Jahrzehntelange Eingriffe durch den Menschen haben der Natur das Wasser abgedreht. Und so befinden sich heute nicht einmal mehr 40 Prozent der europäischen Flüsse in einem guten ökologischen Zustand. Um das zu ändern, will die EU bis 2030 insgesamt 25.000 Kilometer Wasserwege von ausgedienten Barrieren befreien.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Roman Goergen
Immer, wenn Gemeinderatsmitglied und Wasserbaufachmann Matthias Schlicker in seine Gummistiefel schlüpft und an die Kleine Paar einlädt, lassen sich die lokalen Medien nicht lange bitten. Schließlich hat Schlicker dem Flüsschen und seiner Gemeinde Baar nördlich von Augsburg eine gewisse ökologische Prominenz weit über Bayerns Grenzen hinweg gesichert.
Heute soll nicht nur vor den Augen der Presse, sondern auch im Beisein von Sponsoren, Fischereiberatern, Vogelschützern, und des World Wide Fund for Nature Deutschland (WWF) eine Sohlschwelle in der Kleinen Paar umgebaut werden. Dafür hat Schlicker einen 40-Tonner mit Flussbausteinen und zwei Vierachser mit Kies angefordert. Rund 20 Helfer werden die Lieferung an den Ufern des Flusses verteilen. Der engagierte Lokalpolitiker zeigt sich immer noch verblüfft über das große Interesse an seinen Projekten und das überschwängliche Lob für die Renaturierungsmaßnahmen an der Kleinen Paar. „Daran sieht man auch, wie schlecht es in anderen Kommunen um die Gewässer bestellt sein muss“, erzählt Schlicker einer Lokalreporterin von den Aichacher Nachrichten.
Vor- und Nachteile von Wasserbarrieren
Eine Sohlschwelle wird nötig, wenn ein Fluss begradigt wurde und deshalb schneller fließt als vorher. Die Bauwerke werden dann quer zur Strömungsrichtung errichtet und sollen verhindern, dass das Gewässer sich tiefer in sein Bett eingräbt. Dies kann ökologische Schäden hervorrufen, wie zum Beispiel Erosion, und führt oft dazu, dass der Fluss die Verbindung zu den angrenzenden Auen verliert, die als wichtige Lebensräume für viele Pflanzen- und Tierarten jedoch auf eine regelmäßige Flutung durch Hochwasser angewiesen sind.
Aber auch Sohlschwellen haben nachteilige Auswirkungen auf einen Fluss. In ihrem Lauf vielerorts durch solche Querbauten gebremst, verschlammte die Kleine Paar. Im trüben, sauerstoffärmeren Wasser verschwand das Leben. Außerdem hinderten die unnatürlichen Barrieren viele Fischarten daran, frei durch den Fluss schwimmen zu können. Deswegen wurde der ökologische Zustand der Kleinen Paar bis vor einigen Jahren offiziell noch als „unbefriedigend“ eingestuft – ein Zustand, der für viele bayerische und auch deutsche Flüsse exemplarisch ist. Damit die Kleine Paar aber nach dem Umbau der Sohlschwelle nicht wieder zu schnell wird, kommen nun Steine und Kies zum Einsatz, um die Gewässersohle zu stabilisieren und die Strömung zu regulieren. Auch die Gestaltung von Buchten, Ufern und Böschungen sorgt für Variation und gibt dem Flus mehr Raum für eine natürliche Entwicklung. In den Gemeinden Baar und Holzheim wurden auf diese Weise bereits 17 Sohlschwellen umgestaltet. Auch Fische und Krebse werden im Gewässer wieder ausgesetzt, die dort wegen der Barrieren verschwunden waren. Auf insgesamt sieben Kilometern Flusslänge sollen sie sich bereits wieder frei bewegen können. Langfristig soll sogar eine durchgängige Verbindung von der Kleinen Paar über die Paar bis hin zur Donau entstehen. „Hier sieht man, wie Umweltschutz funktionieren kann. Matthias Schlicker hat es geschafft, alle Menschen vor Ort mitzunehmen und für die Renaturierung ihres kleinen Heimatbachs zu begeistern. Die Kleine Paar ist ein ganz schönes, kleines, süßes Gewässer geworden, und alle waren an Bord“, lobt Ruben van Treeck, Fluss- und Gewässerexperte des WWF Deutschland. In Bayern soll das Beispiel noch mehr Nachahmer finden, denn laut WWF gibt es im Freistaat immer noch mehr als 56.000 Querbauwerke, von denen nur elf Prozent für Fische flussaufwärts vollständig durchgängig seien.
