Künstliches Licht ist für uns Menschen oft notwendig, zum Beispiel wenn wir uns nachts an einem dunklen Bahnsteig orientieren wollen. Allerdings gilt künstliches Nachtlicht auch als ein möglicher Stressfaktor, der zum weltweiten Rückgang von Insekten beiträgt. Denn die Lampen stören das natürliche Verhalten der Insekten, beeinträchtigen ihre Orientierung und Nahrungsfindung und machen sie dadurch anfälliger. Um sie zu schützen, ist es daher wichtig, die Lichtverschmutzung zu reduzieren.
Bahnsteigbeleuchtung im Insekten-Test
Ein Forschungsteam um Carmen Ludreschl vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels hat deswegen nun untersucht, wie sich verschiedene Leuchtmittel auf fliegende Insekten an Bahnhöfen auswirken. Den Anstoß für das Projekt gab die Deutsche Bahn, die ihre Bahnhofsbeleuchtung insektenfreundlicher gestalten will. Für ihre Studie testeten die Forschenden drei Beleuchtungsarten an sechs ländlichen Bahnhöfen im Westhavelland: bernsteinfarbene LEDs mit 1800 Kelvin, kaltweiße LEDs mit 4000 Kelvin und ältere Natriumhochdrucklampen mit 2000 Kelvin.
Von Juli bis Oktober 2023 und April bis Juni 2024 erfassten Ludreschl und ihre Kollegen unter anderem mit KI-gestützter Bildanalyse, wie viele Insekten und Insektenarten die verschiedenen Lichtquellen in den Nächten jeweils anzogen und verglichen die Ergebnisse mit Orten ohne Beleuchtung.
Spezielles Licht lockt weniger Insekten an
Das Ergebnis: Die bernsteinfarbenen LED-Leuchten zogen rund 40 bis 50 Prozent weniger Individuen an, dies entsprach bis zu 75 Prozent weniger Insektenbiomasse. Auch die Zahl der angelockten Arten sank um zehn bis 20 Prozent - auch gefährdete und gesetzlich geschützte Arten tauchten seltener um die Bahnhofslampen auf. „Diese verringerte Anziehung ist primär auf das schmalere Lichtspektrum und das Fehlen des kurzwelligen blauen Lichtanteils bei den 1800K-LEDs zurückzuführen“, erklären die Forschenden. Das erklärt, warum die Natriumhochdruckdampflampen zwar ebenfalls ein optisch „wärmeres“ Licht abgeben, aber die Insekten ähnlich stark anziehen wie kaltweiße LEDs.

Drei Arten von Bahnsteigbeleuchtung im Vergleich: Natriumdampflampen und kaltweiße LED locken mehr Insekten an als bernsteinfarbene LED. — © Ludreschl et al./ Biological Conservation, CC-by 4.0
„Wir konnten damit unter realen Bedingungen an Bahnhöfen zeigen, dass die Wahl der Lichtquelle und insbesondere ihre spektrale Zusammensetzung eine entscheidende Rolle für die Anziehung fliegender Insekten spielen“, sagt Ludreschl. Ganz ohne Auswirkungen ist aber auch das optimierte Licht nicht. Die bernsteinfarbenen LEDs zogen immer noch mehr Insekten an als unbeleuchtete Kontrollorte. Wo künstliches Licht nicht nötig ist, bleibt Ausschalten deshalb die beste Lösung, wie das Team betont. Wenn eine Beleuchtung aus Sicherheitsgründen aber notwendig ist, können eine geeignete Lichtfarbe, Abschirmung und Dimmen die Belastung verringern.
Deutsche Bahn rüstet Bahnhöfe um
Die Deutsche Bahn hat die untersuchten Bahnsteige sowie einen weiteren Bahnhof bereits dauerhaft mit den neuen LEDs ausgestattet und das Leuchtmittel in ihre offizielle Auswahlliste aufgenommen. Zwar brauchen die bernsteinfarbenen LEDs etwas mehr Strom als kaltweiße LEDs, dafür schonen sie die Insekten. Bei nachhaltiger Beleuchtung sollte nach Ansicht von Ludreschl und ihren Kollegen jedoch nicht nur der Stromverbrauch zählen, sondern auch der Schutz der Artenvielfalt. Ein flächendeckender Einsatz der bernsteinfarbenen LEDs an Bahnhöfen ist bislang allerdings nicht möglich, weil bestehende Beleuchtungsnormen und Sicherheitsvorgaben die 1800-Kelvin-LEDs derzeit nur an nicht überdachten Bahnsteigen erlauben.
Die Studienergebnisse lassen sich aber auch auf andere Bereiche übertragen. Wer Insekten schützen möchte, sollte Licht im Garten oder auf anderen Flächen nur dort und so lange einsetzen wie unbedingt nötig. Außerdem können eine insektenfreundlichere Lichtfarbe und abgeschirmte und gedimmte Leuchten helfen, die Tiere zu schützen.
Quelle: Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels. Fachartikel: Biological Conservation, doi: 10.1016/j.biocon.2026.111964





