Im Eggegebirge sammelt sich das Wasser in Quellen, Bächen und Mooren. Es plätschert, gluckert und drückt aus dem Boden. Wasser spielt in dem „Regengebirge“ eine zentrale Rolle: für wertvolle Biotope und geologische Besonderheiten, für Wasserkraft und ein Kurbad.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Oliver Abraham
Ein leichter Nieselregen sprüht auf uns herab, nicht ungewöhnlich auf der Egge, dem kleinen Gebirge im Osten Nordrhein-Westfalens. In seinen vorherrschenden Westwetterlagen entsteht Steigungsregen. Im Jahr 2023 fielen mehr als 1.300 Millimeter Niederschlag auf den Quadratmeter – das ist viel.
Die meisten Wanderrouten hier folgen dem Weg des Wassers. Unsere Tour beginnt am Berg, in den Wolken. Dann biegt Förster Andreas Bathe vom Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen auf eine Wiese ab, um die Quelle des Silberbaches zu suchen. „Da! Da ist die Quelle ja“, sagt Andreas Bathe nahe einer uralten Hainbuche. Das Wasser umfließt grünen Bach-Ehrenpreis, ein Wegerichgewächs, und macht sich dann zügig auf den Weg – in eine eigentlich falsche Richtung.
„Der Silberbach entspringt am Westhang, fließt aber durch den Höhenzug nach Osten“, sagt Bathe. Er durchbricht damit die Wasserscheide zwischen Weser und Rhein. Nicht nur das ist überraschend, sondern auch die im sonst so geordneten Deutschland offene Frage, wo die Egge im Norden denn genau anfängt. Wer Verwaltungsleute, Geschichtswissenschaftler oder Geologen fragt, wird unterschiedliche Antworten bekommen. Einigen wir uns hier und heute auf das Tal des Silberbaches, entstanden durch tektonische Kräfte, die das Gebirge an dieser Stelle gebrochen haben. Drüben liegt der Teutoburger Wald.
Der Silberbach erhielt seinen Namen vermutlich, weil sein Wasser so schön silbern glitzert, wenn es über die Steine plätschert und rauscht. Manche meinen aber auch, er bezieht sich auf das Edelmetall Silber, das man hier früher – wenn auch nur in geringen Mengen – fand. Wirtschaftlich wichtiger wurden die Wassermühlen am Silberbach, Mahlmühlen, Schleifmühlen und Walkmühlen.
Vor uns erscheint der höchste Berggipfel der Egge – Velmerstot, 468 Meter. Wie heißt es richtig – die Velmerstot, der Velmerstot? „Wie’s gefällt“, antwortet Förster Bathe. Man muss nur wissen, dass es in keinem Fall mit dem Lebensende zu tun hat, der Namensteil stot bezieht sich entweder auf einen steilen Hang (männlich) oder auf eine Pferdekoppel (weiblich). Der erste Namensteil weist auf den Ort Veldrom oder Feldrom (das eine lippisch, das andere preußisch). Es sind übrigens zwei Gipfel, die den Namen tragen. Der südlichere, der preußische Velmerstot, ist der höhere.
Wald und Sumpf
Durch das Tal zieht Nebel die Hänge hinauf, „… und dieser Nebel ist so typisch für die Egge“, sagt Bathe. Wir gehen in den Wald hinein: Buchen, Traubeneichen, Birken, Vogelbeeren. Ein Lebensraum auch für seltene Waldbewohner wie Uhu und Schwarzspecht. Von den Nadeln einer mehr als 30 Meter hohen Lärche – sie ist über 100 Jahre alt – tropft es. Die Bäume sind Regenfänger, das Wasser sammelt sich im Grund.
Weitere Artikel
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik dieser Kategorie.
Erde & Umwelt
Der Mensch war nicht immer schlecht für die Artenvielfalt – im Gegenteil
17. Juli 2026
Die Landwirtschaft gilt heute als Bedrohung für die Artenvielfalt. Doch das war nicht immer so. Jahrtausendelang hat der Mensch die Pflanzenvielfalt dadurch…
Nachhaltigkeit
Essbare Ballaststoffe aus Hülsenfruchtresten
15. Juli 2026
Bei der Herstellung von Proteinen aus Hülsenfrüchten bleiben Rückstände übrig. Ein neues Verfahren zeigt: Daraus lassen sich wertvolle Ballaststoffe für…
„Am Osthang des Reviers Kempen reihen sich mehr als 60 Quellen auf kurzer Strecke aneinander, schütten vielfach ganzjährig Wasser und wurden als wertvolle Biotope kartiert“, berichtet Andreas Bathe, als wir in lichtem, altem Buchenwald stehen. Dann führt er uns zu einem der Quellbiotope. Nasser Farn greift nach den Beinen, die Stiefel versinken in wassersattem Moos. Je länger man in diesen Wald blickt, desto mehr Wasser sieht man. Es murmelt, gluckert, plätschert, sickert und sammelt sich. Man sieht solche Orte gut von den Wanderwegen aus.