Mehr aus Erde & Umwelt
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Erde & Umwelt.
Braunbären haben als echte Anpassungskünstler mehrere Eiszeiten überlebt. Eine 3D-Analyse zeigt nun den Grund dafür - er steckt im Unterkiefer.
Erde & Umwelt
Aus Alt mach Neu: Retrofitting macht Dieselbusse zu E-Bussen
8. Juli 2026
Die Verkehrswende ist eine Voraussetzung für die Klimaneutralität. Eine Studie zeigt, wie Dieselbusse klimafreundlich auf Elektroantrieb umgerüstet werden…
Auch in anderen Teilen Europas brauchen viele Flüsse Hilfe. 51 führende internationale Gewässerexperten konnten in einer von der Fachpublikation Nature im Dezember 2020 veröffentlichten Studie belegen, dass zu diesem Zeitpunkt „mindestens 1,2 Millionen Barrieren in Flussläufen von 36 europäischen Ländern“ existierten. Eine genauere Analyse von 147 solcher Flüsse belegte dabei auch, dass die bislang existierende Datenlage die Anzahl solcher Hindernisse um 61 Prozent zu niedrig beziffert hatte. Dieser Umstand gehe besonders auf Barrieren wie in der Kleinen Paar zurück, die niedriger als zwei Meter seien, aber dennoch 68 Prozent aller Querbauten in den europäischen Flüssen ausmachten. „Die häufigsten Hindernisse für einen freien Fluss sind kleine Strukturen, die schwer zu finden und schlecht in Karten erfasst sind“, heißt es in der Nature-Studie.
Viele Querbauwerke verändern die Wasserstände des Flusses, was die Wiederauffüllung des Grundwasserleiters beeinträchtigt, der das unterirdische Wasser speichert. Sie versperren Fischen den Weg zu Laichgebieten oder kühleren Flussabschnitten und reduzieren so die Bestände von Lachs, Stör, Forelle, Äsche, Aal und vielen anderen Arten. Dies setzt eine Kettenreaktion in der Biodiversität des Ökosystems in Gang, die von Braunbären, Ottern oder Raubvögeln an der Spitze bis hin zu Insekten reicht. Kleine und auch große Barrieren wie Rampen, Sohlschwellen, Furten, Wehre, Schleusen und Talsperren stehen aber nicht nur der Biodiversität im Weg, indem sie Fische und Mikroorganismen beeinträchtigen. Sie verhindern auch, dass Nährstoffe und Sedimente flussabwärts transportiert werden, was sich letztendlich auch negativ auf die Menschen auswirkt, zu deren Lebensgrundlage der Fischfang gehört. Da die Barrieren Sedimente hinter sich stauen, hat das ungebremste Wasser außerdem flussabwärts eine stark erosive Kraft.
Umweltziele und Hürden auf dem Weg
Um solchen Umweltschäden entgegenzuwirken, hat die Europäische Union in den vergangenen Jahrzehnten zwei rechtliche Initiativen auf den Weg gebracht: das EU-Naturschutzgesetz (EU Nature Restoration Law) ist eine Verordnung, die in allen Mitgliedsstaaten sofort gültig und umzusetzen ist. Sie legt unter anderem fest, dass bis 2030 mindestens 25.000 Kilometer der EU-Flüsse wieder in einem frei fließenden Zustand sein müssen. Das Gesetz betrifft die Existenz von Flussbarrieren somit direkt. Bereits im Jahr 2000 wurde außerdem die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) verabschiedet. Sie musste zunächst von den Mitgliedstaaten in ihr jeweiliges Recht umgesetzt werden. Die WRRL fordert, dass alle europäischen Gewässer bis 2027 zumindest in einem „guten Zustand “ sind, überlässt den Staaten allerdings, wie das zu erreichen ist. 2005 wurde eine Erstbewertung der Gewässer durch die Mitgliedstaaten vorgenommen. Sie müssen seither außerdem mithilfe von Überwachungsprogrammen kontinuierlich Daten zum Zustand der Gewässer sammeln. „Die Richtlinie bewertet den Zustand von Fließgewässern anhand verschiedener Haupt- und Hilfskomponenten. Eine Hilfskomponente ist die ökologische Durchgängigkeit“, erläutert Ruben van Treeck. Im Gegensatz zu den Vorgaben des EU-Naturschutzgesetzes müssten dafür aber Barrieren nicht zwingend entfernt werden. Ergänzende Strukturen wie Fischtreppen könnten ebenso zu einer besseren Durchlässigkeit beitragen. „Wir alle werden das 2027-Ziel krachend verfehlen. Deutschland hat bislang rund neun Prozent dieser Vorgabe erreicht und voraussichtlich auch kein anderer Mitgliedstaat wird es bis 2027 schaffen“, so van Treeck.
