Die Lieblingsspeise von Eisbären sind Robben – vor allem deren nahrhafter Speck. Die klassische Jagdstrategie des größten Landraubtiers der Welt besteht darin, sich auf dem Meereis der Arktis an den eisfreien Atemlöchern der Robben auf die Lauer zu legen. Früher oder später taucht ein Opfer auf, wird vom Eisbären auf das Eis gezogen, getötet und gefressen. Doch wenn der Eisbär seine Mahlzeit beendet hat, bleibt meist noch reichlich Fleisch für andere Tiere übrig. Beispielsweise ist von Polarfüchsen bekannt, dass sie Eisbären folgen, um sich an den Resten ihrer Beute zu laben.
Keine Essensverschwendung
Ein Team um Holly Gamblin von der University of Manitoba in Kanada hat nun untersucht, in welchem Maße Eisbären auf diese Weise zur Ernährung anderer arktischer Arten beitragen. „Unsere Ergebnisse quantifizieren zum ersten Mal das Ausmaß, in dem Eisbären als Nahrungslieferanten für andere Arten fungieren, und verdeutlichen die Vernetzung ihres Ökosystems“, sagt Gamblin. Den Schätzungen der Forschenden zufolge erlegt jeder erwachsene Eisbär durchschnittlich mehr als eine Tonne Meeressäuger pro Jahr und lässt etwa 30 Prozent davon als nutzbares Aas zurück. Bei allen Eisbären zusammen machen diese Nahrungsreste etwa 7,6 Millionen Kilogramm jährlich aus – und bilden eine lebenswichtige Nahrungsquelle für andere Arten.
Zu den Tieren, die von den nicht vollständig verzehrten Kadavern profitieren, zählen mindestens elf Wirbeltierarten, darunter Polarfüchse, Wölfe, Raben, Möwen und Schneeeulen. Ohne die Eisbären hätten sie kaum eine Möglichkeit, an die nahrhafte Beute aus dem Meer heranzukommen. „Aus unserer Untersuchung geht hervor, dass es keine andere Art gibt, die die Jagd des Eisbären angemessen ersetzen kann, bei der er seine Beute aus dem Wasser auf das Meereis schleppt und umfangreiche Überreste hinterlässt, die andere Arten nutzen können“, sagt Gamblin. Die Eisbären und die von ihnen erlegten Robben stellen damit ein einzigartiges Bindeglied zwischen den marinen und terrestrischen Ökosystemen der Arktis dar.
Schmelzendes Meereis als Gefahr
Doch der Klimawandel macht den Eisbären ihre Jagd auf Robben zunehmend schwerer. Das Meereis geht im Sommer immer weiter zurück und bildet sich im Winter nur langsam und nicht vollständig nach. Dadurch wird die Jagdsaison der Eisbären Jahr für Jahr kürzer und zugleich oft weniger erfolgreich. Das ist auch für andere Arten ein Problem: „Das Meereis dient vielen Arten als Plattform für den Zugang zu Aasressourcen, die von Eisbären bereitgestellt werden, und letztlich wird der Rückgang des Meereises den Zugang zu dieser Energiequelle verringern“, sagt Co-Autor Nicholas Pilfold von der San Diego Zoo Wildlife Alliance.
Wenn die Eisbärenpopulationen zusammen mit den Eisflächen schrumpfen, finden auch die von ihnen abhängigen Aasfresser weniger Nahrung. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der dokumentierte Rückgang der Eisbärenbestände in zwei Teilpopulationen bereits zu einem Verlust von mehr als 300 Tonnen Nahrungsressourcen für Aasfresser pro Jahr geführt hat“, berichtet Pilfold. Aus Sicht der Forschenden unterstreicht die Studie, wie wichtig Eisbären für das gesamte Ökosystem der Arktis sind. Vom Schutz der ikonischen Raubtiere profitieren deshalb nicht nur die Eisbären selbst, sondern auch zahlreiche andere Arten, die auf sie angewiesen sind.
Quelle: Holly Gamblin (University of Manitoba, Kanada) et al., Oikos, doi: 10.1002/oik.11628





