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Auf der Lauer: Eidechsen umsiedeln
Wenn Eidechsen von Bauprojekten bedroht werden, müssen sie gegebenenfalls umziehen. Das Einfangen der Tiere ist selbst für Experten eine Herausforderung. Am Ende profitieren von solchen Projekten allerdings nicht nur die Reptilien.
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Text: Kurt de Swaaf
Die Nacht war nass; es hat stundenlang geregnet. Bei Tagesanbruch zieht zunächst dichter Dunst über die Hänge des Odenwaldes, doch nur eine Stunde später reißt hinter der Wetterfront der Himmel auf. Langsam wärmen die ersten Sonnenstrahlen die Landschaft. Das dürfte auch einigen ganz gewissen Vierbeinern gefallen, die deshalb schon bald munter werden – höchste Zeit, sich ebenfalls auf den Weg zu machen.
Betreten auf eigene Gefahr
Der Einsatzort ist eine Baustelle am Rande einer Kleinstadt in der Rheinebene, wo eine alte Mehrzweckhalle abgerissen und daneben eine moderne Version entstehen soll. Große Teile des Geländes ähneln eher einer Schlammdeponie, aber es gibt auch mehrere kurz gemähte ehemalige Grünanlagen. Dort treibt sich noch immer Podarcis muralis herum. „Betreten verboten“? Das interessiert die Tiere logischerweise wenig. Die gemeinhin als Mauereidechsen bekannten Reptilien leben hier schon seit Jahrzehnten und sind nicht geneigt, freiwillig das Feld zu räumen. Also muss nachgeholfen werden. Zu ihrer eigenen Sicherheit.
Sechs verschiedene Eidechsenarten sind in Deutschland heimisch, und alle haben einen gesetzlichen Schutzstatus. Ihre Populationen haben in der Vergangenheit zum Teil stark an Größe eingebüßt, viele Bestände schrumpfen noch immer.
Lebensraumverlust gilt als eine der Hauptursachen für den Echsenschwund, berichtet der Landschaftsökologe Hubert Laufer. Vor allem die Flurbereinigungen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hätten diesbezüglich enorme Schäden angerichtet. Und noch immer grassiert bundesweit der Flächenfraß: Jeden Tag werden durchschnittlich rund 50 Hektar Land neu zugepflastert, überbaut oder auf andere Weise umgestaltet. Auch besagte neue Mehrzweckhalle mitsamt Parkplätzen entsteht auf einem Areal, auf dem bis vor Kurzem noch Wiesen und Äcker waren. Das alte Gebäude nebenan soll abgerissen und durch Häuser ersetzt werden.
Lange ging es den Mauereidechsen hier ziemlich gut. Die Grünanlagen um die alte Halle boten ihnen Futter, Versteckmöglichkeiten und sandige Stellen für die Eiablage. Den Winter verbrachte ein Großteil der Population wohl hinter der Betonverschalung an der Südfassade der Halle – ein erstklassiges, frostfreies Refugium. Nach Anrücken der Bagger war es mit der Ruhe allerdings vorbei. Die meisten Bäume und Hecken wurden gerodet, das Erdreich zu weiten Teilen umgewälzt oder weggegraben. Doch die Eidechsen störte das anscheinend kaum. Sie wichen den Maschinen aus, verkrochen sich derweil zwischen abgeholzten Stämmen, unter Containern und in Abraumhaufen. Schon bald zeigten sich die Tiere morgens auf den Betonstützen der Bauzäune beim Sonnenbaden. Als ob sie demonstrieren wollten: Krise? Ohne uns!
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Das Phänomen ist nicht unbekannt. Mauereidechsen gelten unter Fachleuten als typische Kulturfolger, erklärt Hubert Laufer. Wie der Name vermuten lässt, liebt die Art lückenhafte Steinmauern, die es früher mal zuhauf gab. Solche menschengemachten „Sekundärhabitate“ ähneln den ursprünglichen Hauptlebensräumen von Podarcis muralis, sprich natürlichen Blockhalden und Felswänden. Ersatzweise besiedeln die Reptilien aber auch Steinbrüche, Industriebrachen und Gleisanlagen. Besonders häufig sind sie an Güterbahnhöfen zu finden. Mit Lärm kommen Mauereidechsen offenbar gut klar, es gibt in der Tat empfindlichere Spezies.
