Ob Unfall, Krieg oder andere emotional schwerwiegende Situationen: Wer lebensbedrohliche Ereignisse erlebt, geht oft nicht ohne nachhaltige Folgen daraus hervor. Viele Menschen leiden noch Wochen, Monate oder sogar Jahre später unter Schlafstörungen, Angstattacken, übersteigerter Schreckhaftigkeit und Wachsamkeit und in vielen Fällen auch unter Depressionen oder Aggression. Häufig wird eine solche Posttraumatische Belastungsstörung als entgleiste, abnormale Reaktion der Psyche auf den extremen Stress der auslösenden Situation gedeutet.
Leiden wilde Meisen unter PTSD?
Doch ist diese Reaktion auf traumatische Ereignisse wirklich “unnatürlich”? Immerhin ist schon länger bekannt, dass auch Versuchstiere wie Mäuse mit ähnlich anhaltenden Symptomen auf beängstigende Situationen wie die Gegenwart einer Katze oder den Geruch des Raubtieres reagieren können. “Wir wissen heute, dass lebensbedrohliche Ereignisse anhaltende Effekte auf Gehirn und Verhalten haben können”, erklären Liana Zanette von der Western University in London und ihre Kollegen. Und dieses Phänomen sei inzwischen auch bei vielen Labortieren beobachtet worden.
Unklar blieb aber bisher, ob dies eine Folge der Haltung in Gefangenschaft und der Zucht ist oder ob PTSD-ähnliche Symptome auch bei Wildtieren vorkommen. Ob das der Fall ist, haben Zanette und ihr Team nun bei wilden Schwarzkopfmeisen (Poecile atricapillus) untersucht. Im Experiment setzten sie diese Verwandten unsere heimischen Meisen zwei Tage lang wiederholt den Rufen verschiedener Raubvögel aus, die zu den häufigsten Fressfeinden dieser Singvögel gehören. Eine Kontrollgruppe hörte stattdessen die Rufe harmloser Tiere wie Fröschen oder anderen Singvögeln. Anschließend kamen die Meisen für sieben Tage wieder in den Schwarm zurück.
Verstärkte Schreckreaktion und Angstanzeiger im Gehirn
Dann folgte der eigentliche Test: Die Forscher setzten die Meisen den typischen Warnrufen ihrer Art aus und beobachteten, wie sich die Vögel verhielten. Würden die Vögel die für PTSD typische übersteigerte Angstreaktion zeigen? Tatsächlich zeigten die eine Woche zuvor mit den Raubvogel-Rufen beschallten Meisen ein deutlich ängstlicheres Verhalten als ihre Artgenossen: Sie verbrachten sechsmal mehr Zeit damit, wie erstarrt bewegungslos aber hochgradig wachsam dazusitzen, wie Zanette und ihre Kollegen berichten.
Auch im Gehirn der Vögel gab es messbare Veränderungen: Sieben Tage nach den traumatischen Erfahrungen zeigte sich in den beiden am Angst-Schaltkreis beteiligten Hirnarealen, der Amygdala und dem Hippocampus, eine fast 50 Prozent höhere Aktivität eines für Angstreaktionen typischen Markers. “Unseres Wissens nach ist dies das erste Experiment, das demonstriert, dass die von Raubtieren ausgelöste Angst anhaltende Effekte auf Amygdala und Hippocampus eines Wildtiers verursachen kann”, sagen Zanetti und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach sind von ihnen beobachteten Veränderungen im Verhalten und Gehirn der Meisen ein klares Anzeichen dafür, dass auch diese Vögel unter einer Art Posttraumatischer Belastungsstörung leiden können.





