Zoos werben gerne mit Fotos und Videos von neugeborenen Zootieren. Die niedlichen Jungtiere erwecken Aufmerksamkeit – und den Eindruck, es gebe regelmäßig umfassenden Nachwuchs im Zoo. Aber stimmt das? Das haben nun Forschende um João Pedro Meireles von der Universität Zürich überprüft. Dafür analysierten sie die demografische Entwicklung von insgesamt 774 Säugetierpopulationen, die zwischen 1970 und 2023 in Zoos in Nordamerika und Europa gehalten wurden.
Weniger Fortpflanzung, weniger Nachwuchs
Die Daten dafür erhielten sie aus der internationalen Datenbank „Species360“, in der für jedes einzelne Tier unter anderem Alter, Geschlecht, Abstammung, Herkunft sowie der Reproduktionsstatus erfasst werden. Anhand dessen analysierten Meireles und seine Kollegen die Altersstruktur der Zoopopulationen über mehrere Jahrzehnte hinweg. Um daraus zu beurteilen, wie stabil eine Population ist, erstellten sie mit einer neuen Auswertungsmethode visuell besser vergleichbare demografische Profile.
Diese Analyse ergab: Es gibt immer weniger Nachwuchs bei Säugetieren in Zoos und viele Bestände sind mittlerweile überaltert. Schuld daran sind offenbar ausgerechnet die besseren Haltungsbedingungen in den Zoos. Um als stabil zu gelten, müssten die Populationen viele fortpflanzungsfähige Jungtiere und weniger ältere Individuen aufweisen – eine pyramidenförmige Altersstruktur. Tatsächlich gibt es jedoch deutlich weniger Jungtiere an der Basis der Pyramide und mehr Tiere höheren Alters. Das demografische Profil der meisten Gruppen ähnelt dadurch eher einer Säulen- oder Diamantform, wie die Studie ergab. Solche Populationen sind schlechter gegen unerwartete Ereignisse wie Krankheitsausbrüche oder andere Krisen gewappnet und gelten daher als weniger resilient.
In vielen Zoos hat der Anteil solcher diamant- oder säulenförmiger Populationen über die Jahrzehnte zugenommen, wie die Analysen ergaben. Zeitgleich sank der Anteil der sich aktiv fortpflanzenden Weibchen – um 49 Prozent in den nordamerikanischen und um 68 Prozent in den europäischen Populationen. In einigen Tiergruppen gab es zuletzt sogar überhaupt keine fortpflanzungsfähigen Weibchen mehr. Das sorgt nicht nur für mangelnden Nachwuchs, sondern beeinträchtigt auch die Sozialstruktur vieler Arten.
Artenschutzziele gefährdet
Die Forschenden sind angesichts ihrer Befunde besorgt. Die überalterten Tierbestände gefährden die Artenschutzarbeit moderner, wissenschaftlich geleiteter Zoos, die im globalen Kampf gegen den Verlust der Biodiversität eine wichtige Rolle einnehmen. Sie können so keine ausreichend stabilen Reservepopulationen mehr züchten, um in freier Wildbahn vom Aussterben bedrohte Arten zu retten. Zudem zählen die Fortpflanzung und Aufzucht von Jungtieren zu den Grundbedürfnissen von Tieren und sind elementare Bestandteile einer artgerechten Haltung.
Die Erkenntnisse sind ein Weckruf: „Dieser Trend muss unbedingt gestoppt und umgekehrt werden. Es braucht wieder mehr Jungtiere und weniger alte Tiere“, sagt Seniorautor Marcus Clauss von der Universität Zürich. Doch wie kann das gelingen? „Für Zoos und den Artenschutz eröffnen diese Ergebnisse Möglichkeiten, demografische Entwicklungen klar zu kommunizieren und fundierte Entscheidungen zu treffen“, sagt Co-Autor Paul Dierkes von der Goethe-Universität Frankfurt. Gegen sinkende Tierzahlen und überalterte Bestände soll ihm zufolge ein nachhaltigeres Populationsmanagement helfen.
Quellen: Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.2522274123 und MethodsX, doi: 10.1016/j.mex.2025.103591





