Im brasilianischen Vale do São Francisco wird ein großer Teil des weltweit verkauften Obsts angebaut. Hierfür wird Dornstrauchsavanne in Plantagen verwandelt, die mithilfe des São Francisco-Flusses bewässert werden. Doch während der Obstanbau Arbeitsplätze schafft, leidet die Umwelt.
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Text: Martina Farmbauer
Der Motor des Busses, den das Unternehmen für die Arbeitskräfte zur Verfügung stellt, läuft bereits. Domingas Passos und ihre Kolleginnen kommen von der Plantage zurück, sie haben das Tagwerk vollbracht: Blätter und Rispen entfernt, damit mehr Licht eintritt und die Trauben Platz bekommen, sowie Weinreben geschnitten und ausgedünnt.
Dies soll zu einer guten Ernte beitragen und diese wiederum zu einem hohen Ertrag. Ob das Entblättern und Ausdünnen eine schwierige Arbeit sei? „Für jemanden, der nicht weiß, wie es geht, schon“, lacht Passos, die die Arbeits- bereits gegen Freizeitkleidung getauscht hat. Für sie und ihre Kolleginnen ist die Arbeit Routine.
Tal der Trauben und Mangos
„Im Vale do São Francisco gibt es nur das Obst“, erklärt Passos. „Was wir hier machen, ist: Weintrauben trimmen, ernten, einpacken; alles, was mit Trauben zu tun hat.“ Passos und andere Arbeiterinnen des Produzenten Special Fruit, den man von der Stadt Juazeiro über die Verbindungsstraße nach Curaçá erreicht, haben sich ihr Know-how über die Jahre selbst angeeignet. „Learning by Doing“ würde man wohl sagen. „Bis man Profi ist“, beschreibt es Passos, die seit 20 Jahren bei Special Fruit arbeitet.
Heute besuchen die jungen Leute Kurse des Nationalen Dienstes für Landwirtschaftslehre (SENAR) in Juazeiro. Als größtes Land in Lateinamerika und einer der größten Agrarproduzenten weltweit hat Brasilien den Sektor und fast alles, was damit zu tun hat, in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter professionalisiert und dadurch seine Effizienz gesteigert.
Special Fruit, dessen Schwerpunkt auf dem Traubenanbau liegt, ist, wie der größte Mangoproduzent Brasiliens, Agrodan, ein Vorzeigeunternehmen im Anbau von Früchten des Brasilianischen Verbandes für Landwirtschaft und Viehzucht. Agrodan-Präsident Paulo Dantas betreibt zudem als soziales Projekt eine Schule für die Kinder von Arbeiterinnen und Arbeitern.
Denn das Vale do São Francisco ist eine arme Region. Bahia und Pernambuco sind mit jeweils rund zehn Prozent zwei der Bundesstaaten mit der höchsten Arbeitslosigkeit Brasiliens. Die am São Francisco-Fluss liegenden Städte Juazeiro im Bundesstaat Bahia und Petrolina im Bundesstaat Pernambuco gelten als Wirtschaftsförderungsraum.
Umgeben von Trockenheit
Die Armut hat damit zu tun, dass die ganze Region eigentlich karg und trocken ist. „Bei uns regnet es mehr nach oben als nach unten“, sagt der Agrartechniker Cícero Félix, Koordinator des zivilgesellschaftlichen Wasser-Netzwerkes in der brasilianischen Halbtrockenregion (ASA) im Hinblick darauf, dass die maximal mögliche Verdunstung in der Region mit 3.000 Millimeter pro Jahr deutlich größer sei als die durchschnittliche Niederschlagsmenge von 500 Millimeter.
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Das Nationale Institut für Weltraumforschung (INPE) und das Nationale Zentrum für die Überwachung und Alarmierung bei Naturkatastrophen (CEMADEN) haben die Klima-Klassifikation der Region an der Grenze von Bahia und Pernambuco zuletzt sogar von halbtrocken zu trocken angehoben, was in Brasilien – Heimat des größten tropischen Regenwaldes der Welt – erstmals geschah.
