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Interview: "Aus Evolutionssicht ist der Mensch Beute"
„Seit ich denken kann, frage ich mich: Warum?“ Mit dieser durch und durch neugierigen Haltung geht Karsten Brensing (59) auch heute als renommierter Meeresbiologe, Verhaltensforscher und Sachbuchautor (unter anderem „Die Magie der Gemeinschaft“ und „Wie Tiere denken und fühlen“) an die Erforschung der Natur und ihrer kulturellen Vielfalt heran. Diese ist keinesfalls nur menschlichen Ursprungs – wird aber vom Menschen bedroht. Das, so Brensing, sorge fast zwangsläufig für Konflikte.
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Interview: Rolf Heßbrügge
„Seit ich denken kann, frage ich mich: Warum?“ Mit dieser durch und durch neugierigen Haltung geht Karsten Brensing (59) auch heute als renommierter Meeresbiologe, Verhaltensforscher und Sachbuchautor (unter anderem „Die Magie der Gemeinschaft“ und „Wie Tiere denken und fühlen“) an die Erforschung der Natur und ihrer kulturellen Vielfalt heran. Diese ist keinesfalls nur menschlichen Ursprungs – wird aber vom Menschen bedroht. Das, so Brensing, sorge fast zwangsläufig für Konflikte.
natur: Angriffslustige Bussarde in Deutschland, wütende Elefanten in Afrika, Leoparden-Attacken in Indien, die Liste ist lang. Herr Dr. Brensing, warum gibt es gefühlt immer mehr tierische Aggression gegen Menschen?
Brensing: Wenn all diese Vorfälle einen gemeinsamen Nenner haben, dann die Überschneidung von Lebensräumen. Weltweit gibt es einen Habitatverlust für Tiere, der Mensch dringt immer weiter vor. Gleichzeitig gibt es vielerorts Artenschutzmaßnahmen, durch die sich tierische Populationen stabilisieren oder gar wachsen. Das kann zu kritischen Situationen führen: etwa wenn eine große Anzahl japanischer Bären durch den Klimawandel oder ein Jahr mit dünner Ressourcenlage Mangel leidet und zur Nahrungssuche ihr angestammtes Gebiet verlässt.
Was sind wir für die Bären? Sehen sie uns als Nahrung oder als Nahrungskonkurrenten?
Am ehesten vielleicht als Nahrungsbereitsteller. Bären suchen die menschliche Nähe, weil sie dort Lebensmittelreste finden. Nahbegegnungen mit dominanten Arten wie Braun- oder Schwarzbären können aber gefährlich sein – erst recht, wenn Ressourcen im Spiel sind. Um die Tiere fernzuhalten, müssen Mülltonnen immer gut verschlossen sein.
Wie sollte man idealerweise reagieren, wenn man einem gefährlichen Tier gegenübersteht?
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Untersuchungen von Anthropologen zeigen: Bei Arten, die uns als Nahrung betrachten könnten, sollte man den Augenkontakt suchen. Zu dieser evolutionsbewährten Strategie greifen indigene Völker, etwa in Afrika oder Asien. Sie entscheiden sich durch Metakognition, sprich reflektiertes Denken, bewusst gegen den genetisch programmierten Fluchttrieb. Dadurch merkt das Raubtier: Moment, das hier ist womöglich gar keine Beute, sondern selbst etwas Gefährliches. Aus Evolutionssicht sind wir Menschen ja eher Beutetiere. Erst durch kluge Kooperationen und technischen Fortschritt konnten wir dieser Rolle allmählich entkommen.
Sollten wir einen Grizzly also frontal anvisieren?
Bei Bären ist es komplizierter. Für die sind wir keine klassische Beute, eher eine Bedrohung. Daher sollte man Passivität ausstrahlen, sich langsam entfernen, ohne ihnen den Rücken zuzukehren. Noch schwieriger wird’s bei Elefanten: Die sind wie wir zu Metakognition fähig, können reflektieren und durchaus unkonventionelle Entscheidungen treffen, in die auch eigene biografische Erfahrungen einfließen. Dabei gibt es zwei typische Konfliktfälle: Mütter, die ihr Kalb schützen wollen, oder aggressive Jungbullen. Mit Letzteren gibt es die größten Probleme, weil sie mitunter kaum sozialisiert sind.