Immerhin haben viele EU-Staaten inzwischen erkannt, dass vor allem auch kleinere Hindernisse eine ökologische Erholung verhindern. Deswegen wird ein Rückbau auf dieser Ebene kräftig vorangetrieben. Die Initiative Dam Removal Europe, ein Interessenverband aus sieben Umweltschutzorganisationen wie dem WWF, The Rivers Trust oder The Nature Conservancy, verzeichnet für das Jahr 2023 in Europa rund 50 Prozent mehr Entfernungen oder Rückbauten als noch im Vorjahr. „Von diesen 487 Maßnahmen 2023 waren die meisten Strukturen weniger als zwei Meter hoch. Diese Barrieren sind oft in schlechterem Zustand, alt und unnötig und können somit auch einfacher beseitigt werden“, erläutert der Autor des entsprechenden Jahresreports der Koalition, Foivos Mouchlianitis von der federführenden World Fish Migration Foundation. Nur 20 Prozent der entfernten Barrieren seien zwischen zwei und fünf Meter hoch gewesen und lediglich zwei Prozent höher als fünf Meter. „Wir haben berechnet, dass dadurch insgesamt 4.300 Kilometer von Flussläufen wieder miteinander verbunden wurden und ökologisch durchgängig sind“, so Mouchlianitis. Der Grieche führt den stark gestiegenen Ab- und Umbau von Gewässerbarrieren darauf zurück, dass im Hinblick auf die EU-Vorgaben einerseits mehr öffentliche Fördergelder für solche Projekte bereitgestellt wurden, andererseits aber auch darauf, dass die zuständigen Wasserbehörden in vielen Staaten endlich besser zugängliche Statistiken führten und diese auch teilten.
Deutschland kommt zum Beispiel in dem 2023-Bericht überhaupt nicht vor. „Das bedeutet aber nicht, dass hier nicht zurückgebaut wird“, erklärt van Treeck. „Die Datensammlung ist unglaublich aufwendig, je nachdem, welchen EU-Staat, welches Bundesland oder sogar welche Behörde man betrachtet“, so der Gewässerexperte. Hierzulande gebe es weder auf Bundes- noch auf Länderebene ein Mandat, um solche Rückbauprojekte statistisch zu erfassen. Obwohl Deutschland beim Rückbau von Querbauwerken also durchaus schon fleißig sei, beklagt von Treeck die nach wie vor hohen bürokratischen Hürden – selbst bei kleineren Barrieren – und den fehlenden Mut innerhalb der Behörden: „Bei uns sind solche Projekte sehr häufig sofort planfeststellungs- oder plangenehmigungspflichtig. Das ist ein riesiger Aufwand, nur um ein kleines Bauwerk zu entfernen. Das macht alles sehr teuer und verzögert die Umsetzung.“
Solche Schwierigkeiten treten schon bei kleineren Barrieren auf. Es sind aber vor allem auch hohe Talsperren mit großen Wasserreservoiren, deren Entfernung mit Hinblick auf die EU-Vorgaben aufgrund ihrer Dimensionen einen großen Unterschied machen könne. Michal Habel, ein renommierter Experte für Flusssysteme und Talsperren an der Kazimierz Wielki Universität in Bydgoszcz, Polen, denkt sogar, dass der europäische Fortschritt sich verlangsamt hat, wenn der Fokus der Betrachtung auf Talsperren liegt: „Nach 2005, als die Wasserrahmenrichtlinie in Kraft trat, haben wir noch den Rückbau problematischer Talsperren mit Reservoiren erlebt. Jetzt sehen wir nur noch den Rückbau kleinerer Barrieren.“ Habel erwartet für kommendes Jahr zwar einen Höhepunkt beim Rückbau von Strukturen unter zwei Metern, aber kaum Entfernungen großer Talsperren. Er geht deswegen auch davon aus, dass das Ziel von 25.000 Kilometern barrierefreier Flüsse bis 2030 nicht zu erreichen ist: „Ich denke, dass nicht einmal 30 Prozent aller Barrieren entfernt sein werden“. Nach Einschätzung des polnischen Hydrologen verhindern vor allem vier Aspekte einen schnelleren Fortschritt beim Abbau großer Talsperren: Stromerzeugung durch Wasserkraft, die Trinkwasserversorgung, der Widerstand der Menschen und die Frage, was anschließend mit dem zurückgehaltenen Flusssediment geschieht. „Als Experte für Sedimenttransport sehe ich keine konstante Strategie dahingehend, was mit dem Sediment geschehen soll, besonders wenn große Dämme entfernt werden. Wir haben außerdem Hauptflüsse, bei denen alles reguliert ist, aber in den Nebenflüssen gibt es Barrieren, und wenn diese entfernt werden, kann der Hauptfluss ein Problem mit dem Sediment bekommen“, so Habel.
