Interview: Steve Przybilla
natur: Professor Kleyer, wie gefährdet ist die deutsche Küste angesichts des Klimawandels?
Kleyer: An der Küste hatten die Leute schon immer Sorge vor Sturmfluten. Schon im Mittelalter wurden deshalb kleine Teile der Küste eingedeicht, um die Landwirtschaft zu schützen und zu verhindern, dass küstennahe Siedlungen zerstört werden. Heute ist praktisch das gesamte Tiefland zwischen Holland und Dänemark durch Deiche geschützt. Das Problem ist, dass durch den Klimawandel die Häufigkeit und Intensität von Stürmen zunehmen. Außerdem schützen die Bauwerke zwar gegen Sturmfluten, die Deichunterkanten können aber nicht überall eine dauerhafte Vernässung bei einem hohen Anstieg des Meeresspiegels aushalten.
In den Steart Marshes in England hat man den Deich geöffnet, um dem Wasser mehr Raum zu geben. Würde so etwas auch in Deutschland helfen?
Das Prinzip ist zunächst einmal korrekt. Als es noch keine Deiche gab, waren auch die Sturmfluten nicht so schlimm, weil sich das Wasser großflächig ausbreiten konnte. Bis tief nach Ostfriesland hinein existierten im Mittelalter riesige Schilfflächen. An diesen Stellen, die dem Wasser früher als Auslaufflächen dienten, wird heute Landwirtschaft betrieben – und das teilweise sogar unterhalb des Meeresspiegels. Trotzdem hätte es bei uns praktisch keinen Sinn, einen Deich einzureißen, nur um dem Wasser mehr Raum zu geben. Allein in Niedersachsen sind die Deiche 700 Kilometer lang. Wenn man da an einer Stelle das Wasser hineinlässt, wäre die Stauwirkung nur minimal vermindert.
Sie würden davon also eher abraten?
Das nicht, aber der Grund ist ein anderer. Wenn man Wasser hineinlässt, erhält man Lebensräume, die durch Deichbau und Meeresspiegelanstieg gefährdet sind, vor allem die Watten und Salzwiesen. Am Langwarder Groden im Nationalpark Wattenmeer etwa wurde 2014 der Sommerdeich geöffnet – ein niedriger Deich, der zwar nicht vor winterlichen Sturmfluten schützt, aber im Sommer die landwirtschaftliche Nutzung ermöglicht. Seit der Ausdeichung (Entfernung des Sommerdeichs, Anm. d. Red.) sind 140 Hektar des Langwarder Grodens wieder den Gezeiten ausgesetzt. Durch umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen sind neue Salzwiesen entstanden, die zahlreichen Pflanzen- und Tierarten eine Heimat bieten. Es gibt auch einen Wanderweg, der das Ganze für Menschen erlebbar macht, wie in den Steart Marshes.
Gibt es solche Ausdeichungsprojekte auch an Flüssen?





