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Am Anfang war der Birkenporling
Schon unsere Steinzeitvorfahren nutzten Pilze und Pflanzen, um ihre Leiden zu behandeln. Ab dem Mittelalter kultivierten Mönche und Nonnen, wie Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen, in Klostergärten Arzneipflanzen und notierten ihre Bedeutung für die menschliche Gesundheit. Die Anwendung der heilsamen Pflanzen ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte – bis heute.
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Text: Ralf Stork
Die Riesenscheinaster (Vernonia amygdalina) ist nicht besonders schmackhaft. Ihre bis zu 20 Zentimeter langen Blätter, die im tropischen Afrika wachsen, sind extrem bitter. Auch der Birkenporling (Fomitopsis betulina) ist keine Delikatesse. Der Pilz befällt ausschließlich alte und absterbende Birken und ist ebenfalls ausgesprochen bitter. Trotz ihrer Ungenießbarkeit werden der Pilz und Teile des Strauches gegessen: In Nigeria etwa würzt man mit Blättern der Scheinaster Suppen. WissenschaftlerInnen beobachteten außerdem, dass Schimpansen das frische Mark aus abgeknickten Ästen saugen. Auch das ist extrem bitter. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die Pflanzenteile zwölf verschiedene Inhaltsstoffe enthalten, die gegen Parasiten wirken. Bis heute verwenden Menschen die Pflanze als natürliche Medizin gegen Bauchschmerzen und Parasiten.
Seit Tausenden von Jahren werden Arzneipflanzen gezielt von Menschen genutzt: Vor etwa 5300 Jahren starb ein Steinzeitmann im österreichisch-italienischen Grenzgebiet und erstand 1991 als Ötzi wieder auf. Zu den Habseligkeiten, die der Mann aus dem Eis bei sich trug, gehörten auch zwei Birkenporlinge. Dass er die Pilze als Nahrung mitführte, ist ausgeschlossen. Studien haben jedoch ergeben, dass Birkenporlinge eine starke antibakterielle, antivirale und antioxidative Wirkung haben. Ötzi hatte also seine eigene Medizin dabei (siehe auch S. 70). Seinen Tod konnten die Heilpilze zwar nicht verhindern: Er starb, nachdem ihm ein Pfeil hinterrücks die linke Schulter durchbohrte. Aber die im Eis konservierten Pilze sind ein gutes Indiz dafür, dass die Menschen seit langem über die heilbringende Wirkung von Pflanzen und Pilzen Bescheid wissen.
Rezepturen wurden niedergeschrieben
Schon früh wurde dieses Wissen auch schriftlich festgehalten: Aus Ägypten ist der sogenannte Papyrus Ebers erhalten, eine vor knapp 3600 Jahren entstandene Sammlung von mehr als 900 Rezepturen und Anwendungen von Pflanzen, Mineralien und Tieren. Gesichert ist, dass im Land der Pharaonen die Wirkung heilbringender Pflanzen wie Zwiebel, Porree, Johannisbrotbaum, Kreuzkümmel und Wacholder bereits bekannt war. In der Antike bewahrten und erweiterten Ärzte und Gelehrte wie Hippokrates, Plinius, Dioskurides und Galen das Wissen über Heilpflanzen . Mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches und den Wirren der Völkerwanderung gerieten die medizinischen Erkenntnisse dann in Gefahr. Vom 4. bis zum 6. Jahrhundert ging ein Großteil der Schriften verloren, vor allem, weil sie nicht mehr abgeschrieben wurden. „Im frühen Mittelalter war von den Schriften der antiken Autoren nur ein Bruchteil erhalten geblieben, weniger als fünf Prozent“, sagt Tobias Niedenthal. Er ist Geschäftsführer der Forschergruppe Klostermedizin, die sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung der mittelalterlichen Texte über Arzneipflanzen widmet. Eine besondere Bedeutung für die Bewahrung der Wissensreste spielten Benedikt von Nursia und Cassiodor. Benedikt hatte um 529 mit der Abtei Monte Cassino zwischen Rom und Neapel das erste Kloster gegründet. Und er hat die Benediktinerregeln aufgestellt, die zum Grundpfeiler des klösterlichen Lebens wurden: Unter anderem legten sie fest, dass sich die Mönche um kranke Brüder und andere Kranke kümmern sollten. Durch die verordnete Krankenpflege entwickelten sich die Klöster zur zentralen medizinischen Einrichtung des Mittelalters. Im Klostergarten wurden dafür die wichtigsten Arzneipflanzen angebaut.
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Das Lesen und Abschreiben sakraler, aber auch profaner Texte gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der Klöster.