Das Beispiel der französischen Sélune
Ein Paradebeispiel für die komplexe Situation bei der Entfernung großer Talsperren ist die Geschichte des französischen Flusses Sélune. Es bedurfte zehn Jahren der Planung und zum Teil kontroverser Diskussionen, um den bisher größten Staudammrückbau in Europa voranzubringen und die zwei Dämme zwischen 2017 und 2022 schließlich zu entfernen. „Sediment und Nährstoffe wurden ein ganzes Jahrhundert lang blockiert, und wandernde Fischarten konnten nicht mehr flussaufwärts schwimmen, um zu leben oder sich fortzupflanzen“, beschreibt Laura Soissons, eine Forschungsingenieurin am französischen Institut für Landwirtschafts-, Lebensmittel- und Umweltfoschung (INRAE), die ausschlaggebenden Faktoren für die Entscheidung, den Weg für die Natur wieder freizumachen.
Die Sélune fließt über 85 Kilometer durch die Normandie und mündet schließlich in der Bucht des Klosterbergs Mont-Saint-Michel in den Ärmelkanal. Die Insel mit der berühmten Abtei und das umliegende ökologisch vielfältige Wattenmeer gehören zum Welterbe der Unesco. Als zwischen 1916 und 1919 die erste der beiden Talsperren, La Roche-qui-Boit, errichtet wurde, war die Begeisterung groß und Umweltbedenken noch unbekannt. Mit dem 16 Meter hohen Damm kam die Wasserkraft und damit die Elektrizität in das Sélune-Tal. „Die Stadt Avranches wird zum ersten Mal durch die Kraft der Sélune elektrisch beleuchtet, mit mehr als 300 Lampen, die das Rathaus und die öffentlichen Denkmäler schmücken. Zu diesem Anlass werden in der Stadt Festlichkeiten organisiert“, stand 1920 in der Tageszeitung Ouest-Eclair. Die zweite Talsperre, Vézin, mit 36 Metern Höhe und 278 Metern Breite folgte 1930. Die dahinterliegenden 19 Kilometer langen Stauseen entwickelten sich zu Erholungsgebieten mit Fischerei und Wassersport. Es ist genau eine solche kulturelle und nostalgische Einbettung in die Geschichte umliegender Gemeinden, welche die Entfernung von Dämmen problematisch machen kann – selbst dann, wenn dringende Gründe dafür sprechen. „Die Städte funktionierten mit den Dämmen, hatten Elektrizität und Naherholung. Deswegen verstanden die Menschen nicht, warum sie entfernt werden sollten“, berichtet Soissons. Da die Entscheidung in der Hauptstadt getroffen wurde, die Lokalbevölkerung aber nicht ausreichend involviert wurde, bildete sich fast zwangsläufig ein negatives Sentiment unter den betroffenen Menschen.
1993 war es zu einem ökologischen Unfall gekommen, der weitere Gefahren verdeutlichte, die die beiden Dämme mit sich brachten. Die Wasserreservoire von Talsperren müssen etwa alle zehn Jahre entleert werden, um Wartungsarbeiten und Sicherheitsüberprüfungen durchführen zu können, aber auch um festzustellen, wie viel Sediment sich im Stausee abgelagert hat. „Das war 1993 eine Katastrophe, weil sich das Sediment löste, flussabwärts floss und dort ganze natürliche Lebensräume zerstörte“, berichtet Laura Soissons. Die Expertin verweist außerdem darauf, dass die Stromerzeugung durch Wasserkraft an den beiden Talsperren ohnehin immer ineffektiver wurde und nicht mehr rentabel war. Der Vézin-Damm produzierte trotz seiner Größe gerade einmal fünf Prozent der Elektrizität eines konventionellen Kraftwerks, sodass der französische Energiekonzern EDF schließlich die Werke aufgab. „Als all diese Faktoren dann noch einmal durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie im Jahre 2000 unterstrichen wurden, kam es 2009 zur Entscheidung, die Dämme zu entfernen“, so Soissons.