Schuld trägt beispielsweise die Elfenbein-Wilderei: Alte Kühe, die der Herde die eigene Kultur, ihr Wissen und soziales Verhalten – auch gegenüber fremden Arten – vermitteln, werden häufig wegen ihrer Stoßzähne getötet. Zurück bleiben psychisch gestörte Jungtiere. Wenn sich dann solche Bullen zu Gruppen zusammenschließen, verstärkt sich asoziales Verhalten oft und Randale ist vorprogrammiert.
Orcas sind ähnlich organisiert wie Elefanten: Alte Matriarchinnen geben die eigene Kultur an nachfolgende Generationen weiter. Was treibt jene Orcas an, die im Atlantik Segelboote attackieren?
Die einzige Gruppe weltweit, die so etwas tut, ist die „Gibraltar-Population“. Diese Orcas, einige Dutzend, verteilt auf wenige Schulen, leben seit Langem stark isoliert. Für eine gesunde Population bräuchte es mindestens ein paar Hundert Tiere, die sich genetisch austauschen. Hier kann man also von Inzucht sprechen. Diese Orcas haben nun eine Kultur entwickelt, in der es für die Tiere offenbar Sinn macht, Boote anzugreifen.
Warum?
Das Ganze begann kurz nach dem ersten weltweiten Corona-Shutdown, als die Schifffahrt wieder zunahm. Zuvor war es im Atlantik zeitweise paradiesisch still gewesen. Dazu muss man wissen: Orcas sind für ihre Orientierung fast vollständig auf ihren Hörsinn angewiesen. Ihre gesamte Kommunikation, auch die Partnersuche, leidet unter dem Lärm. Große Walarten haben einen Kommunikationsradius von 2.000 Kilometern, der durch Schiffsgeräusche aber schnell auf 200 Kilometer reduziert wird. Vielleicht nehmen sich die Orcas, die wie Elefanten zu Metakognition fähig sind, nun einfach jene Boote vor, gegen die sie etwas ausrichten können. Kunststoff-Segelboote und deren Ruderblätter sind ein leichteres Ziel als riesige Containerschiffe aus Stahl. Aber das ist reine Spekulation, genau weiß es keiner.
Inzwischen haben die Orcas mindestens ein Segelboot zum Kentern gebracht. Sie sind selbst Segler: Verstehen Sie Forderungen nach harten Maßnahmen?
Die Kenterung war wohl ein „Betriebsunfall“. Sonst hätten die Orcas vermutlich beschlossen, das Ganze zu wiederholen. Das haben sie nicht. Dennoch sind die Attacken mehr als nur Dummejungenstreiche, denn die meist jugendlichen „Täter“ werden von erwachsenen Tieren begleitet, die das rowdyhafte Verhalten dulden. Vielleicht ist es auch eine Art Jagdtraining. Diese Orcas zu töten oder zu verletzen, ist jedenfalls keine Option.
Viele Segler wollen die Tiere mit Böllern abschrecken.
Andere führen Sand mit, um ihn den Orcas in die Augen zu streuen – oder sie ziehen Unterwasserlautsprecher hinter ihrem Boot her, die extrem unangenehme Töne produzieren. Das sind sehr, sehr aggressive Vergrämungsmaßnahmen, die eine Weile gutgehen mögen, die aber auch zu Gegenmaßnahmen durch die Meeressäuger führen können. Man muss verstehen: Orcas sind kluge, fühlende Wesen. Wir teilen kognitive und emotionale Fähigkeiten mit ihnen, die schon weit vor der Menschwerdung entstanden sind.
Was würden Sie bei einer Begegnung mit diesen Orcas tun?
Ich habe das Revier selbst durchsegelt, mit einer eher verhaltensforscherisch geprägten Strategie: Ich hatte Lautsprecher an der Innenseite meines Bootsrumpfes befestigt, um bei einem Aufeinandertreffen – ich bin den Orcas letztlich nicht begegnet – klassische Musik abzuspielen. Das hätte Neugier ausgelöst. Hätten sich die Tiere meinem Ruder genähert, hätte ich die Musik ausgemacht. So hätten sie vielleicht verstanden: Okay, Abstand wahren, sonst dürfen wir die schönen Klänge nicht mehr hören.
Ist Abstand auch das Gebot für den weltweiten Safari-Tourismus?
