Text: Hartmut Netz
Dass man mit Hopfen Bier braut, hat Tradition. Dass die krautige Kletterpflanze auch als Baustoff taugt, ist neu. Die zunächst als Scherz gemeinte Idee kam zwei Münchner Studenten beim gemeinsamen Bier im Wohnheim. Das Gespräch drehte sich um regionale Produktion und pflanzliche Werkstoffe: Bei dem Thema liegt im Bierland Bayern der Gedanke an Hopfen natürlich nahe. Aus einem Scherz wurde Hopfon – ein Start-up der Technischen Universität München, das noch 2024 als erstes Produkt aus Hopfen Akustik-Dämmplatten auf den Markt bringen will. Dass sich die Pflanze als Baumaterial eignet, liegt vor allem an ihrer faserigen Struktur und der sich daraus ergebenden hohen Zugfestigkeit. Hinzu kommt der holzige Kern – die sogenannte Schäbe, die den aus Hopfen gefertigten Materialien ausreichend Druckstabilität gibt. Die dämmenden Eigenschaften sind ähnlich gut wie die von Hanf, einem biologisch nahe Verwandten. Das macht Hopfen interessant für die Herstellung von Baupaneelen zur Schallisolierung und Wärmedämmung oder von Leichtbauwänden für den Innenausbau.
Der bessere Rohstoff
Auf künstliche Zusatzstoffe wollen die Münchner Entwickler verzichten, und die Hopfenpioniere haben das Ziel, kreislauffähige Materialien zu produzieren, die sich nach Nutzungsende problemlos in ihre Bestandteile trennen und als Ausgangsstoff für neue Produkte verwenden lassen. Innerhalb Deutschlands sind die Transportwege kurz und der Rohstoffnachschub ist garantiert, denn die Hallertau vor den Toren Münchens ist das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Von der Ernte werden nur etwa 20 Prozent zum Bierbrauen benötigt, der Rest ist Abfall – oder eben zukünftig Rohstoff für solche „gehopften“ Baumaterialien.
Die Gründung von Hopfon fällt in eine Zeit, in der Forschende angestrengt nach Alternativen zu herkömmlichen Baustoffen suchen. Schon allein durch den Universalbaustoff Beton, der wie kein anderes Material die moderne Welt prägt, gehört die Baubranche heute zu den größten Umweltsündern. Damit Beton aushärtet, wird Zement benötigt – ein aus Kalkstein und Ton gebranntes Bindemittel, bei dessen Produktion prozessbedingt große Mengen an Klimagasen freiwerden. Die globale Zementindustrie bläst jährlich rund drei Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre und ist damit für etwa acht Prozent des weltweiten Ausstoßes verantwortlich. Wäre sie ein Land, würde sie nach den USA und China den dritten Platz unter den größten CO2-Verschmutzern belegen.
Immenser Hunger nach Ressourcen
Der Klimagasausstoß der Baubranche wird flankiert von einem gewaltigen Ressourcenhunger. Einer Analyse der Unternehmensberatung Drees & Sommer zufolge, verschlingt die europäische Bauwirtschaft fast die Hälfte aller Rohstoffe. Laut Umweltbundesamt wurden 2020 allein in Deutschland für den Bau von Straßen, Brücken und Häusern über 220 Millionen Tonnen Naturstein und mehr als 260 Millionen Tonnen Sand und Kies abgebaut. Hinzu kommen Kupfer und Eisen für die Fertigung von Kabeln, Rohren und Stahlträgern, sowie Erdöl für Dämmplatten, Abwasserrohre und andere Kunststoffprodukte.





