Text: Kurt de Swaaf
Die Ersten tauchten dieses Mal schon Mitte Februar auf. Wie jedes Jahr, standen plötzlich Bataillone von Osterhasen in den Supermarktregalen, daneben tütenweise metallisch-bunte Eier und anderer Naschkram – Frühlingsvorboten der industriellen Sorte. Den meisten dieser Süßwaren gemein ist ihre Hauptzutat: Schokolade. Ohne sie wären Feiertage in unserem westlichen Kulturkreis kaum noch denkbar. Die braune Vermählung aus Zucker, Fetten und Kakao verzaubert Jung und Alt; statistisch gesehen verzehrt jeder Bundesbürger jährlich knapp zehn Kilogramm davon. Schokolade ist somit Alltag und Luxus zugleich. Beim Anblick edler Pralinen in den Vitrinen einer Chocolaterie deutet allerdings nichts mehr auf die eigentliche Herkunft der begehrten Süßigkeit hin. Und die ist so gar nicht nobel.
Kinder des Dschungels
„Ursprünglich kommt der Kakaobaum aus dem Unterwuchs des Regenwaldes“, erklärt die Agrarökologin Wiebke Niether von der Universität Gießen. Die Pflanzen mit botanischem Namen Theobroma cacao sind also echte Dschungelkinder, Geschöpfe der tropischen Wildnis – was sich zum Teil auch bei den heutigen kultivierten Sorten noch zeigt. Ihr angestammter Lebensraum ist feucht und warm zugleich, aber geprägt von Lichtmangel, wie Niether betont. Kakao sei bestens daran angepasst. Mit einer maximalen Wuchshöhe von 20 Metern können die Bäume zwar nicht in die obersten Waldetagen hineinreichen, ihre Blätter indes dürften über eine verbesserte Fotosyntheseleistung zur optimalen Nutzung des wenigen Lichts verfügen. Sie weisen höhere Chlorophyll-Konzentrationen und weitere Anpassungen auf, berichtet Niether.
Um die ökologischen Rahmenbedingungen solcher Entwicklungen besser skizzieren zu können, ist ein kurzer Szenenwechsel nach Costa Rica hilfreich. In der Provinz Puntarenas nahe der Pazifikküste liegt der Nationalpark Piedras Blancas. Das Schutzgebiet ist umgeben von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Ölpalmforste und Viehweiden wechseln einander ab, direkt an der Parkgrenze liegt außerdem eine verlassene Kakaoplantage. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Areal kaum von einem natürlichen Wald. Die verbliebenen Kakaobäume wachsen lang gestreckt nach oben, dem wenigen Licht entgegen; an den Stämmen hängen hier und da ein paar gelbe Früchte. Im Dickicht dieser grün-dämmrigen Brutkammer scheint die Luft vor lauter Hitze und Feuchtigkeit fast flüssig zu sein. Später, nach Sonnenuntergang, ertönt das Konzert Hunderter Frösche. Eine beeindruckende Ode an das Leben.
Begehrt bei Mensch und Tier
Kakao wird heute in Tropenregionen rund um den Globus angebaut; seine alte Heimat aber ist wahrscheinlich das nordwestliche Einzugsgebiet des Amazonas. Fachleute glaubten allerdings lange, Theobroma cacao stamme von der mittelamerikanischen Halbinsel Yucatan oder aus angrenzenden Gefilden. Das lag wohl an der frühen Nutzung von Kakaobohnen durch die menschliche Bevölkerung dort. Sie galten den Mayas zusammen mit Mais als Symbol für Fruchtbarkeit. Seinen kulinarischen Wert indes verdankte – und verdankt – Kakao zu einem guten Teil dem Theobromin, einem Alkaloid, dessen molekulare Struktur fast der von Koffein gleicht. Wie Letzteres hat Theobromin ebenfalls eine anregende Wirkung. Interessanterweise dienen solche Alkaloide eigentlich zur Verteidigung, denn die bitteren Stoffe sind für viele Tiere giftig. Im Falle des Kakaos sollen so die Samen, die übrigens auch Koffein enthalten, vor hungrigen Mäulern geschützt werden. Die Evolution hat die Bohnen mit chemischen Kampfmitteln ausgestattet.





