Text: Inge Behrens
Baumaschinen, Verkehr, Sirenen – dem Lärm der Zeit entkommt der moderne Mensch kaum. Sobald er einen Schritt vor die Tür setzt, wird es laut. Egal, ob auf dem Land oder in der Stadt, trotz aller Umweltauflagen ist die Luft obendrein oft ziemlich schmutzig. Neben dem alltäglichen Arbeitsdruck treibt beides den Stresspegel weiter in die Höhe.
Waldbaden – mehr als ein Spaziergang
Wer runterkommen und Kraft tanken möchte, kann das im Wald. Während die meisten Europäer eher im Stechschritt den Wald durchpflügen, tauchen die Japaner tief in die Waldatmosphäre ein. Shinrin Yoku, was so viel wie Baden im Wald heißt, ist in Japan eine anerkannte Methode, um Stress zu reduzieren und das Wohlgefühl zu verbessern. In Japan, aber auch in Korea, gehört das Waldbaden wie das Zähneputzen zum gesunden Lifestyle.
Shinirin Yoku ist viel mehr als nur ein Spaziergang unter Bäumen, sondern gewissermaßen eine Kunst, deren Zauberformel Langsamkeit plus Aufmerksamkeit heißt. Um die Natur intensiv zu spüren und zu erleben, werden mit verschiedenen Übungen bewusst alle Sinne geöffnet und immer wieder aufs Neue stimuliert. „Wir riechen, schmecken, tasten, sehen und hören; so kommen die Menschen raus aus dem Kopf und rein in die sinnliche Wahrnehmung und ins Fühlen“, erzählt Claudia Keil-Werner, zertifizierte Kursleiterin für Waldbaden & Achtsamkeit und ausgebildete klinische Waldtherapeutin aus Hamburg.
Weil in unserem Alltag sowohl der Geruchssinn als auch der Tastsinn meist vom Sehsinn überlagert werden, praktiziert sie während ihres mehrstündigen Waldkurses immer auch die beiden Übungen „Blindriechen“ oder „Blindfühlen“. „Schalten wir das Sehen aus, riechen und spüren wir anders“, weiß Claudia inzwischen. Tatsächlich ist es eine erstaunliche Erfahrung, einen Pilz wie den Bovist mit geschlossenen Augen zu erfühlen und an Moos oder Vogelmiere zu schnuppern. „Das sinnliche Erleben ermöglicht es Menschen, sich wieder als Teil der Natur wahrzunehmen und sich mit ihr zu verbinden“, erklärt die Waldtherapeutin.
Wie die Naturverbundenheit wächst und gedeiht
Damit das auch wirklich klappt, bereiten die Waldtherapeuten ihre Kursteilnehmerinnen wie bei einer gut inszenierten Zeremonie behutsam Schritt für Schritt auf das intensive Naturerleben vor. Bevor jeder einzelne Sinn angesprochen wird, gilt es erst einmal, den Körper wahrzunehmen, im Hier und Jetzt und im Wald anzukommen. Danach wird „das langsame Gehen in Stille“, praktiziert, eine Art Gehmeditation. Um ihre Umgebung bewusst wahrzunehmen, bewegen sich die Teilnehmer im Schneckentempo 15 Minuten möglichst schweigend durch den Wald. „Das betont langsame Gehen ist für viele Teilnehmer in unserem schnell getakteten Alltag eine Herausforderung, doch es hilft ihnen, sich wieder Langsamkeit zu erlauben und zu entschleunigen“, erklärt Claudia. Auch zwischen den acht bis zehn Übungen lädt sie ihre Teilnehmerinnen immer wieder zum absichtslosen Schlendern ein, damit sie ihren Blick schweifen lassen können. Plötzlich hören sie den Gesang der Singdrossel, das Rauschen der Blätter, sehen das Licht, das durch das grüne Laubwerk sickert oder spüren einen Lufthauch auf ihrem Gesicht. Danach schauen wir noch intensiver, etwa auf die sich perlenden Wassertropfen auf einem Blatt oder auf die winzigen Pilze im saftigem Moos. Während all diese Übungen den meisten Spaß bringen, kostet die Übung „Kontakt aufnehmen zu einem Baum“ den ein oder anderen echte Überwindung. Manche finden es albern, ihn gar wie einen Freund oder eine Partnerin zu umarmen. Aber das müssen sie auch nicht. „Für viele fühlt es sich gut an, sich an einen Baum anzulehnen und den starken Stamm im Rücken zu spüren und dort zu verweilen“. Dass wir Menschen uns in der Gemeinschaft der Bäume von ihnen gestützt und sogar verstanden fühlen, ist gar nicht so merkwürdig. Peter Wohlleben, Deutschlands bekanntester Förster und Autor, sieht in Bäumen fühlende Wesen, die in vielen Verhaltensweisen dem Menschen ähneln. Sie kommunizieren nicht nur über die Duftstoffe, die sogenannten Terpene, sondern auch über ein riesiges Pilzgeflecht, das Myzel, miteinander. Auch kreative Übungen werden beim Waldbaden praktiziert. So sammeln Teilnehmerinnen etwa intuitiv die Schätze des Waldes, um daraus ein Waldkunstwerk zu schaffen. „Viele haben große Freude daran, ohne Druck etwas zu kreieren. Denn dabei erwacht oftmals das innere Kind und die spielerische Freude am Entdecken“. Zum Schluss suchen sich jeder und jede alleine einen Platz in der Natur, an dem sie 15 bis 20 Minuten einfach „nur sein“ können und den Moment mit allen Sinnen genießen. Bleibt dann noch Zeit, versammelt sich die Gruppe noch einmal auf einer Lichtung zu einer kleinen Teezeremonie. Dabei gilt es, dem Wald zu danken, das Erlebte Revue passieren zu lassen und sich auszutauschen. Die meisten seien begeistert und wieder entspannter, weil sie in der Natur so sein können wie sie sind, so Claudia.





