Ohne tierische Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge gäbe es viele Pflanzen nicht. Nicht nur Wildblumen, sondern auch drei Viertel der bedeutendsten Nutzpflanzen sind auf die Hilfe der Blütenbesucher angewiesen. Pflanzen und ihre Bestäuber sind in einem ausgeklügelten Netzwerk miteinander verwoben. Manche Insekten haben sich sogar gänzlich auf einzelne Pflanzenarten spezialisiert. Schon kleine Veränderungen können daher das System der Bestäubung langfristig aus dem Gleichgewicht bringen.
Finnischer Förster als Datensammler
Forscherinnen um Leana Zoller von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) haben nun am Beispiel Nordfinnlands untersucht, wie sehr sich die Bestäuber-Gemeinschaften im vergangenen Jahrhundert bereits verändert haben. Dazu betrachteten sie zunächst historische Daten des finnischen Förster Frans Silén. Zwischen 1895 bis 1900 hatte dieser in der Umgebung des Dorfes Kittilä – etwa 120 Kilometer nördlich des Polarkreises – systematisch erhoben, welche Insekten wie häufig welche Blüten besuchten.
Zollers Team begab sich anschließend auf die Suche nach den Stellen, an denen auch Silén bereits Blütenbesucher beobachtet hatte, und sammelte zu allen 17 Pflanzenarten, die damals in seine Erhebung eingegangen waren, neue Daten als Vergleichswerte. Seit Silén durch die finnische Landschaft gestreift ist, hat sich an dem Gebiet nicht viel verändert. Es ist immer noch dünn besiedelt und die Landnutzung ähnelt der von damals. Lediglich der Klimawandel ist dort mittlerweile deutlich zu spüren.
Klimawandel zwingt Bestäuber in die Knie
Der Klimawandel hatte offenbar deutliche Konsequenzen für die Bestäuber in der Region, denn der Vergleich zu damals enthüllt drastische Veränderungen in der Zusammensetzung der Insektengemeinschaften. Nur bei sieben Prozent der beobachteten Blütenbesuche waren dieselben Insekten- und Pflanzenarten beteiligt wie noch vor über 100 Jahren. Besorgniserregend ist laut den Forscherinnen vor allem, dass es heute deutlich weniger Insekten gibt, die sich auf bestimmte Blütenformen spezialisiert haben. So sind etwa die Zahlen von Schwebfliegen und Nachtfaltern – unter anderem aufgrund des Klimawandels – deutlich zurückgegangen. Da beide Spezialisten besonders effektive Bestäuber waren, verheißt ihr Schwund nichts Gutes, wie die Wissenschaftlerinnen vermuten.
Mittlerweile sind stattdessen Hummeln und Fliegen der Gattung Thricops die dominanten Blütenbesucher rund um Kittilä. Sie sind nicht auf einzelne Pflanzen spezialisiert, sondern gehören zu den Generalisten unter den Bestäubern. Das bedeutet allerdings, dass sie die Pollen aller möglichen fremden Pflanzenarten auf ein und dieselbe Blüte schleppen und deshalb in ihrem Job womöglich ineffizienter sind als ihre Vorgänger. Immerhin: „Bisher scheint das Bestäuber-Netzwerk in unserem Untersuchungsgebiet trotzdem noch gut zu funktionieren“, sagt Zoller. „Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass die Pflanzen heute zu wenig Pollen bekommen und sich deshalb schlechter fortpflanzen können.“ Doch das könne sich künftig vielleicht ändern. Auch den Fliegen, die mittlerweile den Bestäuber-Job von Nachtfaltern und Schwebfliegen übernommen haben, könnte es durch den Klimawandel irgendwann zu warm werden. Sollten sie in großen Zahlen sterben, ist vielleicht niemand mehr da, der das schwindende Bestäuber-Netzwerk kompensieren kann – und das längst nicht nur in Finnland.





