Um den Klimawandel zu bremsen, muss Deutschland auch die Wärmewende voranbringen. Dafür werden erhebliche Investitionen benötigt. Unter anderem müssen alte Heizungen ausgetauscht, Gebäude saniert und besser gedämmt sowie Fernwärmenetze ausgebaut werden. Was aber bedeutet dies konkret? Wie viel Geld müsste für einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 investiert werden und welche Kosten kommen dadurch auf einzelne Haushalte zu?
Diese Fragen hat ein Team des Öko-Instituts in Darmstadt um Malte Bei der Wieden im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität untersucht. Dafür teilten die Forschenden alle deutschen Haushalte nach Einkommen, Wohnform und Gebäudetyp in 20 Gruppen ein. Anschließend berechnete das Forschungsteam für jede Gruppe, wie hoch die nötigen Investitionen bis 2045 sind und wie stark diese das jeweilige Haushaltsbudget belasten. Dafür verteilten sie die Kosten rechnerisch auf 20 Jahre und setzten sie ins Verhältnis zum Haushaltsnettoeinkommen. Bei Mietwohnungen gingen die Forschenden davon aus, dass die Vermietenden die Kosten vollständig weitergeben.
86 Milliarden Euro pro Jahr – aber nicht nur für die Wärmewende
Das Ergebnis: Bis 2045 müssten in Deutschland insgesamt rund 1,17 Billionen Euro in Wohngebäude fließen, um diese klimaneutral zu machen. Für Nichtwohngebäude wie Büros oder Gewerbeflächen kommen weitere 639 Milliarden Euro hinzu. Zusammen entspricht dies Investitionen von rund 86 Milliarden Euro pro Jahr. „Die Wärmewende ist eine große, aber machbare Aufgabe. 86 Milliarden Euro im Jahr klingen nach viel. Die Bauwirtschaft hat 2024 aber 190 Milliarden Euro umgesetzt, und nur gut ein Drittel des Bedarfs entfällt überhaupt auf den Heizungstausch”, sagt Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität.
Hinzu kommt: Ein großer Teil der Investitionen wäre auch ohne Wärmewende nötig. 46 Prozent der Kosten bei Wohngebäuden und 56 Prozent bei Nichtwohngebäuden fallen für die reguläre Instandhaltung an – beispielsweise durch Reparaturen oder Erneuerungen von Dächern, Fassaden und Fenstern. Der Austausch von Heizungen macht hingegen nur 37 Prozent des gesamten Investitionsbedarfs aus. Nutzt man ohnehin anstehende Sanierungen gleich für den Klimaschutz, lässt sich Geld sparen und die Wärmewende wird günstiger, wie die Forschenden erklären.
Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders belastet
„Das Problem ist die Verteilung der Kosten”, sagt Losse-Müller. Haushalte mit mehr als 6.000 Euro Nettoeinkommen im Monat können die notwendigen Investitionen unabhängig von Wohnform und Gebäudetyp aus ihrem Einkommen finanzieren. Aber Haushalte mit weniger als 2000 Euro Nettoeinkommen im Monat müssten laut Berechnungen oft mehr als 20 Prozent ihres Einkommens für die nötigen Investitionen aufbringen – für viele wäre dies kaum machbar. Als finanzierbar gelten den Forschenden zufolge höchstens zehn Prozent.
Für die rund 1,6 Millionen einkommensschwachen Eigentümer von Einfamilienhäusern könnten die Kosten für eine Wärmewende sogar 27 Prozent ihres Nettoeinkommens erreichen. Denn sie haben oft besonders hohen Investitionsbedarf. „Wer wenig Einkommen hat, wohnt überdurchschnittlich oft in Gebäuden von vor 1979, heizt häufiger mit Gas oder Öl und trägt im Verhältnis zum Einkommen die höchste Investitionslast“, sagt Bei der Wieden.
Mieter und Kommunen trifft es besonders hart
Ebenfalls stark betroffen sind viele Mieter in Mehrfamilienhäusern. Sie machen 72 Prozent der Haushalte mit weniger als 2.000 Euro Nettoeinkommen aus. Würden die Sanierungskosten vollständig auf diese Mieter umgelegt, entspräche die Belastung im Schnitt rund 22 Prozent ihres Einkommens. Noch dazu haben Mieter in Mehrfamilienhäusern kaum Mitspracherecht: Ob dort saniert wird, entscheiden die Vermietenden. „Die Transformation im vermieteten Bestand ist der anspruchsvollste Teil der Wärmewende“, so Bei der Wieden. „Millionen einzelner Investitionsentscheidungen müssen in diesem Segment getroffen werden.“
Ein großer Investitionsbedarf besteht jedoch auch bei Nichtwohngebäuden. Sie machen zwar nur rund ein Zehntel des Gebäudebestands aus, verursachen aber ein Drittel der Emissionen im Gebäudesektor, wie die Forschenden erklären. Denn mehr als die Hälfte dieser Gebäude wurde vor 1978 gebaut, gleichzeitig lag die Sanierungsrate zwischen 2010 und 2019 bei nur 0,7 Prozent pro Jahr. Die Kosten für eine Umrüstung betreffen dabei nicht nur Privateigentum, sondern auch öffentliche Gebäude. Auf sie entfallen den Analysen zufolge rund die Hälfte der nötigen Investitionen. Allein für Schulen und Kitas werden demnach 136 Milliarden Euro benötigt. Diese Kosten müssten vor allem die Kommunen tragen, deren finanzielle Spielräume häufig begrenzt sind. Da Industriegebäude in der Studie nicht berücksichtigt wurden, dürfte der tatsächliche Investitionsbedarf sogar noch höher liegen.
Bezahlbare Fernwärme und Finanzhilfen für Ärmere
Fernwärme spielt bei der Wärmewende eine wichtige Rolle. Vor allem vermietete Mehrfamilienhäuser werden vergleichsweise häufig damit versorgt. Bis 2045 soll ihr Anteil auf rund 40 Prozent steigen. Haushalte mit geringem Einkommen nutzen Fernwärme dabei überdurchschnittlich häufig. Die Forschenden sehen bezahlbare Fernwärme deshalb als wichtige Voraussetzung für eine sozial ausgewogene Wärmewende. Außerdem empfehlen sie, einkommensschwache Haushalte stärker finanziell zu unterstützen, etwa bei der Vorfinanzierung von Sanierungen. Auch Wärmenetze und gemeinschaftliche Wärmelösungen sollten stärker gefördert werden. Zudem brauchen Kommunen mehr Unterstützung, damit sie öffentliche Gebäude klimaneutral sanieren können, so die Forschenden.
Quelle: Öko-Institut. Gutachten: Klimaneutraler Gebäudebestand: Wer muss und kann wie viel investieren?