„Das ist einer dieser kleinen, aber bedeutsamen Quellbereiche, die man hier überall finden kann“, erklärt Andreas Bathe. Da sie auch im Sommer Wasser führen, sind sie wichtig für Amphibien wie Molche, Unken und Frösche. Solche Bereiche sind Wildnis und Wasserschutzgebiet, längst aus jeder Nutzung genommen. Wir bleiben am Rand eines Sumpfes stehen, kommen nicht weiter und wollen es auch nicht. Denn was auf den ersten Blick fest aussieht, verschluckt auf den zweiten Schritt. Hier wächst auch der Riesen-Schachtelhalm, bis anderthalb Meter hohe Stängel. Sie erinnern an Versteinerungen – ja: Schachtelhalm ist ein lebendes Fossil. 375 Millionen Jahre alt, und wo, wenn nicht in solchen Sümpfen, sollte es bis heute existieren.
Ein Erdfall im Kalkstein
Der Weg des Wassers führt nun nach Süden, ein Kollege von Andreas Bathe übernimmt. Förster Florian Bitter erwartet mich in Altenbeken. Wir brechen auf, folgen einem breiten Tal und einem Bach ohne Namen.
Hier stehen Birken, Buchen, Eichen und auch Esskastanien. Von den Fichten sind, wie in anderen Regionen, viele in den letzten Jahren vertrocknet. Doch Bitter ist optimistisch: „Wir haben hier in der Egge ein ziemliches Potenzial für einen artenreichen und vielfältigen Wald. Priorität beim Waldumbau haben heimische standortgerechte Baumarten, das, was von allein kommt. Dabei gilt: Laubholz vor Fichte, und am Ende meiner Dienstzeit hoffe ich auf einen stabilen Mischwald.“
Wir sind auf dem Weg zur Max-und-Moritz-Quelle , benannt nach zwei Männern aus dem Dorf, die vor langer Zeit regelmäßig herkamen. „Diese Quelle ist insofern etwas Besonderes, weil das Wasser direkt aus der Feldwand sprudelt“, berichtet Florian Bitter und zeigt auf dieses natürliche Wasserspiel. Die Quelle entstand, als Bergleute vor einigen Hundert Jahren auf der Suche nach Erz eine Wasserader angestochen hatten.
Der Förster will mir noch eine weitere Besonderheit der Egge zeigen, die im Zusammenhang mit Wasser steht – einen Erdfall. Das Eggegebirge besteht aus Sandstein und Kalkstein. Kalk ist von Klüften und Spalten durchzogen und kann, in geologisch relevanten Zeiträumen betrachtet, von Wasser aufgelöst werden. Auf diese Weise geschaffene Hohlräume können irgendwann einbrechen: Ein Erdfall entsteht.
Wir gehen durch hüfthohes Farnkraut und stehen unvermittelt vor einem Bretterzaun, den die Mitarbeiter von Bitter errichtet haben, nachdem dieser den Schlund im Boden – vier Meter tief, zwei im Durchmesser – zufällig entdeckt hatte. Man sieht das Loch erst im letzten Moment. „Dieser Erdfall entstand vermutlich vor zehn Jahren“, sagt Bitter, „wie viele es noch gibt und wo sie sind, wissen wir nicht.“
Nun führt der Weg hinauf. Oberhalb des Ortes Schwaney lassen die bisweilen baumlosen Höhenzüge das Gebiet viel höher als seine etwas über 400 Meter erscheinen. Karg, windumtost und einsam ist es hier; wir bleiben nicht lange. Unterhalb der Kuppe des Berges Hausheide sammelt sich der Regen in zahllosen Bächen, die tiefe Täler eingeschnitten haben. „Dort unten ist alles vermoort“, sagt Florian Bitter. Ich steige in eines dieser Bachtäler hinab – der Förster hat es ausnahmsweise erlaubt – und halte mich an nebelnassem Farn fest. Sobald ich in der ebenen Aue stehe, wippt und schwankt der Boden. Ein Sumpf, ein Moor mit Moosen, Schlenken (Wasserlöcher) und Bulten (kleine, mit Binsen bewachsene Inselchen). Meine Füße sinken sofort ein, es ist ein düsteres kühles Loch im Zwielicht. Aus dem dunklen Wasser dringt die eisige Kälte früherer Winterregen. Die ewig nassen Füße der Erlen erinnern im blanken Wasser an Mangroven, Stämme und Äste sind mit Moos bewachsen.