Dass hier Obstanbau möglich ist, ist allein dem Wasser des Rio São Francisco zu verdanken. Von den hier lebenden Menschen ist immer wieder zu hören, was der Agraringenieur Henrique Coelho auf der Plantage von Special Fruit sagt: „Der Rio São Francisco ist unsere Rettung.“
Der Fluss des Lebens
Der „Velho Chico“, wie der Rio São Francisco liebevoll genannt wird, fließt zwischen Juazeiro und Petrolina majestätisch vor sich hin. Er kommt aus dem Südosten des Landes und zieht über rund 3.000 Kilometer und ein halbes Dutzend Bundesstaaten in den Nordosten. In Verbindung mit einem riesigen Staudamm, ausgeklügelter Bewässerung und kräftigen Investitionen hat sich das Tal in eines der größten brasilianischen Zentren für die Obstproduktion und den Export von Früchten verwandelt. Mithilfe des Rio São Francisco wachsen hier Trauben, Mangos und andere Früchte für die ganze Welt, beziehungsweise vor allem für Europa.
„Sie sind im Vale do São Francisco an einem der wunderbarsten Orte Brasiliens“, sagt Humberto Miranda, Präsident des Verbandes für Landwirtschaft und Viehzucht von Bahia. Miranda ist wie viele andere – etwa, wenn sie einen Wein aus dem São Francisco-Tal anbieten – stolz auf das, was sie hier geschaffen haben.
Der brasilianische Früchtekorb
Nach China und Indien ist Brasilien mit mehr als 40 Millionen Tonnen Früchten im Jahr der weltweit drittgrößte Obstproduzent; das meiste davon stammt aus den Bundesstaaten Bahia und Pernambuco. Rund um Petrolina und Juazeiro wurden nach Angaben des Brasilianischen Landwirtschaftsverbandes (CNA) im Jahr 2022 fast 600.000 Tonnen Mangos und an die 300.000 Tonnen Trauben, hauptsächlich Tafel-, aber auch Weintrauben, geerntet. Andere Früchte wie Guaven, Avocados, Zitronen, Birnen und Kakis erweitern die Liste. Aus Sicht der Produzenten gibt es kaum etwas Brasilianischeres als Obst – von den weitverbreiteten Bananen bis zur Jabuticaba, die nur in Brasilien und einigen Nachbarländern vorkommen.
Daneben stellen große Kellereien wie Miolo, von italienischsprachigen Einwanderern gegründet, tropische Weine her, die seit 2021 durch eine geschützte geografische Herkunft – vergleichbar mit „Schwarzwälder Schinken“ oder „Café de Colombia“ – anerkannt sind. Chenin Blanc & Viognier, Syrah oder Tempranillo aus dem Vale do São Francisco haben auch schon mehrere Auszeichnungen erhalten. „Hier haben wir die Möglichkeit, Weine mit einem ausdrucksstarken Charakter zu erzeugen“, ist die Önologin Eliza Teixeira begeistert. „Die Hitze begünstigt die aromatische Intensität.“
Anders als der Soja-Anbau oder die Viehzucht im Amazonasgebiet, die mit der Zerstörung des tropischen Regenwaldes in Verbindung gebracht werden, ist die Obst- und Weinproduktion im Vale do São Francisco lokal in erster Linie positiv belegt, ein Beispiel, wo Brasilien scheinbar funktioniert – „O Brasil que deu certo“.
Arbeitsplätze bieten neue Chancen
„Es ist sehr gut, mit Weintrauben zu arbeiten“, befindet etwa Criste Andreia Gonçalves Pereira unter den Augen von Vorgesetzten im Packhaus von Special Fruit, wo die Früchte über Bänder transportiert, verpackt und gekennzeichnet werden. Sie arbeitet seit mehr als drei Jahren bei dem Obstproduzenten und -exporteur.
Viele Frauen in der Region arbeiten im Obstanbau erstmals außerhalb des eigenen Zuhauses. Die Möglichkeit, als Frau berufstätig zu sein, hat auch zu gesellschaftlichen Veränderungen geführt. Lange Zeit haben die halbwüstenartigen legendären Landschaften des Sertão im Binnenland Brasiliens einen wichtigen Beitrag zur traditionellen nationalen Identität geleistet. Das Gebiet, einige Male so groß wie Deutschland, bildete eine eigene Welt mit halb feudalen Sozialstrukturen. Das ändert sich jetzt.