Ihre Anpassungsfähigkeit ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass die Art momentan besser dasteht als zum Beispiel die größere Zauneidechse (Lacerta agilis). „Bei Mauereidechsen gibt es derzeit keine Rückgänge“, sagt Hubert Laufer. Ihre Bestände nehmen sogar wieder zu und sind inzwischen höher als in den 80er Jahren, meint der Experte. Diese erfreuliche Entwicklung dürfte einerseits dem Naturschutz zu verdanken sein, gleichzeitig aber könnte auch der Klimawandel eine Rolle spielen. Podarcis muralis ist eine submediterrane Art; ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht in Deutschland nicht über den Südwesten hinaus, und auch dort lebt sie nur in wärmeren Gegenden, vor allem in den Flusstälern. An Rhein, Main und Neckar ist die Mauereidechse in den vergangenen drei Jahrzehnten weiter vorgerückt, einstige geografische Lücken wurden geschlossen. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen, glaubt Laufer. Manche Tiere profitieren eben von der globalen Erwärmung.
Aus juristischer Sicht sind die vierbeinigen Baustellenbesetzer an der Mehrzweckhalle trotzdem ein Problem. Aufgrund ihres Schutzstatus dürfen sie nicht getötet werden – auch nicht versehentlich. Abgesehen davon müssen für die Eidechsen dauerhaft geeignete „Lebensstätten“ in ausreichendem Umfang erhalten bleiben. Das wird hier leider nicht funktionieren. Oft lassen sich im nahen Umfeld von Baumaßnahmen Ersatzhabitate einrichten, zu denen die Tiere dann abwandern können, doch dafür fehlt in diesem Planungsbereich schlicht der Platz. Es bleibt deshalb nur eine Möglichkeit: Die Eidechsen müssen umgesiedelt werden.
Gewiefte Fangtechnik
Die Sonne steht bei Ankunft bereits im Südosten, das Thermometer zeigt 16 Grad Celsius an. Beste Bedingungen. Eidechsen sind wie alle Reptilien wechselwarm. Bevor sie auf die Jagd gehen können, müssen sich die Geschuppten zuerst aufwärmen – je schneller, desto besser. Auf Steinen, Betonblöcken und Holzklötzen lassen sich die Sonnenstrahlen besonders gut aufnehmen. Derart exponierte Plätzchen haben allerdings auch einen Nachteil, denn die Tiere sind dort trotz Tarnfarben für andere Kreaturen oft gut sichtbar. Das kann gefährlich sein; Fressfeinde haben sie schließlich so einige. Auch für die Umsiedlung heute ist diese riskante Aufwärmphase von Vorteil. Eidechsen fangen ist schon schwer genug – da muss mit allen Tricks gearbeitet werden.
Die bewährteste Methode gibt Außenstehenden immer wieder Grund zum Schmunzeln. Zwar lassen sich Eidechsen manchmal auch mit der Hand erwischen, deutlich effektiver ist aber der Einsatz von kleinen Schlingen. Am besten eignet sich dünne Angelschnur, Stärke 0,16 Millimeter. Zur besseren Handhabung wird ein Bleischrot von 0,5 Gramm daraufgeklemmt. Fertig ist das Fanggerät. Die Montage baumelt an einer sogenannten Spinnrute, die normalerweise zum Forellenfischen dient. So ausgerüstet, erntet man auf Baustellen anfangs schon mal komische Blicke. „Was macht denn der Irre hier?“, scheinen einige zu denken. Doch nach einer kurzen Erklärung weicht die Skepsis meistens Interesse. Es wird neugierig nachgefragt und fortan freundlich gegrüßt. „Klappt‘s heute?“
Die erste Eidechse an diesem Morgen sonnt sich auf einem abgesägten Baumstamm. Sie wirkt äußerst entspannt, die Augen indes beobachten alles und jeden. In der Nähe landet eine kleine Fliege – Frühstück! Blitzschnell schießt der geschuppte Jäger nach vorne und verschluckt das glücklose Insekt. Dieses Exemplar ist offensichtlich schon auf Betriebstemperatur, aber einen Versuch ist es dennoch wert. Ganz langsam bewegt sich der Arm mit der Rute in Richtung des nichts ahnenden Reptils, um vorsichtig die Schlinge über den Kopf zu schieben. Die Eidechse fixiert derweil das Bleischrot. Noch mehr Leckereien? Sie springt hoch, bemerkt jedoch die Täuschung, und flüchtet nach der Landung eiligst in ein Erdloch. Chance vertan.
