Text: Robin Vornholz
Sie räkeln sich in der Sonne, fauchen die Nachbarskatze an oder schleichen durch Gärten und Felder: Viele Tierfreunde sind begeistert, draußen einer Katze zu begegnen – besonders wenn sie es schaffen, ein scheues Exemplar anzulocken. Doch die frei umherstreifenden Tiere können gravierende Auswirkungen auf
die restliche Tierwelt haben. Trotz ihres niedlichen Aussehens sind auch Hauskatzen Raubtiere, die alles fangen, was ihnen vor die Krallen kommen: Vögel, kleine Säuger, Amphibien, Reptilien oder Insekten – angesichts der vielen Katzen weltweit ist die Menge der ihnen zum Opfer fallenden Beutetiere beträchtlich. Katzen fangen über 2.000 verschiedene Arten, von denen laut Roter Liste 17 Prozent gefährdet sind. Bei über 60 Arten wird mittlerweile davon ausgegangen, dass Hauskatzen maßgeblich für ihr Aussterben verantwortlich sind. Die IUCN, die Internationale Union zur Bewahrung der Natur, zählt Felis catus seit dem Jahr 2000 sogar zu den 100 gefährlichsten invasiven Spezies.
Die Jagdopfer von Katzen genau zu beziffern, ist schwierig. Wie viele Katzenbesitzer bestätigen werden, haben die Tiere einen ausgeprägten individuellen Charakter. Dabei gibt es große Verhaltensunterschiede. Während die eine Katze täglich Strecken von einigen Kilometern zurücklegt und mehrmals wöchentlich eine Trophäe mitbringt, liegt der nächste Kater lieber faul auf der Terrasse und fängt nur ein, zwei Mal im Monat etwas. Wenn überhaupt. Hochrechnungen der zurückgebrachten Trophäen haben entsprechend große Spannweiten – auch weil es schwer abzuschätzen ist, wie viele Hauskatzen draußen unterwegs sind. Für die USA geht die Wildlife Society aktuell davon aus, dass eine durchschnittliche Freigängerkatze zweimal wöchentlich ein Tier tötet. Wie viele der rund 2,4 Milliarden Katzen, die dort als Haustier gehalten werden, rausdürfen, lässt sich aber nicht genau bestimmen.
Auch die Angaben über die Anzahl verwilderter Katzen variiert stark: Konservative Schätzungen gehen von 30 bis 60 Millionen Streunern in den USA aus, während andere Forschende von 80 bis 100 Millionen sprechen. Sie alle sind zu großen Teilen auf Nager, Vögel und Reptilien als Futterquelle angewiesen. Je nach Schätzung fallen so jährlich in den USA 1,4 bis 3,7 Milliarden Tiere den Katzen zum Opfer.
Für Australien wird eine Zahl von circa 546 Millionen Beutetieren angenommen. Dazu kommt, dass Katzen seit 1788 eine führende Rolle bei den meisten der 34 ausgestorbenen Säugetierarten in Australien gespielt haben. Der Einfluss auf die heimischen Tierarten ist in Australien so groß, weil es für viele der Beutetiere zuvor keine vergleichbaren Jäger gab. Vor allem auf Inseln sind viele Tierarten eingeführten Katzen unvorbereitet ausgeliefert. Ein Beispiel dafür ist die Katze Tibbles, die im 19. Jahrhundert auf Stephens Island in Neuseeland lebte. Sie begleitete ihren Besitzer, den Leuchtturmwächter David Lyall, auf die Insel und begann bald damit, Trophäen zu bringen. Besonders beliebt war bei ihr der Stephenschlüpfer: ein kleiner, flugunfähiger Vogel, der nur auf der Insel lebte. Innerhalb weniger Jahre war seine Population durch Tibbles – und andere verwilderte Hauskatzen auf der Insel – so dezimiert, dass der Stephenschlüpfer schließlich ausstarb.