„Als ich einen festen Vertrag bekommen habe, war das super“, sagt Gonçalves Pereira heute, die Arbeitskittel und Schutzhaube trägt, an einem Tisch Trauben abwiegt, in Plastikbehälter legt, mit Logos und Papieraufklebern versieht. Über einen Code soll die Rückverfolgung möglich sein, um Vertrauen in Europa zu schaffen. Ziel sind 60 Kisten am Tag. „Aber wir schaffen auch mehr.“
Das São Francisco-Tal sei ein Ort, der Arbeitsplätze und Einkommen schaffe und zur Wirtschaft von Bahia und Pernambuco beitrage, stellt Landwirtschaftsverbandspräsident Miranda heraus. So entstanden laut Daten des Arbeitsministeriums, auf die sich der Verband für Landwirtschaft und Viehzucht bezieht, 2022 im Trauben- und Mangoanbau in der Region 27.000 neue Arbeitsplätze. Insgesamt bietet der Obstanbau im Vale do São Francisco nach Angaben des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums rund 240.000 direkte Arbeitsplätze.
Joel Barros da Conceição, der eine Ausbildung in Weinbau und Önologie absolviert hat, bildet sich am SENAR weiter und besucht einen Drohnenkurs. Hier im Vale do São Francisco sei es naheliegend, einen solchen Karriereweg einzuschlagen. „Denn es ist ein Weg, der, außer dass er angenehm ist, auch sehr fruchtbar für die Menschen dieser Region ist. Wir arbeiten mit dem, was die Basis der Ernährung der Welt darstellt“, fasst er zusammen.
Landwirtschaftsverbandspräsident Miranda erinnert sich: „Von den Onkeln in meiner kleinen Stadt habe ich gehört: Lerne etwas, sonst bleibst du auf dem Feld.“ Heute sei das Gegenteil der Fall. „Da heißt es, lerne etwas, damit du aufs Land zurückkehren und mit Nachhaltigkeit produzieren kannst.“ Er spricht von Nachhaltigkeit – ein schwieriger Begriff in Bezug auf die hier herrschenden Produktionsbedingungen und den weltweiten Export.
Für Europa produziert
Die Trauben, die Domingas Passos, Criste Andreia Gonçalves Pereira und ihre Kolleginnen entblättern und ausdünnen, säubern und einpacken, und der Wein aus Petrolina und Juazeiro sind zwar bisweilen auch im Supermarkt in Rio de Janeiro zu entdecken, doch das fällt kaum ins Gewicht. Fast die ganze Obstproduktion des Tals wird ins Ausland verkauft.
„Der europäische Markt macht 97 Prozent unseres Umsatzes aus“, sagt Agrodan-Präsident Paulo Dantas. „Deutschland ist einer der größten Konsumenten unserer Mangos.“
Aufgrund der Nähe zum Äquator und dem gleichbleibenden Klima im São Francisco-Tal kann fast das ganze Jahr über produziert werden, sodass auf einer Plantage Blüte und Ernte nebeneinanderstehen. Der Anbau richtet sich dabei nach kommerziellen Fenstern in den Exportländern. Er macht es möglich, in London oder Berlin im Dezember tropische Früchte aus Brasilien zu essen. Viele cremige, saftige Mangos und süße, kernlose Trauben, die es in den Wintermonaten in deutschen Supermärkten zu kaufen gibt, stammen direkt aus dem Vale do São Francisco. Die Verbraucher schätzen das Angebot, die brasilianischen Unternehmen machen Gewinn.
Diese Art der Globalisierung lässt sich vermutlich so schnell nicht zurückdrehen, auch wenn sie ökologisch fragwürdig ist. Dabei möchte Dantas durchaus auch gerne den brasilianischen Markt erobern – wenn die Brasilianer denn bereit sind, den Preis für seine hochwertigen Mangos zu bezahlen. Doch nicht nur der Transport um die Welt ist ein Problem in Sachen Nachhaltigkeit.
Künstlich geschaffene Plantagen
Die Trauben und Mangos im Vale auf Flächen von Tausenden Quadratkilometern sind umgeben von Kakteen, Bromelien, Umbuzeiros, Karnaubapalmen und anderen Arten des Caatinga-Bioms – einer Dornstrauchsavanne, die ein speziell brasilianisches Ökosystem der Halbwüstenregion darstellt. Der Name stammt aus dem Tupi-Guarani und bedeutet so viel wie „weißer Wald“, was vermutlich auf die Vegetation anspielt, die sich an das heiße, trockene Klima angepasst hat. Die Blätter der einheimischen Pflanzen der Caatinga sind dünn oder nicht vorhanden. Manche Pflanzen, wie etwa Kakteen, speichern Wasser, andere haben Wurzeln an der Oberfläche, um so viel Wasser wie möglich aufzunehmen.