Keinen Schritt weiter komme ich, zu dicht das Dickicht, zu bodenlos dieser Sumpf. Zurück auf dem Weg, geht es weiter nach Osten. Wieder begleitet uns leises Plätschern, dazu das Wispern des Windes in den Blättern von Buche und Ahorn.
Tuffquellen und Kalksinterterrassen
Försterin Marina Jürgens ist meine Führerin für den nächsten Abschnitt. Sie möchte mir Tuffquellen zeigen. Ich erkenne kniehohe Katarakte, über die das Wasser Stufe um Stufe fällt. Im Schatten der Bäume leuchtet der Tuff in fahlem Gipsweiß. „Kalktuffquellen sind selten und zählen wegen ihrer einzigartigen Artenzusammensetzung zum Europäischen Naturerbe – in der Egge, im Regionalforstamt Hochstift, gibt es viele davon“, berichtet Marina Jürgens.
Das von dem kalkhaltigem Gestein mit Kalk angereicherte Wasser tritt hier an die Erdoberfläche, der Kalk fällt aus und lagert sich an Moosen sowie Steinen und Ästen ab. Daraus bilden sich nicht allein die Terrassen, sondern – schaut man ganz genau hin – auch seltsame „Versteinerungen“. Besonders ein Moos sticht dabei ins Auge. „Das ist Starknervmoos“, erklärt die Försterin, „es ist besonders wichtig, denn es beeinflusst die Tuffbildung maßgeblich.“ Starknervmoos ist der „Baustein“ von Kalkquellen. Es bildet Teppiche aus, die, wenn sich der Kalk darauf ablagert, das Tuffgerüst bilden. Besonders groß sind diese Quellen und Terrassen nicht, aber Kleinode im heimischen Wald und wichtige Biotope.
„Wir haben eine große Verantwortung für diese besonderen Bachbereiche mit ihrer einzigartigen Flora und Fauna“, sagt Marina Jürgens. „Feuersalamander zum Beispiel gebären ihre Larven in solchen Gewässern. In den Tümpeln der Kalksinterterrassen steht im weiteren Verlauf des Jahres meist auch dann noch Wasser, wenn der restliche Bach längst ausgetrocknet ist.“ Um den Lebensraum des Salamanders aufzuwerten, haben die Mitarbeiter des Forstamts etwa Furten angelegt und den Bach für die Larven durchgängig gemacht. Quellbereiche sind extra eingezäunt, obwohl das Verlassen der Wege hier ohnehin verboten ist.
Das Schauspiel der Springquellen
Wir stehen am Rande eines tief eingeschnittenen Tals; 12, vielleicht 15 Meter tief, steile Hänge, alte Buchen und ein paar Ulmen. Marina Jürgens zeigt auf ihrem Handy Fotos von diesem Tal, aufgenommen im Frühjahr – das ganze Tal ist voll Wasser. „Es dringt plötzlich aus den Hängen“, berichtet sie. „Das sind Springquellen mit einer gewaltigen Schüttung! Im Frühjahr habe ich mehrfach das Talbecken voll Wasser stehen sehen und die ,rauschende‘ Schüttung beobachten können. Ein faszinierendes Schauspiel.“ Das Kalkgestein – wo es vorkommt, erkennt man am Auftreten der Pflanzen Aronstab und Waldmeister – kann viel Wasser speichern. Aber irgendwann, etwa nach der Schneeschmelze im Frühjahr, ist seine Kapazität erschöpft und es läuft über.
Östlich von Bad Driburg liegt das Naturschutzgebiet Satzer Moor, auf einer Fläche von zwölf Hektar gibt es hier Niedermoor sowie Au- und Feuchtwald. An mehreren Stellen des Moores tritt kalkreiches und gleichzeitig nährstoffarmes Wasser an die Oberfläche, es haben sich Kalkquellsümpfe gebildet, die in Europa ausgesprochen selten sind. Die Niedermoore waren kaum zu kultivieren und landwirtschaftlich nahezu nutzlos. Erst mit einer speziellen Idee wurde das Moor lukrativ. Im 18. Jahrhundert gründete Caspar-Heinrich von Sierstorpff das Heilbad Driburg. Die Basis dafür waren die örtlichen Heilmittel Wasser und Torf. Letzterer wurde im Satzer Moor gestochen.
