Emily Zielinski-Gutierrez von der amerikanischen Seuchenbehörde CDC mahnt ihre Landsleute mit Plakat-Aktionen zur Vorsicht vor Blutsaugern: Sie könnten West-Nil-Viren übertragen.
„FIGHT THE BITE!” – „Bekämpfe den Biss!” (der in Wahrheit ein Stich ist): Das forderten in diesem Sommer bunte Plakate an kalifornischen Stadtbussen und Haltestellen. Auf ihnen prangte eine riesige Mücke. Motto und Motiv sollten vor der Übertragung des gefährlichen West-Nil-Virus (WNV) durch Blutsauger warnen und zu Mückenspray und Schutzkleidung animieren. „Für die Kalifornier ist die von uns gesponserte Kampagne noch ziemlich neu”, sagt Emily Zielinski-Gutierrez von der Gesundheitsbehörde CDC (Center for Disease Control) in Fort Collins/Colorado. „Fast zehn Jahre hat das Virus gebraucht, um sich von der Ostküste bis in den Westen nach Kalifornien zu verbreiten.”
1999 war der Krankheitserreger erstmals in den Vereinigten Staaten aufgetaucht, in New York – wohl per Flugzeug in infizierten Vögeln oder Mücken eingeschleppt. Es könne sich um ein nur einmaliges Auftreten handeln, hofften damals die Behörden. Diese Hoffnung ist nun, da das Virus die USA komplett durchquert hat, endgültig zerstoben. Es ist in den Tropen zu Hause, im West-Nil-Distrikt von Uganda. Seit seinem ersten Auftreten haben sich rund 1,5 Millionen Amerikaner damit infiziert. 300 000 davon erkrankten an grippeähnlichen Symptomen wie Fieber und Kopfschmerzen. Bei ungefähr 11 000 entwickelte sich eine lebensgefährliche Entzündung des Gehirns oder der Hirnhaut, 1000 sind daran gestorben. „Wenn dieser Verlauf eintritt, sind wir machtlos”, beklagt die Epidemiologin, „derzeit gibt es kein Medikament dagegen.”
Ein trauriges Fazit auch bei den Vogelbeständen der USA: „ Millionen von Tieren sind dem Erreger zum Opfer gefallen”, bilanziert Nicholas Komar, Wildbiologe am CDC. „Die Mücken saugen hauptsächlich an Vögeln und übertragen dabei das für die Tiere oft tödliche Virus.” Bei mehr als 300 verschiedenen Vogelarten waren die Parasiten bisher erfolgreich. Besonders dramatische Auswirkungen hatte WNV bei der Amerikanerkrähe, deren Population US-weit seit 1999 um 30 Prozent abnahm, in manchen Gebieten um 75 Prozent. „Diese Tiere sind besonders anfällig für Infektionen”, weiß Komar, der die Todesursache durch Anzucht von Viruskulturen aus den Tierkadavern bestimmt.
Zwar forscht das CDC an Impfstoffen, doch bislang kann man nicht mehr tun, als die Öffentlichkeit vor Mückenstichen zu warnen und das Geschehen zu überwachen. Dazu werden Insekten in Fallen gelockt, und die Gesundheitswächter untersuchen das Blut der stechenden Arten. „Daher wissen wir, dass WNV in diesem Jahr bislang in 17 Bundesstaaten aktiv ist”, berichtet Zielinski-Gutierrez. Als das Virus 2002 und 2003 durch rund 300 Todesfälle pro Jahr Schlagzeilen machte, war sich die Bevölkerung dieser Gefahr sehr bewusst. 2007 starben an den Folgen einer WNV-Infektion noch 120 Menschen. 2008 scheint noch kein US-Bürger dem Erreger zum Opfer gefallen zu sein – vielleicht eine Folge der Kampagnen wie „Fight the bite!”, hofft das CDC und verstärkt nun diese Aktionen. Denn: „Leider herrscht hierzulande die Auffassung, dass die Sache mit WNV jetzt erledigt sei”, bemängelt Zielinski-Gutierrez. „Dabei hat sich das Virus im Gegenteil völlig bei uns etabliert und wird jeden Sommer erneut zuschlagen.”
Nicht nur wegen des West-Nil-Virus ist es gerechtfertigt, vor Insektenstichen zu warnen: Die Mücken in den USA beherbergen und übertragen weitere gefährliche Erreger aus den Tropen, zum Beispiel das Dengue- und das Gelbfiebervirus. Besonders im Blick hat die Wissenschaftlerin das fieberauslösende Chikungunya-Virus, das bisher nur in Afrika und Indien zu Hause war. „Kürzlich tauchte es erstmals in Südeuropa auf, von Touristen eingeschleppt” , weiß Zielinski-Gutierrez. Für sie ist es nur eine Frage der Zeit, bis Chikungunya auch in Nordamerika grassiert. Désirée Karge ■