Seitdem hat sich an und vor allem in der Sélune einiges getan. Zuvor hatten Sauerstoffmangel und eine höhere Wassertemperatur die Bildung toxischer Cyanobakterien in dem stehenden Gewässer begünstigt. Doch nun ist die fließende Sélune im Schnitt wieder zwei Grad kühler und wird besser mit Sauerstoff versorgt, was der aquatischen Fauna zugutekommt. „Empfindliche Arten, die auf Sauerstoffverfügbarkeit und geringe Schadstoffbelastung angewiesen sind, kehrten in die Gebiete zurück, wo zuvor die Stauseen waren“, sagt Soissons. „Deswegen haben wir wieder mehrere Arten von Wanderfischen in der Sélune. Den Atlantischen Lachs, den Europäischen Aal, Meerneunaugen und andere Rundmäulerarten.“ Kurz nach der kompletten Entfernung des zweiten Damms im Jahr 2022 konnten diese Arten dann auch wieder flussaufwärts schwimmen, wo das Wasser den zum Laichen benötigten höheren Sauerstoffgehalt hat.
Damit die erneut gewaltigen Sedimentablagerungen nicht zu ähnlichen Problemen wie vor 30 Jahren führten, wurden damit neue Ufergebiete geschaffen, anstatt sie kostspielig abzutransportieren oder in den Fluss zu leiten. „Wenn wir die Dämme einfach gesprengt hätten, wäre eine riesige Menge Sediment den Fluss hinuntergespült worden und hätte die Ökosysteme stromabwärts zerstört“, erläutert Soissons. An die neuen Ufer kehrte die Vegetation sogar zurück.
Diese ersten positiven Effekte werden sich nach Soissons‘ Einschätzung in den nächsten Jahren stabilisieren. Sie hofft auch, dass die Anwohner, die sich in der Entscheidung zum Rückbau unter Umständen übergangen gefühlt haben und den Entwicklungen daher skeptisch gegenüberstehen, die neu gestaltete Sélune doch noch zu schätzen lernen: „Ich denke, die Menschen wurden nicht ausreichend nach ihrer Meinung gefragt. Aber jetzt ist die Renaturierung da, und der Fluss ist schön. Leute fangen an, dort wieder Kajak zu fahren oder zu angeln. Vielleicht sagen sich die Skeptiker nun, dass sie dann auch damit leben können.“
Die Menschen mitzunehmen, ist nach Einschätzung aller Experten ein wichtiger Faktor für soziale Akzeptanz und erfolgreiche Renaturierung. Mancherorts ist dies noch schwieriger als in Frankreich – besonders in Osteuropa, wie Michal Habel betont: „In Polen haben wir zum Beispiel immer noch nicht genügend Wasserspeicherung in Reservoirs. Wir haben ein Wasserdefizit und müssen mehr bauen, aber die Europäische Kommission blockiert diese Projekte.“ Ein Verständnis für ökologische Probleme existiere vor allem in den Städten, nicht aber auf dem Land – also dort, wo die Dämme zurückgebaut werden sollen. Nur wenn sich die Menschen für ihren Fluss begeistern können, gelingt es nach Meinung der Forscher auch, wirtschaftliche Faktoren und Umweltschutz gegeneinander abzuwägen.
Akteure wie Matthias Schlicker, die mit Gummistiefeln und Spaten unerschrocken voranwaten, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Seine Arbeit erreicht selbst die ganz Jungen: nach einem Aktionstag für Schulen an der Kleinen Paar meldeten sich die Kinder anschließend zu einem Praktikum beim Wasserwirtschaftsamt an. //
Erde & Umwelt
Ozeanerwärmung lässt Meerestiere schrumpfen
6. Juli 2026
Meerestiere werden in Reaktion auf Umweltkrisen kleiner, besonders bei einer Erwärmung der Ozeane. Dadurch könnte der aktuelle Klimawandel den marinen…
natur PlusErde & Umwelt
Schutz der Halligen
6. Juli 2026
Auf der Hallig Nordstrandischmoor wird erprobt, wie Halligen durch vermehrte Einschwemmung von Sediment den Klimawandelfolgen besser trotzen können.