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»Besserer Geschmack durch Leidenschaft«
Godo Röben berät Unternehmen, Politik und Wirtschaft zu den Themen Alternative Proteine und Ernährungswende. Hier erklärt er, warum Start-ups Entwicklungstreiber sind, was es dafür braucht, dass die Gesellschaft überwiegend zu pflanzlichen Produkten greift, und wie man Menschen überzeugt, die dem Ganzen kritisch gegenüberstehen.
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Interview: Robin Schmidt
natur: Herr Röben, Sie schreiben im Buch „Vergesst Fleisch!“ von Christian Weymayr, dass 2025 die Veggie 4.0-Phase beginnt. Warum gerade in diesem Jahr?
Godo Röben: Ab 2025 werden neue Technologien eine Rolle spielen. Bisher sind Veggie-Fleisch- und Wurst-Produkte aus Alternativen Proteinen, Wasser und Gewürzen angemengt worden. Mortadella, Schnitzel, Frikadellen: All diese Produkte, bei denen die Verarbeitung im Vordergrund steht, konnte man bislang anbieten.
Wollte man aber ganze Fleischstücke haben – einen Rohschinken, ein Steak oder Medaillons beispielsweise –, die man eigentlich direkt vom Tier schneidet, war das nicht möglich, weil man die Technik nicht zur Verfügung hatte. Man bekam den Biss nicht hin. Es gibt jetzt einige Unternehmen, die genau das versuchen.
Was versuchen diese Unternehmen?
Ein Berliner Unternehmen zum Beispiel, Project Eaden, bei dem ich auch als Beirat beteiligt bin, hat die Idee, die Produkte aus ganz dünnen Fasern mit viel Druck zusammenzubringen – ähnlich wie bei einer Webmaschine für Stoff. Im Frühjahr bringt es einen Koch- und einen Rohschinken auf den Markt, bei dem man keinen Unterschied mehr schmecken wird, weil man die passende Struktur entwickelt hat.
Eine andere Idee ist der 3D-Druck. Das Unternehmen Revo Foods zum Beispiel macht Lachs und Thunfisch mit ebenjener Struktur, wie man sie von Fischen kennt. Es gibt noch viele weitere Hersteller, die sich mit der Technologie intensiv befassen.
Wo steht Deutschland denn aktuell in Sachen Alternative Proteine?
Produkte aus Alternativen Proteinen können tierische Produkte gut ersetzen. Am weitesteten fortgeschritten ist das bei der Milch; pflanzliche Milch ist im Massenmarkt angekommen und der Marktanteil liegt in Deutschland bei über zehn Prozent.
Im Fleisch- und Wurstbereich sind es erst drei bis vier Prozent, dennoch lassen sich hier in den letzten Jahren gute Wachstumsraten erkennen.
Im Fisch- und Ei-Bereich läuft es langsamer an, aber auch das ist auf einem passablen Weg. Deutschland zählt, neben England, den USA, Singapur, Israel und Kanada, schon jetzt zu den größten Märkten für Alternative Proteine.
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Sie sind als Berater für zahlreiche Unternehmen, aber auch die Politik tätig. Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Sehr bunt. In dieser Woche bin ich als Sprecher in Berlin bei einem Tierfutterhersteller, mit dem wir über veganes Hundefutter reden. Außerdem reise ich zu einer Aufsichtsratssitzung bei einem Molkereihersteller, bei der es darum geht, wie man möglicherweise in Lieferketten mit einsteigen kann. Mit Lidl und Rewe spreche ich in den nächsten Wochen darüber, wie sie ihre Klimaziele unter anderem mithilfe von Alternativen Proteinen in den Griff bekommen können.
Ich gehe aber auch in die Produktion von Unternehmen und schaue mir an, wie produziert wird. Ich kaufe dann auch Produkte in den Supermärkten und verkoste sie zu Hause, um den Firmen und Händlern, die ich berate, mitzuteilen, wo es beim Geschmack und Geruch noch Schwierigkeiten gibt, zum Beispiel weil noch zu viele Zutaten in den Produkten enthalten sind. Ich gebe den Händlern dann beispielsweise Ideen mit, mit wem sie besser zusammenarbeiten können und wer weniger Zusatzstoffe in seinen Produkten hat.