Dass es überhaupt noch Schriften zum Abschreiben gab, war vor allem das Verdienst von Cassiodor. Der römische Staatsmann, Gelehrte und Schriftsteller gründete 554 in Kalabrien das Gelehrtenkloster Vivarium. Den dort lebenden Mönchen machte er zur Pflicht, von ihm selbst gesammelte Handschriften abzuschreiben. In einer seiner Schriften entwirft er auch eine Art Kanon der wichtigen antiken Literatur und eine Anleitung für das sorgfältige Abschreiben religiöser und ausdrücklich auch profaner Handschriften.
Etwa um das Jahr 800 entstand als erstes großes Werk der Klostermedizin das Lorscher Arzneibuch. Es enthält 482 Rezepte für Tränke, Pflaster, Pillen, Salben, Umschläge, Zäpfchen und Öle. Im St. Gallener Klosterplan aus der Zeit um 820 finden sich auch ein Hospital und ein rechteckiger Arzneigarten mit 16 Beeten, was die Bedeutung der Medizin für die Klöster unterstreicht. Weitere wichtige medizinische Schriften sind der Hortulus Walahfrids – ein Gartengedicht über 24 Heilpflanzen sowie deren Anwendungsmöglichkeiten aus dem 9. Jahrhundert – außerdem der Macer floridus aus dem 11. Jahrhundert. In dem Lehrgedicht werden in 77 Kapiteln Arzneipflanzen und ihre Wirkungen beschrieben. Als bedeutendste Autorin der Klostermedizin ist aus heutiger Sicht Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) zu nennen. Sie beschreibt in ihrer Naturkunde, die 1533 unter dem Titel „Physica“ gedruckt wurde, die Heilkräfte der Natur und 230 Arzneipflanzen. Dabei verwendet sie erstmals deutsche Pflanzen- und Krankheitsnamen, wie etwa Ringelblume oder Arnika.
Mit dem Buchdruck wurden die Heilkräuter weiter bekannt
„In den großen Werken des 11. und 12. Jahrhunderts werden zwischen 200 und 300 Arten von Arzneipflanzen beschrieben, das sind ähnlich viele, wie wir sie heute noch verwenden“, sagt Niedenthal. In vielen Schriften wurden antike Anwendungen einfach übernommen. Häufig passte man die Anwendungen aber an lokale Gegebenheiten an. „Anstelle eines Salbeis aus dem östlichen Mittelmeerraum wurde dann einer genommen, der auch in Norditalien zu finden ist und nördlich der Alpen angebaut werden kann“, sagt Niedenthal. Mit dem Buchdruck fanden die Kräuterbücher antiker und mittelalterlicher Autoren weite Verbreitung. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es eine neue Blüte der Klöster, in denen pflanzliche Arzneien im großen Stil angebaut wurden. Der Kanon der Arzneipflanzen ist im Kern bis heute unverändert geblieben: Er enthält klassische Hausmittel und Küchenkräuter wie Anis, Baldrian, Brennnessel, Dill, Fenchel, Ingwer, Kamille, Kardamom, Kerbel, Weißkohl, Koriander, Kümmel, Kürbis, Lavendel, Liebstöckel, Melisse, Minze, Petersilie, Rosmarin, Salbei, Senf, Thymian, Zimt und Zwiebel. Kümmel war schon im Mittelalter als Hilfe gegen Blähungen bekannt, Fenchel als wirksames Mittel bei Infekten der oberen Atemwege. Baldrian wurde bei Unruhezuständen und Einschlafschwierigkeiten verabreicht, Minze bei Magenbeschwerden und Erkältungskrankheiten. Sogar Ingwer hatte bereits im Mittelalter den Weg von Ostasien nach Europa gefunden.
Das seit der Antike überlieferte Erfahrungswissen zur Wirksamkeit der Arzneipflanzen ist mittlerweile auch wissenschaftlich bestätigt. Auf europäischer Ebene veröffentlicht das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) Monografien von Arzneipflanzen und Arzneidrogen. 220 solcher Porträts sind bereits erschienen und finden sich auch im Internet. Dort pflegt die Kooperation Phytopharmaka ein 180 Pflanzen umfassendes Arzneipflanzenlexikon mit Anwendungsgebieten und den Einschätzungen der europäischen Bewertungskommissionen.
