Text: Kurt de Swaaf
Der Flug von London nach Frankfurt dauert keine anderthalb Stunden und ist auch nicht besonders ereignisreich. Kurz nach dem Start in Heathrow haben die Passagiere bei gutem Wetter auf der Backbordseite einen schönen Blick auf die britische Hauptstadt, wenige Minuten später geht es an der Themsemündung entlang gen Osten. Über der Nordsee zunächst nur monotones Blaugrau, bis vor der belgischen Küste plötzlich Dutzende weiße Staken aus dem Meer aufragen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Propeller an den Spitzen. Es sind unter anderem die Turbinen von Belwind und C-Power, zwei Offshore-Windfarmen mit einer Gesamtfläche von 37 Quadratkilometern. Das Ganze wirkt tatsächlich recht raumfüllend, sogar aus dieser Höhe. Ein Industriepark auf See. Wie mag da das marine Ökosystem reagieren?
Die Frage hat durchaus Relevanz. Immer größere Bereiche der Nordsee werden für Windkraftanlagen genutzt. „Momentan sind es 7 Prozent des belgischen Teils“, berichtet der Meeresbiologe Steven Degraer vom naturwissenschaftlichen Forschungsinstitut KBIN in Brüssel. Binnen weniger Jahre sollen es 15 Prozent sein. Auch für die britischen, niederländischen, dänischen und deutschen Wirtschaftszonen ist eine starke Zunahme geplant.
Das erfreut gleichwohl nicht jeden. Zwar regt sich bei der Errichtung von Windparks im Meer generell weniger Widerstand als beim Bau solcher Anlagen an Land, doch die Bedenken reichen auch weit über die Küste hinaus. Naturschützer und Wissenschaftler fürchten, die Rotoren könnten unzählige See- und Zugvögel töten oder vertreiben. Abgesehen davon würde der Lärm, vor allem während der Bauphase, Meeressäugern das Leben zur Hölle machen. Berufsfischern zufolge droht der Krach zudem den Kabeljau und andere Fischarten dauerhaft zu verjagen. Sie warnen sogar vor einer Schädigung der gesamten Nahrungskette. Aber diese letzteren Sorgen scheinen zum Glück eher unbegründet zu sein.
Ein neues Habitat
In den vergangenen Jahren sind Offshore-Windfarmen auch zunehmend ins Visier der Wissenschaft geraten. Eine Reihe von Forschungsteams untersucht die verschiedenen ökologische Auswirkungen – über und unter der Wasseroberfläche. Steven Degraer ist einer dieser Experten. Natürlich gebe es Veränderungen, betont der Fachmann. Windparks werden normalerweise in Meeresgebieten mit weichen, sandigen Böden errichtet. Die Anlagen selbst bestehen aus hartem Material, ebenso wie deren Fundamente. Und das hat weitreichende Folgen. Die Präsenz von großen Mengen Hartsubstrat, wie Biologen es nennen, lockt in sonst von Sand geprägten Habitaten ganze Heerscharen von Getier an. Die Bauwerke fungieren als künstliche Riffe, erklärt Degraer. Am Fuße der Rotoren entstehen neue Biotope, in denen es vor Leben nur so wimmelt. Unterwasseraufnahmen zeigen massig Muscheln und Seesterne; Krabben, bunte Seeanemonen und andere Polypen, und auch reichlich Fisch. Nach Schäden sieht das gewiss nicht aus.