Der Gegensatz zwischen den sattgrünen, üppig bewachsenden Plantagen und der kargen Busch- und Baumlandschaft mit ihren Stacheln und Dornen ist frappierend. So geht es auf dem Weg zu den Plantagen von Agrodan zunächst Kilometer um Kilometer durch die dürre Caatinga, dann taucht plötzlich, scheinbar im Niemandsland, an einer Abzweigung zuerst das Schild und dann die dichte Vegetation der Mangoplantage auf, die sich ab hier über eine riesige Fläche erstreckt.
Die „Grüne Revolution“
„Was hat diese Gegend mit extremer Trockenheit in diesen Ort des Reichtums verwandelt?“, fragt Miranda. „Es war Wissenschaft, es war Technologie, es war Innovation“, resümiert er. „Denn dies ist eine extrem herausfordernde Umgebung.“ Miranda spricht angesichts technologischen Fortschritts und neuer Produktionsmodelle von einer „Grünen Revolution“, die im Vale do São Francisco vonstattengegangen sei.
Tatsächlich beruht die Entwicklung des São Francisco-Tals auf dem Modell der „Green Revolution“, in dessen Rahmen ab den 60er Jahren in Ländern, die damals als Entwicklungsländer klassifiziert wurden, moderne landwirtschaftliche Anbaumethoden und Hochertragssorten zum Steigern der Agrarproduktion eingeführt wurden. Dies ermöglichte zwar größere Ernten, machte aber auch den erhöhten Einsatz von Wasser, Energie, Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln notwendig und war mit einer fortschreitenden Mechanisierung verbunden.
Läden mit Geräten für die Landwirtschaft und den Obsthandel, Anbieter von Bewässerungssystemen und Düngemitteln reihen sich so heute in Juazeiro aneinander, auch ein autorisierter Händler von Bayer gehört dazu. Der deutsche Agrarchemie- und Pharmakonzern ist in Brasilien mit dem Werbeslogan „Se é Bayer, é bom!“ („Wenn es Bayer ist, ist es gut!“) bekannt. Einer Studie des Instituto Federal do Sertão Pernambucano zufolge ist das Vale do São Francisco ein Großverbraucher von Pestiziden.
Eingeführt wurde das Modell in Brasilien während der Diktatur 1964–1985, ins Vale do São Francisco gebracht wurde es durch die Gesellschaft für die Entwicklung der Täler des São Francisco und des Parnaíba, die dem Ministerium für Integration und regionale Entwicklung angeschlossen ist. Mit dem Ziel, Obst in einer semiariden Gegend zu produzieren und das Kalifornien Brasiliens zu werden, entstand damals unter anderem die größte bewässerte Anbaufläche von Zuckerrohr der Welt mit mehr als 20.000 Hektar. Was zu der Zeit als große Errungenschaft galt, wird heute differenzierter gesehen.
„Die größte Halbtrockenregion Brasiliens mit dem größten Wasserdefizit des Landes exportiert mit den Früchten praktisch Wasser“, kritisiert Cícero Félix vom Wasser-Netzwerk ASA die widersprüchliche Situation. Dafür habe man die ganze Gegend verändert und massiv in sie eingegriffen, etwa mit dem Bau des gigantischen Sobradinho-Stausees, 20 Kilometer von Juazeiro entfernt.
Ein Staudamm mit Folgen
Anders sieht es Josival Barbosa, Präsident des Syndikats der ländlichen Erzeuger von Juazeiro. Mit dem Sobradinho-Staudamm habe im São Francisco-Tal alles begonnen, erzählt er. Die brasilianischen Regierungen haben über Jahrzehnte die Region, die unter der Abwanderung der ländlichen Bevölkerung gelitten habe, gefördert und das von den Militärs eingeführte Wasserversorgungssystem ausgebaut. Man habe Wasser gesammelt und Kanäle angelegt, über die das Wasser verteilt werden konnte.
Mittlerweile sind die Bewässerungssysteme hochmodern. Das Wasser wird über ein Schlauchsystem aus einem Reservoir abgeleitet, und die Menge der benötigten Tropfen fällt direkt an den Wurzeln der Pflanze ab. Ein Computer misst dabei ständig die Feuchtigkeit des Bodens und gibt nur die Menge Wasser frei, die die betreffende Pflanze braucht.