Echse Nummer zwei sitzt am Rande einer Terrasse. Der lebhafteren Färbung nach zu urteilen, könnte es sich um ein Männchen handeln, ein älteres dazu. Bevor man auch nur in seine Nähe kommt, ist der Vierbeiner schon über alle Berge. Auf der Suche nach einem Schlupfwinkel rennt er im Zickzack über das Pflaster und verschwindet schließlich unter einer Betonplatte. Diese lässt sich anheben. Trotzdem ist jetzt Geduld gefragt. Würde der schwere Unterschlupf zu früh hoch genommen, würde die Eidechse in wer weiß welche Richtung davoneilen, und es wäre schwierig, schnell genug hinterherzukommen. Die aussichtsreichere Alternative lautet: abwarten. Denn dank der regnerischen Nacht ist es unter der Platte noch immer kalt, und das Reptil wird bald auskühlen. Das hemmt bekanntermaßen die Beweglichkeit. Nach etwa zehn Minuten liegt die Eidechse tatsächlich ziemlich steif zusammengerollt im darunterliegenden Kiesbett und lässt sich problemlos mit einer Hand auflesen. Erwischt!
Der beste Zeitraum für solche Umsiedlungsaktionen ist die zweite Frühlingshälfte, wenn die Tiere zur Paarung schreiten. Das gilt sowohl für Zaun- als auch für Mauereidechsen. Die balzenden Männchen haben dann feste Territorien und setzen sich – um potenziell interessierte Damen anzulocken – gut sichtbar an eine exponierte Stelle. Als Aushängeschild ihrer Vitalität haben sie ein recht buntes Farbkleid angelegt, was ihre Auffälligkeit wesentlich erhöht. Männliche Zauneidechsen prunken während dieser Zeit in knalligem Grün.
Von ihren Hormonen überwältigt, sind die Reptilien fast nur mit Artgenossen beschäftigt, Gefahren werden regelmäßig ignoriert. Logisch, dass bei einem solchen Risikoverhalten wie diesem diverse Häscher leichtes Spiel haben – zweibeinige Umzugshelfer inklusive.
Gegen- und miteinander
Ihre Territorialität erhalten die Männchen auch nach der Fortpflanzungssaison noch einige Zeit aufrecht. Manchmal kommt es zu Balgereien mit den Nachbarn, aber Weibchen und Halbwüchsige werden von den Revierinhabern meistens toleriert, wie Hubert Laufer berichtet. „Im Herbst löst sich das alles komplett auf.“ Die Tiere fangen an, sich für die kalte Jahreszeit zurückzuziehen. „Von den Mauereidechsen ist bekannt, dass sie in größeren Gruppen überwintern können“, erklärt Laufer. Mehrere Hundert Exemplare kämen dann auf einer Fläche von etwa 20 Quadratmetern zusammen. Die Winterquartiere müssen unbedingt frostfrei sein; besonders geeignet sind tiefe Felsspalten und unterirdische Hohlräume. Auch alte Burgmauern können Podarcis muralis ein ideales Winterdomizil bieten.
Zauneidechsen gibt es im Umfeld der Mehrzweckhalle nicht, diese kommen nur 1,5 Kilometer weiter nördlich vor, jenseits eines neu ausgeweiteten Gewerbegebiets. Leider scheint ihr Bestand dort langsam, aber sicher zurückzugehen. Lacerta agilis bevorzugt meist halb offene Landschaften mit Hecken, Totholz und lockerem Boden, besiedelt allerdings auch Gärten, Parks und Sportanlagen. Treffen Zaun- und Mauereidechsen aufeinander, kann es zum Konkurrenzkampf kommen. In solchen Fällen haben Erstere oft das Nachsehen. Beide Arten haben den selben Speiseplan, hauptsächlich Insekten und Spinnen, und nutzen dieselben Verstecke und Sonnenplätze. Dabei sind ausgewachsene Zauneidechsen durchweg größer und schwerer als ihre Rivalen. Trotzdem ziehen sie häufig den Kürzeren. „Mauereidechsen, vor allem die Männchen, sind aggressiver“, sagt Hubert Laufer. Das gelte gerade auch in Auseinandersetzungen um die so wichtigen Sonnenplätze.