Sie haben sich in den 2010er Jahren monatelang dafür eingesetzt, Geschäftsführung und Belegschaft der Rügenwalder Mühle von der Produktion von Veggie-Wurst zu überzeugen. Wie gewinnt man Menschen, die dem Ganzen kritisch gegenüberstehen?
Jedenfalls nicht, in dem man als Missionar auftritt. Natürlich kann man seine persönliche Meinung kundtun. Aber sie hat zunächst mal keine Rolle für die Prozesse im Unternehmen zu spielen. Wenn ein Unternehmen vollkommen verschlafen hat, sich Alternativen zu tierischen Produkten zu überlegen, kann das zu einem Problem für sein Überleben werden. Aber: Jedem veganen Produkt, das es im Supermarkt zu kaufen gibt, merkt man an, ob die Geschäftsführung eines Unternehmens dahintersteht oder ob sie es nur macht, weil sie denkt, dass sie es machen muss. Bei Letzterem kommen einfach keine guten Produkte heraus, weil keine Leidenschaft darin steckt. Dafür ist es nicht notwendig, Veganer zu werden. Aber man muss die Überzeugung haben, dass alle Produkte, die das Werk verlassen, brillant sein sollen. Genau das versuche ich Unternehmen beizubringen.
Manchmal hilft auch Angst. In meinen Reden zähle ich den Unternehmern auf, welche einstigen Weltmarktführer – von Schlecker bis Nokia – es verschlafen haben, sich weiterzuentwickeln. So versuche ich, an all diejenigen zu kommen, die sonst keine Euphorie für solche Veränderungen verspüren. Natürlich sollte man da kein Drohszenario aufbauen, aber eben auch aufzeigen, was großen Unternehmen in der Vergangenheit bereits widerfahren ist.
Wenn ein Lebensmittelunternehmen diese Leidenschaft also nicht verspürt, sollte es sich nicht mit der Produktion von Alternativen Proteinen beschäftigen?
Am besten nicht. Aber dann verschläft es die Zukunft. Manchmal ist es auch notwendig, zu agieren und sich von der Geschäftsleitung oder wichtigen Mitarbeitern zu trennen, wenn sie den Kurs des Unternehmens nicht mit Leidenschaft mittragen können.
Ist Leidenschaft in diesen Fällen gleichzusetzen mit gutem Geschmack der Produkte?
Ja, über Leidenschaft erreiche ich einen besseren Geschmack. Normalerweise müssten Unternehmen wie Nestlé oder Unilever, die riesige Entwicklungsabteilungen und die finanziellen Möglichkeiten haben, die besten Produkte machen. Aber weder Garden Gourmet noch Vegetarian Butcher, die beide zu den großen Playern gehören, gelingt das aktuell.
Andere, kleinere Unternehmen dagegen stellen teilweise sehr gute Produkte her. So ist etwa die Frau des Inhabers von Billie Green an der Universität Münster auf zwei Studenten aufmerksam geworden, die einen
veganen Bacon ohne Zusatzstoffe hergestellt haben. Ihr Mann hat sich dann daran beteiligt und daraus Billie Green gegründet. Das Unternehmen hat inzwischen Unilever, Wiesenhof und Gutfried an Umsatz überholt. Und das ohne Hunderte Angestellte in der Entwicklungsabteilung.
Man muss mit Aromalieferanten, Maschinenherstellern und Universitäten arbeiten. Und mit Leidenschaft. Dann bekommt man schnell gute Ergebnisse in Sachen Geschmack hin.
Wenn man die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet, vom Feld bis in den Supermarkt: Muss man, wenn man nachhaltig wirtschaften will, immer auch lokal wirtschaften?
Ja, diese Auffassung vertrete ich absolut. Billie Green zum Beispiel bekommt 90 Prozent seines Weizens aus Deutschland, die Rügenwalder Mühle bezieht Soja aus Deutschland. Die meisten dieser Unternehmen versuchen, deutsche – oder zumindest europäische – Rohstoffe zu bekommen, schaffen das aber nicht immer.
Meiner Meinung nach sollten die entstehenden Produkte auch nur in Deutschland und vielleicht in angrenzenden europäischen Ländern verkauft und nicht interkontinental exportiert werden. Es ergibt auch wenig Sinn, Soja aus den USA nach Deutschland zu bringen, damit hierzulande zu produzieren und das Produkt dann nach China zu verkaufen. Das ist genau das, was das Klima nicht braucht.