Bei leichten Beschwerden können viele Arzneidrogen wie vor Jahrhunderten in ihrer ursprünglichsten Form verwendet werden – als Teeaufguss mit getrockneten Samen oder Blättern (zum Beispiel Kamille, Brennnessel, Kümmel, Fenchel, Thymian, Minze). Bei anderen Arzneipflanzen empfiehlt sich die Verwendung weiterverarbeiteter Produkte. „Einige anerkannte Arzneipflanzen enthalten giftige Substanzen, etwa Ginkgolsäure in Ginkgo“, sagt Niedenthal. Bei anderen Arzneipflanzen (etwa Mönchspfeffer und Mariendistel) seien die Wirkstoffe nicht wasserlöslich, weshalb man ebenfalls ein Fertigpräparat nehmen sollte. Es ist davon auszugehen, dass aus den bekannten Pflanzen auch heute noch viele neue Arzneien gewonnen oder zurückgewonnen werden können. Zwar sind längst nicht alle aus dem Mittelalter überlieferten Anwendungen sinnvoll; bei vielen lässt sich eine Wirksamkeit wissenschaftlich nicht nachweisen. Allerdings gibt es noch große Forschungslücken. Schon Hildegard von Bingen hatte Lavendel bei Angstzuständen eingesetzt. In der modernen Medizin spielte das lange keine Rolle. Aber seit knapp 15 Jahren werden Kapseln mit Lavendelöl auch wieder zur Behandlung von Angststörungen genutzt. Fenchel war im Mittelalter extrem wichtig bei Augenentzündungen, Salbei galt auch als Mittel gegen Demenz, heute allerdings nicht mehr.
„Es gibt viele Pflanzen, bei denen es sich lohnen würde, noch mal genauer nachzuforschen“, sagt Niedenthal.
Auch Spyros Theodoridis, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum, ist überzeugt, dass sich die Erforschung der bereits etablierten Arzneipflanzen lohnt: „Heilpflanzen bieten enorme Möglichkeiten für die medizinische Versorgung der Menschheit – aber unser Wissen ist immer noch bruchstückhaft,“ sagt der Mitautor einer Studie, die natürliche medizinische Ressourcen untersucht.
Es gibt kaum Studien zu Arzneipflanzen
„Einige der wichtigsten Arzneimittel werden aus Pflanzen gewonnen“, so Theodoridis. Das Schmerzmittel Morphin aus Schlafmohn, das Malariamittel Artemesin aus dem Einjährigen Beifuß oder das Krebsmedikament Taxol, für dessen Herstellung man die Rinde einer amerikanischen Eibenart benötigt. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO können Arzneipflanzen den Menschen weltweit den Zugang zur medizinischen Grundversorgung ermöglichen. Deshalb ruft die WHO zum Erforschen pflanzlicher Arzneistoffe auf. Genutzt hat das bislang allerdings wenig. „Weniger als ein Prozent aller klinischen Studien beschäftigten sich mit der Analyse von Arzneipflanzen, von den knapp 375.000 bekannten Pflanzen wurden bisher nur sechs Prozent pharmakologisch und nur 15 Prozent auf sekundäre Pflanzenstoffe hin untersucht“, sagt Theodoridis (siehe Infokasten).
Ein Grund für die geringe Forschungsintensität ist vermutlich: Mit Phytopharmaka lässt sich nicht so viel Geld verdienen. Die aus Arzneipflanzen gewonnenen Wirkstoffe können im Gegensatz zur synthetisch hergestellten Konkurrenz nicht patentiert werden, weil sie im Patentrecht keine Erfindungen darstellen.
Spyros Theodoridis stammt aus dem nördlichen Griechenland, wo auch verschiedene Arzneipflanzen aus der Natur verwendet werden. „Eine Erkältung oder Husten wird traditionell mit Bergtee behandelt“, sagt er. Dieser Begriff fasst verschiedene Arten der Gattung Gliedkräuter (Sideritis) zusammen. Bergtee gehört nicht zum Pflanzen-Kanon der Klostermedizin. Das hat damit zu tun, dass er seine volle Wirksamkeit nicht im Klosterbeet, sondern nur im schroffen Klima der Berge der Balkanhalbinsel entfaltet. In den vergangenen Jahren sind getrocknete Sideritis-Stängel so populär geworden, dass viele Pflanzen illegal geerntet und etliche natürliche Vorkommen zerstört wurden. Auch die natürlichen Bestände anderer Heilpflanzen wie Gelber Enzian, Schlüsselblume oder Arnika wurden durch die kommerzielle Nachfrage merklich dezimiert.
„Um Bergtee und andere Arzneipflanzen zu schützen, müssen wir nachhaltige Anbaumethoden etablieren“, sagt Theodorides. Mit einem besseren Wissen über die Ökologie und die Wechselwirkungen mit anderen Arten könnten dann Permakultur- oder Polykultur-Gärten im natürlichen Lebensraum der Pflanzen angelegt werden. Das würde die Pflanzen vor Übernutzung schützen.
Gerade in Europa ließe sich die von der WHO propagierte Grundversorgung mit Arzneipflanzen leicht umsetzen. Es spricht auch vieles dafür, auf dem Balkon oder im eigenen Garten gewisse Heilpflanzen selbst anzubauen und zu nutzen. Allerdings gilt es dabei, die Überlieferungen der Klostermedizin mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammenzubringen, sonst kann die Anwendung schnell wirkungslos oder sogar gefährlich werden. „Allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“, wusste im 16. Jahrhundert schon der Schweizer Arzt Paracelsus, der als einer der Urväter der Medizin und der Naturheilkunde gilt. //
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