Einige Fachleute indes sehen die in Südwestdeutschland heimische Subspezies der Podarcis muralis ebenfalls in Gefahr. Eingeschleppte südeuropäische Mauereidechsen könnten die hiesige Variante verdrängen, befürchten sie. Tatsächlich wurden hierzulande inzwischen drei verschiedene Unterarten nachgewiesen, die alle aus dem mediterranen Raum beziehungsweise vom Balkan stammen. Die Tiere gelangten mit Güterzügen und Lkws nach Norden oder wurden von Terrarien-Fans ausgesetzt. Nun wird eine zunehmende Hybridisierung zwischen neuen und alteingesessenen Mauereidechsen befürchtet, wodurch das an mitteleuropäische Verhältnisse angepasste Erbgut der heimischen Unterart verloren ginge. Genetische Untersuchungen scheinen einen solchen Trend zu bestätigen. Die Vermischung dürfte vielerorts allerdings nicht mehr aufzuhalten sein. „In der Oberrheinebene habe ich wahrscheinlich eh nur noch Hybridpopulationen“, mutmaßt Hubert Laufer. Und die könnten eventuell auch mit dem Klimawandel besser zurechtkommen.
Der Vormittag schreitet voran; zeitweilig war die Sonne hinter Wolkenfeldern verschwunden, kommt nun aber wieder zum Vorschein. Eine ziemlich große Mauereidechse hat es sich auf einer Bautreppe gemütlich gemacht. Kaum zu glauben, doch das Tier bleibt bei Annäherung ruhig liegen; die Schlinge wird nicht weiter beachtet. Langsam, ganz sachte … Fast geschafft. Beim Zuziehen muss die Bewegung langsam fließend sein, sonst könnte das Reptil im letzten Moment Gefahr wittern und wegspringen. Jetzt! Die Eidechse zappelt einen Moment lang wild an der Schnur und hängt dann plötzlich still. Zugegriffen wird von oben mit hohler Hand, damit die Beute mit ihren kleinen Krallen nicht irgendwo Halt findet und aus der Schlinge rutscht. Alles schon passiert. Die Schnur indes hat sich bei der Eidechse in den feinen Falten der Halskrause verfangen. Vorsichtig wird das Tier befreit und in eine Stofftüte gepackt. Alter Biologentrick: Sowohl Reptilien als auch Vögel bleiben in Textilbeuteln stets erstaunlich ruhig, während sie gleichzeitig genug Luft bekommen. Das erleichtert Hälterung und Transport.
Neue Heimat
Knapp drei Stunden sind seit dem Morgen vergangen, es wird wärmer. Doch die Eidechsen haben vorerst genug Sonne getankt. Sie zeigen sich weniger oder flüchten schneller. Ihr Verhalten wirkt nervös – so, als würden sie bemerken, dass ihnen nachgestellt wird. Zeit zum Aufbruch. Spätestens in zwei, drei Tagen dürfte wieder Ruhe eingekehrt sein. Das heutige Fangergebnis ist eher durchschnittlich: Zwei ausgewachsene Mauereidechsen plus fünf Jungtiere. Nun geht es ins neue Zuhause. Das „Ausgleichshabitat“ liegt gut drei Kilometer entfernt inmitten von Feldern und unweit eines kleinen Wäldchens. Ehemals Ackerland, wurde der neue Lebensraum schon vor ein paar Jahren eingerichtet, damit sich Bewuchs und Insektenpopulationen in der Zwischenzeit etablieren konnten. Andernfalls hätten die Eidechsen jetzt nichts zu fressen.
Einige Experten stehen Umsiedlungen wie diesen kritisch gegenüber. Viele der Tiere würden sterben, unter anderem, weil sie auf dem ihnen unbekannten Terrain zunächst orientierungslos wären und dadurch schnell Prädatoren zum Opfer fielen. Auch Hubert Laufer ist eher skeptisch. Wer aber kurz über das besagte Ausgleichshabitat in der Rheinebene spaziert, sieht unverkennbar Positives. Eidechsen überall, und sie scheinen in bester Verfassung zu sein. Es profitieren jedoch nicht nur die Reptilien von dieser Natur aus zweiter Hand. Das Gelände wurde mit reichlich Totholz, Reisigbündeln und Steinriegeln ausgestattet, in denen auch allerlei anderes Kleingetier Unterschlupf findet. Zwischen neu angepflanzten Sträuchern blühen Färberkamille, Natternkopf und diverse weitere Wildpflanzen, die wiederum ganze Geschwader von Wildbienen ernähren. Schmetterlinge gibt es hier mehr als anderswo in der Umgebung.
Und so zeigt sich einmal mehr: Naturschutz wirkt. Man muss es nur machen. //
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