Text: Oliver Abraham
Wer kennt schon den Kompass-Lattich? Der hoch wachsende Pfahlwurzler ist ein Verwandter des Garten-Lattichs (Lactuca sativa), der mit seinen Varianten Kopfsalat, Pflücksalat oder Römersalat regelmäßig auf unserem Speiseplan steht.
Oder wer weiß um den Kriechenden Sellerie (Helosciadium repens), der auf nährstoffarmen, feucht-nassen Böden irgendwo in Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern wächst. Beide Arten gehören zu den sogenannten WEL, den Wildpflanzen mit Bedeutung für Ernährung und Landwirtschaft.
Die Erhaltung dieser WEL-Arten und ihres Nutzungspotenzials sind ein wichtiges gesellschaftliches Ziel, heißt es seitens des Julius Kühn-Institutes (JKI), dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Deutschland. Unter den rund 2.500 WEL-Arten, die es hierzulande gibt, wurden rund 120 als priorisierte Arten definiert, die für die Züchtung eine entscheidende Rolle spielen könnten. Auf diese fokussiere man sich besonders, so die JKI-Experten.
Zum Beispiel im Naturdenkmal „Trog“ bei Quedlinburg im Harz, wo 69 WEL-Arten wachsen, davon 18 der priorisierten Arten. In diesem Hotspot wilder Verwandter von Kulturpflanzen wurde im Sommer 2025 das erste von etwa 60 geplanten genetischen Erhaltungsgebieten für Wildpflanzen mit WEL-Bedeutung eingerichtet. Die Einrichtung und Betreuung dieser Erhaltungsgebiete koordiniert bundesweit das JKI, Naturschutzbehörden und -akteure unterstützen vor Ort mit Daten zu Wildvorkommen und Expertenwissen zur Erhaltung der Arten.
Wichtige Genreserven erhalten
Im Erhaltungsgebiet „Trog“ wurden unter anderem die Wilde Möhre gefunden, der Gemeine Spargel oder der Sand-Thymian. „Solche Pflanzen können Eigenschaften besitzen oder entwickeln, die bei der Züchtung zum Beispiel klimaresilienter oder krankheitsresistenter Nutzpflanzen einmal eine entscheidende Rolle spielen könnten“, erklärt die Molekularbiologin Nadine Bernhardt vom Institut für Resistenzforschung und Stresstoleranz am JKI. Denn niemand weiß, was die Zukunft bringt – wie Pflanzen mit längeren Trockenperioden und Hitzespitzen umgehen, welche Krankheiten sich entwickeln oder welche invasiven, fremden Arten sie möglicherweise irgendwann schädigen. Die natürliche, im Unbekannten schlummernde, Genreserve der WEL-Arten sei eine Versicherung und eine Option auf die Zukunft, so Bernhardt. Die wilden Verwandten könnten wichtige bisher verborgene Talente haben, die es unbedingt zu erhalten gelte.
Allerdings müsse man jetzt handeln, mahnt Nadine Bernhardt, denn „trotz ihrer Bedeutung stehen die Wildpflanzen bisher kaum im Fokus von Schutzbemühungen, da sie häufig noch relativ weit verbreitet sind. Durch sich verändernde Umweltbedingungen schrumpfen ihre Bestände jedoch zunehmend – und damit verringert sich auch ihre genetische Vielfalt.“