Unbedingt. Viele Whale Watching-Anbieter etwa wollen ihre Kunden möglichst nah ranbringen, ihnen eine „einmalige Erfahrung“ liefern. Hier gibt es eine Diskrepanz zwischen touristischer Erwartung und unternehmerischer Vernunft: Nachhaltig Geld verdienen können Anbieter nur, wenn die Wale nicht so stark bedrängt werden, dass sie sich unwohl fühlen. Sonst gibt es automatisch weniger Nachkommen, die Population bricht ein, das Geschäftsmodell des Whale Watching ist am Ende. Es ist ja toll, solchen Tieren mal näher zu kommen – aber bitte nie so nahe, dass es ihren Alltag stört. Südafrika erlaubt deshalb immer nur ein Boot pro Bucht.
Kann künstliche Intelligenz uns helfen, Wildtiere und ihre Befindlichkeiten besser zu verstehen?
KI ist wahnsinnig gut in Mustererkennung und -interpretation, auch bei Verhaltens- oder akustischen Mustern. Tiere wie Orcas oder Elefanten sind zu vokalem Lernen fähig: Sie können ihr Leben lang neue Laute ins Repertoire aufnehmen. Andere, etwa manche Affenarten, haben nur ein geringes Spektrum, können diesen Lauten aber je nach Kontext verschiedenste Bedeutungen geben. Dank KI kann man viele dieser Tierarten heute sehr viel besser verstehen.
Kann KI auch tierische Sprachen synthetisieren, sodass wir mit anderen Arten „reden“ können, um Konflikte abzuwenden?
Das ist keine Utopie, daran arbeiten viele. Es gibt bereits Ethik-Debatten darüber, wie wir mit diesen Fähigkeiten umgehen sollten. Natürlich kann man versuchen, Elefanten vor dem Besuch menschlicher Dörfer zu warnen, um Konflikte zu verhindern. Stand heute weiß man aber nicht, was das bei ihnen auslösen würde. Die Tiere könnten dank ihrer Metakognitionsfähigkeit beschließen, erst recht das Gegenteil zu tun. Ich rate also, solche Experimente behutsam anzugehen und sie eingehend wissenschaftlich zu begleiten.
Sie selbst sind ein gefragter Experte in diversen Medien. Welche Wirkung haben spektakuläre Handyvideos von Tier-Mensch-Konflikten, die im Netz kursieren?
Die erzeugen enorme Verstärkungseffekte, zumal die Algorithmen unsere Informationsauswahl überwachen und uns vermehrt solche Themen vorsetzen. So gewinnt man schnell den Eindruck, alle Wildtiere seien gemeingefährlich. Umso wichtiger ist es, ein möglichst breites Wissen zu besitzen, um Information oder Desinformation richtig einordnen zu können. Wir Menschen sind letztlich auch nur Tiere: dafür geschaffen, in kleinen sozialen Gruppen zu überleben. Alles, was darüber hinausgeht, bereitet uns Probleme bei der kognitiven Einordnung.
Kann KI uns einen ethisch korrekten Umgang mit Wildtieren vermitteln?
Irgendwann vielleicht. Noch aber mangelt es der KI an dieser Fähigkeit, Dinge in ein komplexeres Weltbild einzuordnen, Plausibilitäten einzuschätzen oder ethische Fragen abzuwägen. Irgendwann aber werden diese Entitäten – ebenso wie viele Tiere – eigenständig denken, fühlen und urteilen. Deshalb ist es auch so wichtig, der KI, der wir gerade das Schicksal unserer Erde in die Hände legen, nicht nur bloßes Wissen zu vermitteln, sondern auch Werte wie Fairness und Koexistenzvermögen.
In Japan rückte zuletzt die Armee aus, um Problembären zu fangen. Ab welchem Punkt plädieren Sie für Abschüsse?
Grundsätzlich gar nicht. Ich suche lieber nach Lösungen. Natürlich gibt es so etwas wie Notwehr, dieses Recht würde ich Betroffenen jederzeit zugestehen. Zöge man mich als Wissenschaftler zurate, würde ich die Situation vor Ort genau studieren, um eine nachhaltige Strategie zu finden. In Kanada hat man problematische Bären vorübergehend eingefangen, sie tagelang in kleinen Kisten gehalten, in denen sie mächtig Hunger litten, und sie erst danach wieder freigelassen. Seither assoziieren die Tiere den Menschen mit Gefahr und meiden ihn. Umgekehrt sollten auch Menschen bestimmte Reviere meiden – zumindest phasenweise. Wenn ich weiß, bei den heimischen Bussarden ist gerade Brutsaison, mache ich möglichst einen Bogen um ihre Horste. Dann werden sie mich auch nicht attackieren. //
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