Muss noch mehr für die Produktion von Rohstoffen in Deutschland getan werden?
Genau das ist es, was wir gerade mit der Politik besprechen. Das ist eine wahnsinnige Koordinationsaufgabe zwischen allen beteiligten Parteien, denn die Landwirte brauchen Sicherheit, dass sie diese Produkte auch loswerden.
Wäre die Landwirtschaft denn überhaupt flächendeckend auf den Anbau von Alternativen Proteinen vorbereitet?
Das ist ein Denkfehler, den viele machen. Man braucht nur ein Zehntel der zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Fläche, denn aktuell nehmen wir den Weizen oder Soja häufig, um damit Schweine zu füttern, bis sie geschlachtet werden. Aber je weniger Tiere gefüttert werden müssen, umso mehr kann man Flächen für ökologische Landwirtschaft nutzen.
Wenn wir das Ganze innerhalb von 50 Jahren so umbauen, dass wir unseren „Fleisch“bedarf zu 70 Prozent über Alternative Proteine decken und nur noch 30 Prozent über Tierhaltung, dann können auch die Tiere wieder draußen gehalten werden, wie in der ökologischen Landwirtschaft üblich. Dann sieht man auf den Feldern wieder Schweine, Rinder und auch Geflügel in der Form, wie diese Tiere leben sollten – und zwar für mehrere Jahre und nicht nur für sechs Wochen bis zur Schlachtung. Wenn Tiere beispielsweise zehn Jahre lang leben, dann kann man sie auch voller Hochachtung essen, weil es ihnen gut ging.
Glauben Sie wirklich, dass die Mehrheit der Gesellschaft in 50 Jahren Überzeugungstäter ist?
Ja, daran glaube ich felsenfest. Rational betrachtet, müsste es schon in sechs bis sieben Jahren so weit sein, denn das Hindernis des Geschmacks wird in diesem Zeitraum vollumfänglich gelöst werden.
Auch in der Preisfrage werden wir in den kommenden Jahren eine grundlegende Umkehr erleben. Vor drei Jahren waren die Fleisch- und Wurstersatzprodukte durchschnittlich noch 65 Prozent teurer als Tierprodukte; eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass diese Zahl nur noch bei 30 Prozent liegt.
In vielen anderen Kategorien, beispielsweise bei Milch oder Sahne, ist das pflanzliche Produkt bereits günstiger. Wenn es also gut schmeckt, billiger ist, weniger schlecht für meine Gesundheit und gut für Tiere und das Klima ist: Warum sollte man dann nicht ausschließlich – oder zumindest hauptsächlich – zu Alternativen Proteinen greifen?
Warum dauert es dann, Ihrer Einschätzung nach, noch rund 50 Jahre?
Der Mensch lernt wahnsinnig langsam. Es kommt viel darauf an, wie man als junger Mensch sozialisiert worden ist. Da gehen noch ein bis zwei Generationen drauf, bis man gelernt hat, dass Pflanzenmilch und Veggie-Wurst im Kühlschrank ganz normal sind. In 50 Jahren aber werden wir meiner Einschätzung nach bei den 70 Prozent sein, weil alles für pflanzliche Proteine spricht.
Könnten Supermarktketten die Zukunft der Alternativen Proteine nicht enorm beschleunigen, indem sie noch mehr Veggie-Produkte anbieten?
Das würden sie gerne, aber noch fehlt es in der Masse an hochwertigen Produkten. Die großen Händler wie Rewe, Edeka oder Lidl, aber auch Möbelhäuser wie Ikea, das mit seiner Systemgastronomie einen dreistelligen Millionenumsatz erwirtschaftet, müssen ihre Klimabilanzen voranbringen. Jeder dieser Händler sagt mir, dass dafür allen voran Alternative Proteine essenziell sind. Solaranlagen auf dem Dach oder Elektroparkplätze sind nur Tropfen auf den heißen Stein. Das führt zu wahnsinnigem Druck auf die gesamte Branche der Produzenten.
Hersteller müssen zusehen, dass sie schnell bessere Produkte erzeugen, weil der Handel und die Gastronomie danach lechzen. //
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