Lebensraumverlust und vor allem das begehrte Horn wurden dem Nördlichen Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum cottoni) zum Verhängnis. Im Jahr 2018 kam dann die Nachricht, die das Schicksal der Art endgültig zu besiegeln schien: Der letzte Bulle war gestorben. Damit waren nur noch die beiden Nashorndamen Fatu und Najin übriggeblieben. Natürliche Fortpflanzungsmöglichkeiten gab es somit nicht mehr. Dennoch wollten sich die Freunde der charismatischen Dickhäuter noch nicht geschlagen geben: Für den Fortbestand der Art werden im Rahmen des internationalen Konsortiums BioRescue alle Register der Reproduktionstechnik gezogen.
Dabei verfolgen die Wissenschaftler zwei Strategien: Verfahren der assistierten Reproduktion sollen für Nachwuchs sorgen und außerdem wollen sie im Labor aus Hautzellen des Nördlichen Breitmaulnashorns Stammzellen und schließlich Eizellen erzeugen. Was die assistierte Reproduktion betrifft, ist das Team bereits weit vorangekommen: Der Nashorndame Fatu wurden Eizellen entnommen und im Labor mit dem aufgetauten Sperma des letzten Bullen befruchtet. So sind mittlerweile 14 Embryonen entstanden, die nun in flüssigem Stickstoff lagern. Sie sollen bald Leihmüttern des Südlichen Breitmaulnashorns einpflanzt werden, um für Nachwuchs zu sorgen.
Ein zweiter Ansatz ist nötig
Um für eine Basis zum Fortbestand der Art zu sorgen, reicht das aber nicht aus. „Najin und Fatu sind zu eng miteinander verwandt und ihre Erbanlagen teilweise identisch“, sagt BioRescue-Projektleiter Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung. „Von Najin konnten wir aufgrund ihres Alters und Beeinträchtigungen im Reproduktionstrakt auch keine Eizellen gewinnen, aus denen erfolgreich Embryonen erzeugt werden konnten. Alle 14 Embryonen stammen deshalb von Fatu. Wir brauchen daher dringend eine komplementäre Strategie, um von deutlich mehr Individuen Gameten – also Eizellen und Spermien – zu erzeugen.“
Deshalb verfolgt das Team zusätzlich die Stammzell-Strategie. Dabei ist das Team um Vera Zywitza vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin (MDC) nun einen großen Schritt vorangekommen. Wie sie erklären, sind für die Erzeugung von Eizellen besondere Einheiten nötig: sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen), die theoretisch aus allen Zellen des Körpers gewonnen werden können. Zywitza und ihre Kollegen arbeiten bei der Entwicklung ihres Verfahrens eng mit Forschern zusammen, die bereits bei Mäusen erfolgreich waren: Dem Team um Katsuhiko Hayashi von der japanischen Kyushu-Universität gelang es 2016 aus Hautzellen der Nager Eizellen zu generieren, diese künstlich zu befruchten und weiblichen Mäusen einzupflanzen. So entstand gesunder und fruchtbarer Nachwuchs.