Im Satzer Moor
Bis heute hat das Kurbad Anschluss an die örtlichen Mineral- und Heilquellen. Das Wasser wird für ein 30 Grad warmes Schwimmbad und für Kohlensäure-Mineralbäder genutzt. Es wird sogar getrunken – schmeckt gut und eignet sich als Trinkkur. Daneben gibt es die Moorbäder.
Ein großer Teil der einst bis zu drei Meter mächtigen Torfschichten im Satzer Moor wurde über die Jahrzehnte für die Moorbäder im Kurbetrieb aufgebraucht. Nachdem der Torf im eigenen Moor nicht mehr ausreichte, begann die gräfliche Familie, den Badetorf von einem Moor in Norddeutschland zu beziehen. War dieser durch die Anwendung „abgebadet“, wurde er ins Satzer Moor gebracht, von wo er nach Jahren der Regeneration zurückgeholt und erneut als Badetorf verwendet wurde.
Dieser Recyclingkreislauf wurde 1988 unterbrochen, als das Moor zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Die bis dahin als Torflagerbecken genutzten Bereiche des Moors blieben sich selbst überlassen. Inzwischen wachsen auf vielen dieser Becken dichte Weidengebüsche, Bäume und Röhricht. Einige wenige Flächen sind noch baumfrei und weisen Pflanzenarten auf, die sonst nur in Hochmooren vorkommen – wie zum Beispiel Glockenheide, Sonnentau, Torfmoose (auch seltene Arten). Botanische Besonderheiten wie zum Beispiel Teufelsabbiss und Sumpfstendelwurz wachsen in den Niedermoor-Bereichen.
Nach der Unterschutzstellung durften keine Eingriffe mehr vorgenommen werden; keine Torfentnahme, keine Torflagerung, keine Bewirtschaftung. In der Folge trockneten manche Flächen aus. Bedrohte Tierarten, die gerade wegen der Nutzung und der damit verbundenen Offenhaltung von Flächen dort ihren Lebensraum gefunden hatten, wie zum Beispiel die Geburtshelferkröte, verschwanden.
Seit 2023 dürfen einige der alten Torflagerbecken wieder genutzt werden. Ganz einfach war der bürokratische Prozess bis dahin nicht, erinnert sich Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff, der den Familienbetrieb heute in siebter Generation führt. Die Reaktivierung ist ein Modellprojekt, eine Versuchsanlage in Zusammenarbeit der gräflichen Familie mit der Landschaftsstation im Kreis Höxter. „Ich bin offen dafür, Dinge zu versuchen und etwas auszuprobieren“, sagt der Graf. „Die Natur holt sich diesen wertvollen Lebensraum wieder zurück. Aber dass es so schnell passiert, habe ich nicht erwartet. Hier wächst das Moor der Zukunft.“
Auch manche Tiere sind bereits zurück. Wer zwischen April und Juni hinhört, kann den Ruf der Geburtshelferkröte wieder hören, er klingt wie Glockengeläut.
Per Tankwagen werden die abgebadeten Moorbäder aus dem nahen Bad Driburg angeliefert und in die Becken abgelassen. Drei, vier Meter sind sie tief, aus dem schwarzbraunen Schlamm steigen Blasen auf und zerplatzen an der zähen Oberfläche.
Wir gehen weiter zu einem Auwald. Vor 50 Jahren habe es auch hier Absetzbecken gegeben, berichtet Graf von Oeynhausen, die Dämme kann man noch erkennen. Inzwischen wachsen Birken und Erlen und eine mächtige Weide, die drei Leute nicht umfassen können. Der Boden schwankt bei jedem Schritt, verweilt man zu lange, sinkt man ein. Es riecht modrig und man hat das Gefühl, als würde aus dem bodenlosen unsicheren Untergrund eine seltsame Kühle aufsteigen. Mit den Moosen und Farnen sieht dieser wilde verwunschene Wald im Moor aus wie ein Urwald. Wie all das andere hier existiert er nur mit viel Wasser – davon gibt es in der Egge genug. //
Biologie
Wie sich die ersten Landpflanzen vor Sonne schützten
13. Juli 2026
Eine Grünalge könnte erklären, wie die ersten Pflanzen vor 500 Millionen Jahren an Land überleben konnten und der UV-Strahlung widerstanden.
natur PlusBiologie
Entspannt im Wasser dümpeln
10. Juli 2026
Seekühe sind die einzigen marinen Säugetiere, die sich pflanzenbasiert ernähren. Wichtige Details über ihre Ernährung hat die Forschung nun ans Licht gebracht.