Interview: Gunther Willinger
natur: Die Rinderhaltung gilt als die klimaschädlichste Form der Landwirtschaft. Sollten wir nicht anstreben, weniger Rinder zu halten, um den Methanausstoß zu senken?
Anita Idel: Das biologische Methan ist ein Bestandteil des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs. Der relevante Klimatreiber ist der Mensch: Er belastet die Atmosphäre mit Treibhausgasen aus fossilen Brennstoffen. Chemisch-synthetischer Stickstoffdünger aus fossilem Methan schädigt die Böden, das Grundwasser, die biologische Vielfalt und die Gesundheit.
Das wird in der Wissenschaft nicht ausreichend differenziert und in der Folge dann auch in der öffentlichen Diskussion verallgemeinert. Aber eine nachhaltige Beweidung fördert den Humusaufbau und bindet so Kohlenstoff. Jede Tonne neu gebildeter Humus entzieht der Atmosphäre über 1,8 Tonnen Kohlendioxid. Die Frage sollte also nicht lauten: „Wie viel Gülle verträgt das Land?“, sondern eher: „Wie viele Rinder benötigen die Böden?“!
Das müssen Sie genauer erklären!
Wie alle Pflanzen wachsen Gräser, indem sie CO2 aufnehmen. Rinder fördern diese Fotosynthese-Leistung, weil ihr Biss bei Gräsern einen Wachstumsimpuls auslöst.
Grasländer sind in Koevolution mit Weidetieren entstanden. Sie wurden zum flächenmäßig erfolgreichsten Ökosystem – nicht obwohl, sondern weil ihnen Biomasse entzogen wird. Denn als einzige Pflanzen benötigen Gräser den Biss und profitieren sogar davon. Nur deshalb können wir auch mit der Mahd den Wachstumsimpuls auslösen. Viele andere Pflanzen dagegen produzieren unter hohem Energieaufwand Stacheln, Dornen und vor allem Bitterstoffe, um sich gegen den Verbiss zu wehren.
ist Tierärztin, Agrarwissenschaftlerin, Dozentin und Mediatorin. Sie engagiert sich für eine nachhaltige Landwirtschaft mit gesunder Tierzucht und ist unter anderem Mitbegründerin des Gen-ethischen Netzwerks. In ihrem 2010 erschienenen Buch „Die Kuh ist kein Klima-Killer!“ kritisiert sie Fehlentwicklungen der Agrarindustrie und entwirft das Gegenbild einer nachhaltigen Weidetierhaltung. Anita Idel ist Trägerin zahlreicher Auszeichnungen und wurde 2024 mit dem EuroNatur-Preis geehrt.






