Text: Ralf Stork
Weihnachten 2023 begann es in Norddeutschland heftig zu regnen und hörte tagelang nicht auf. In der Folge traten Flüsse wie Weser, Aller, Elbe, Ems, Leine und Oker über die Ufer. Wiesen, Wälder und Ackerflächen, aber auch Straßenzüge, Keller und Wohnungen wurden überschwemmt. Allein in Niedersachsen entstanden Schäden von rund 160 Millionen Euro.
Menschen leben seit jeher am Wasser. Sie haben gelernt, die Flüsse zu zähmen, vor Hochwasser die Deiche zu verstärken oder bedrohte Siedlungen zu evakuieren. Ist die Flut unerwartet oder besonders schnell, kann es trotzdem jederzeit zu einer Katastrophe kommen, wie im Juli 2021 im Ahrtal oder Ende 2024 in Spanien. Während Menschen im Vorfeld eines Hochwassers zumeist gewarnt werden und sich in Sicherheit bringen können, treffen hohe Wasserstände die Arten im und am Fluss unvorbereitet. Was bedeutet so ein Ereignis für die Tier- und Pflanzenwelt? Ist es für sie ebenfalls eine Katastrophe oder sind sie an die schwankenden Bedingungen angepasst?
Leben im Fluss
„Viele Flussarten sind auf regelmäßige Hochwasser angewiesen“, sagt Christian Wolter. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) mit den Fischbeständen großer Fließgewässer. „Ein Fließgewässer ist ein störungsdominiertes System“, sagt er. Das heißt, erst durch die regelmäßigen Hoch- und Niedrigwasser kann es sein Potenzial voll entfalten und zum Lebensraum mit einer sehr großen Artenvielfalt werden.
Auch wenn das bei den vielen Regulierungen und Deichen häufig nicht mehr ersichtlich ist: Zu jedem Flusssystem gehören meist zahlreiche Nebengewässer sowie Flussauen, die regelmäßig, gelegentlich oder selten überflutet werden. Für diese unterschiedlichen Bereiche sind jeweils bestimmte Fische charakteristisch. „Im Fluss selbst leben im Unterlauf Arten wie Döbel, Zährte, Barbe und Nase“, sagt Wolter. Sie brauchen für die Eiablage einen kiesigen Untergrund. Sie sind auf regelmäßiges Hochwasser angewiesen, weil nur bei höheren Fließgeschwindigkeiten feine Sedimentablagerungen vom Kies gespült werden, auf dem die Fische laichen. Brassen dagegen suchen zum Laichen Altarme auf. Das sind ehemalige Mäander, die noch mit dem Fluss verbunden sind, aber nur eine geringe Strömung haben. Rapfen laichen ebenfalls im Fluss; bei ihnen ziehen jedoch die Jungfische später in die strömungsärmeren Altarme.
Kinderstube auf der überfluteten Wiese
„Periodische Hochwasser sind für die Brut fast aller Fischarten überlebenswichtig“, sagt Wolter. Viele Fische sind auf Hochwasser angewiesen, weil sie sich in Gebieten außerhalb des Flusses fortpflanzen, die sie nur aufsuchen können, wenn eine Überflutung eine Verbindung herstellt. Auch die Fischbrut wächst dann dort heran. Der Auenbereich, der auch bei kleinen Hochwassern, die alle ein bis zwei Jahre auftreten, überflutet wird, ist eine der wichtigsten Kinderstuben für viele Fische. „Der Hecht ist ein typischer Vertreter der Fische, die überstaute Wiesen für die Fortpflanzung brauchen“, sagt Wolter; das gilt auch für Güster, Zope und Brasse.