„Stellen Sie sich vor, was das an Wassereinsparung, Bodenschutz und Nachhaltigkeit bedeutet“, betont Miranda, der außer als Landwirtschaftsverbandspräsident und ländlicher Produzent auch als Tierarzt tätig ist. Von 10.000 Litern Wasser würden heute 9.800 Liter genutzt, Verluste habe man so weit wie möglich reduziert. „Denn Wasser zu verlieren, bedeutet Geld zu verlieren“, sagt Miranda. Der ökologische und der ökonomische Aspekt gehen in seinen Augen Hand in Hand.
Für den Bau des Staudamms, der neben der Regulierung des Wassers auch der Stromerzeugung dient, wurden damals allerdings einige Städte überschwemmt und Zehntausende Menschen umgesiedelt. Der biologische Kreislauf des Rio São Francisco wurde unterbrochen und einige dort lebende Fische verschwanden. Das ursprüngliche Flusssystem wurde zerstört und kanalisiert, durch das Anlegen der Plantagen wurde eine große Fläche der ursprünglichen Caatinga vernichtet.
„Ein Modell des Raubtier-Kapitalismus“, nennt dies Félix, der auch Mitglied der Arbeiterpartei PT von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist. „Es erzeugt Reichtum, aber lässt eine Spur der Verwüstung zurück. Wir haben jetzt eine Desertifikation wegen dieses Modells.“ Nach seiner Ansicht haben die Maßnahmen die Wüstenbildung in der Region befördert.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestätigen diesen direkten Zusammenhang jedoch nicht, sie sehen hier Auswirkungen des veränderten Weltklimas. „Der Wasserbedarf in der Atmosphäre steigt deutlich. Dies führt im Nordosten und in weiten Teilen des Landes zu trockeneren Bedingungen“, erklärt Javier Tomasella, Wasserressourcen-Ingenieur beim INPE, der eine Studie über die fortschreitende Trockenheit in der Region durchgeführt hat. „Die Verdunstung nimmt zu, weil die Temperatur im Land aufgrund der globalen Erwärmung steigt.“
Umstrittenes Umleitungsprojekt
In Lulas ersten beiden Amtszeiten (2003–2011) kam ein umstrittenes Projekt der Umleitung des Rio São Francisco auf den Weg, das das Leben von zwölf Millionen Menschen verbessern sollte. Im Rahmen des groß angelegten Projekts wird in zwei Kanälen Wasser des Flusses für die kommunale Wasserversorgung, Industrie und Bewässerung in die semi-ariden Gebiete des Nordostens Brasiliens abgeleitet. Es gab allerdings Verzögerungen, Kosten stiegen, vor allem die katholische Kirche, die mit dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat zusammenarbeitet, kritisierte das Projekt.
Insbesondere wurde bemängelt, dass vor allem die großen Agrarbetriebe profitierten. Für ländliche Produzenten sei der Bau von Zisternen wesentlich effektiver – und auch günstiger – als die Umleitung des Rio São Francisco. Zudem bedrohe die weitere Wasserentnahme das ohnehin angeschlagene ökologische Gleichgewicht des Flusses und der Natur.
Der Preis für gutes Obst
So sind der Aufwand für den Anbau und für den Export der Früchte nach Europa sowie die Auswirkungen auf die halbtrockene Region und die Menschen im Nordosten Brasiliens riesig.
Bis die Mangos und Weintrauben in Deutschlands Supermärkten ankommen, haben sie einen langen Weg hinter sich. Es dauert allein einige Tage, bis das Obst aus der Gegend um Petrolina und Juazeiro am internationalen Flughafen in São Paulo eintrifft, von wo es weitertransportiert wird. Der „Custo Brasil“, wie die mit der Geschäftstätigkeit in Brasilien verbundenen Kosten genannt werden, ist hoch. Andererseits sind Tausende Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze entstanden, von denen Domingas Passos, Criste Andreia Gonçalves Pereira und ihre Kolleginnen bei Special Fruit und Agrodan oder die Önologen Eliza Teixeira und Joel Barros da Conceição profitiert haben.
Ob die Vorteile oder Nachteile überwiegen, ist Ansichtssache. An der Kiste mit Mangos oder Trauben im deutschen Supermarktregal kann jeder Kunde selbst entscheiden, wie er es mit dem weitgereisten Obst halten will.
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