Der rund 150 Millionen Jahre alte Archaeopteryx ist eines der berühmtesten Fossilien der Welt – und eine Ikone der Evolutionstheorie. Denn als das erste Exemplar dieses gefiederten Sauriers im Jahr 1860 im Solnhofener Kalk entdeckt wurde, hatte Charles Darwin gerade erst seine Theorie über die Entstehung der Arten veröffentlicht. Die Knochen des Archaeopteryx schienen ein perfekter Beleg für die Ausführungen des Biologen zu sein: Sie muteten wie ein merkwürdiges Mosaik aus den Merkmalen flugunfähiger Dinosaurier und typischen Vogeleigenschaften an. Seither gilt der Archaeopteryx als ein wichtiges Bindeglied zwischen Reptilien und Vögeln. Doch seine genaue Position im Stammbaum ist bis heute umstritten – ebenso wie die Frage, wozu das Tier seine Flügel und Federn zu Lebzeiten nutzte. War sein Gefieder nur wärmende Hülle und Körperschmuck oder flog der Urvogel schon? Und wenn ja, war er des aktiven Flügelschlags mächtig oder verwendete er seine Flügel lediglich zum passiven Gleiten?
Frühe Flatterkunst
Um dieses Rätsel zu lösen, haben Dennis Voeten vom European Synchrotron in Grenoble (ESRF) und seine Kollegen die wertvollen Knochen dreier Archaeopteryx-Funde nun im wahrsten Sinne des Wortes durchleuchtet. Sie untersuchten die Fossilien mithilfe einer speziellen Form der Röntgen-Mikrotomographie. Außerdem analysierten sie die Knochenstruktur anderer geflügelter Arten – darunter ausgestorbene Flugsaurier sowie moderne Vögel. Dabei stellten sie fest: Bei den Spezies, von denen das Verhalten hinlänglich bekannt ist, lässt sich zuverlässig von der Knochenarchitektur auf den Flugstil schließen. Diese Erkenntnisse wendeten sie schließlich auf den Archaeopteryx an. Was würde das Innere seiner Knochen verraten?
Die Auswertung zeigte: Zwar fehlen dem gefiederten Saurier Anpassungen, die typisch für den Schultergürtel hoch spezialisierter Flugkünstler sind. Seine Flügelknochen und insbesondere der mittlere Teil der Armknochen haben dagegen bereits entscheidende Merkmale mit modernen Vögeln gemein. “Die Knochenwand ist beispielsweise viel dünner als bei landlebenden Dinosauriern und sieht der von herkömmlichen Vogelknochen erstaunlich ähnlich”, berichtet Voeten. Die Kunst des Fliegens beherrschte der Archaeopteryx mit seiner Anatomie wohl nicht so perfekt wie heutige Vögel. Gelegentlich kurze Distanzen zu überbrücken, war für ihn aber wahrscheinlich kein Problem: “Unsere Analysen offenbaren, dass die Knochen am ehesten Vögeln wie Fasanen gleichen – Arten, die ab und zu aktiv flattern, um eine Hürde zu überwinden oder einem Feind auszuweichen, aber keine ausdauernden Flieger sind”, konstatiert Voeten.





