Text: Xenia El Mourabit
Anfang der 2000er Jahre brach der Biologe Carlos Driscoll auf zu einer Weltreise. Sein Weg führte ihn fast überall dahin, wo es Katzen gab. Denn für seine Promotion sammelte er DNA-Proben von kleinen Wild- und Hauskatzen. Dabei scheute Driscoll keine Mühen: Er fuhr nach Israel und Kasachstan, in die Mongolei, nach China, Namibia und Südafrika, nach Deutschland, Frankreich, Serbien, Kroatien, Bulgarien und in viele weitere Länder. Keine Katze war vor ihm sicher: „Ich sammelte alles. Da lag eine tote Katze auf der Straße? Ich nahm eine Probe“, erzählt er. In Naturkundemuseen, die Driscoll während seiner Reisen besuchte, durfte er manchmal Gewebe ausgestopfter Katzen entnehmen. Auch aus dem Mantel eines mongolischen Adlerjägers, der aus Fellen von Manulen genäht und mit dem Pelz weiterer asiatischer Wildkatzen gesäumt war, knipste der Forscher sich kleine Stückchen ab. Aber vor allem sammelte er viele, viele Blutproben von Katzen, die er hierfür fing, leicht betäubte, fotografierte und dann unbeschadet wieder freiließ.
Am Ende seiner Reisen hatte Driscoll um die 1.000 DNA-Proben gesammelt – deren Analyse Klarheit in die Geschichte zwischen Mensch und Katze brachte. Er fand heraus, dass die domestizierte Hauskatze von allen sechs Unterarten der Gattung Felis am engsten mit der Nordafrikanischen Wildkatze verwandt ist. Die Stubentiger in China stammen also nicht von der Asiatischen Wildkatze ab und vor den Kaminen hierzulande wärmen sich auch keine Nachfahren der Europäischen Wildkatzen. Alle Hauskatzen haben gemeinsame Vorfahren im Mittleren Osten – besonders mutige Vertreterinnen von Felis lybica.
Erste Annäherungsversuche
Denn sie waren es, die sich vor ungefähr 10.000 bis 12.000 Jahren trauten, die ersten menschlichen Siedlungen zu betreten. Damals ließen sich im Fruchtbaren Halbmond, dem Norden der Arabischen Halbinsel, erstmals Menschen nieder. Statt von Ort zu Ort zu ziehen, wurden sie zu sesshaften Bauern. „Der Mensch hat dort einen völlig neuen Lebensraum geschaffen, den es vorher noch nie auf der Erde gegeben hat“, erklärt Driscoll, der nach seiner Doktorarbeit noch weiter zur Domestizierung von Katzen geforscht hat. Dieser Lebensraum sei damals für viele Tiere attraktiv gewesen, weil die Menschen so viele Überreste hinterließen, meint der Biologe: „Wo Menschen leben, gibt es alle möglichen Abfälle. Wenn wir etwa ein Tier schlachten, werfen wir die Reste einfach auf einen Haufen oder von einer Klippe runter. All diese Lebensmittelabfälle zogen damals Tiere an: Mäuse, Ratten, Spatzen, Tauben – und wilde Katzen.“
Für die Menschen waren sicherlich manche der neuen Mitbewohner mehr, manche weniger angenehm: Die Nager machten sich an der Ernte zu schaffen, die Wildkatzen dagegen waren keine Nahrungskonkurrenten und fingen vermutlich sogar einige der Ratten und Mäuse, also wurden sie geduldet. Solche Tiere, die sich an den Resten anderer Arten satt futtern, ohne großartig zu stören, bezeichnen Forschende als Kommensalen. Schoßkatzen, Weggefährten oder Spielkameraden waren die Wildkatzen jedoch noch lange nicht.





