen nach wie vor notwendig und nur schwer ersetzbar sind. „Unser Lösungsvorschlag setzt daher viel früher an – nämlich bei der Entwicklung der für die Plastikproduktion eingesetzten Chemikalien und Materialien“, so die Forscherin.
„Dritte Generation“ biologisch abbaubarer Kunststoffe gefordert
Konkret schwebt Lahl und ihrem Team die Entwicklung neuer biologisch abbaubarer Kunststoffe vor. Denn die heutigen Ansätze für biobasiertes Plastik, deren Ursprünge sich bis in die neunziger Jahren zurückverfolgen lassen, klängen nur auf den ersten Blick vielversprechend: „Die Natur stand Pate für diese ‚zweite Generation‘ biologisch abbaubarer Plastikprodukte“, sagt Lahl. „Typische Polymere in der Natur sind Proteine, Polysaccharide, Lignin und Naturkautschuk, die im Extremfall Jahrzehnte überdauern und sich dann in harmlose natürliche Bausteine wie Zucker zerlegen.“ Doch in der Praxis zersetzt sich diese „zweite Generation“ nicht schneller als herkömmliche Plastikprodukte, zerreißt dafür aber bei der alltäglichen Nutzung leichter und ist häufig mit Schadstoffen belastet.
Lahl und ihr Team plädieren daher für eine „dritte Generation“ biologisch abbaubarer Kunststoffe. Entsprechende Produkte sollten sich rasch zersetzen, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben, aber gleichzeitig auch für das Recycling geeignet sein und keine Schadstoffe enthalten. „Noch gibt es diese Kunststoffe nicht, aber wenn der Gesetzgeber in Europa für Kunststoffe wie Mikroplastik oder Verpackungsfolien eine definierte Abbaubarkeit fordert, müssen Kunststoffe auf dieses Ziel hin optimiert werden“, erklärt Lahl. Sie und ihre Kollegen empfehlen daher, die politischen Rahmenbedingungen möglichst schnell anzupassen. „Es gibt viele Beispiele, vor allem auf EU-Ebene, bei denen Innovationen durch ehrgeizige Standards erst angestoßen wurden. In der Vergangenheit wurden etwa für Industrieanlagen oder Autos Emissionsgrenzwerte festgelegt, für die die notwendige Technik erst nachträglich entwickelt wurde“, ergänzt Co-Autor Raimund Bleischwitz.





