Zum Start eine Warnung. „Ihr seid hier in einer Großstadt“, sagt Alexis Goertz und zeigt mit ihrem Regenschirm in die Büsche. „Da werdet ihr alles finden: Bierflaschen, Drogen und Kondome.“ Aber nicht nur das: „Auch die guten Dinge verbergen sich direkt vor euren Augen. Ihr müsst nur genau hinschauen.“
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
Text: Steve Przybilla
Zum Start eine Warnung. „Ihr seid hier in einer Großstadt“, sagt Alexis Goertz und zeigt mit ihrem Regenschirm in die Büsche. „Da werdet ihr alles finden: Bierflaschen, Drogen und Kondome.“ Aber nicht nur das: „Auch die guten Dinge verbergen sich direkt vor euren Augen. Ihr müsst nur genau hinschauen.“
Alexis Goertz steht im Treptower Park, dem zweitgrößten Park Berlins: 84 Hektar Grünfläche, Sowjetisches Ehrenmal, Tretboote und Liegestühle. Dazwischen Joggerinnen, Spaziergänger und Hunde, die über die Wiese toben. Ab und zu schiebt jemand einen Rollator vorbei oder ein verliebtes Pärchen schlendert über den Weg – eben das, was man in einem Park so treibt.
Für all das hat Goertz keinen Blick. Die 35-Jährige – ausgestattet mit Regenjacke, Gummistiefeln und Flechtkorb – schaut vor allem auf den Boden. Dort unten, am Wegesrand, wachsen Schätze, an denen die meisten Menschen einfach vorbeigehen: Kräuter, die man zu Suppen verarbeiten kann. Blätter, aus denen sich Tee herstellen lässt. Invasive Pflanzen, die im Kochtopf mehr Nutzen haben als in der heimischen Natur. „Greift ruhig zu und esst“, sagt Goertz, während sich ihre Workshop-Teilnehmenden zögerlich einer Buche nähern. „Pflückt ein paar Blätter und riecht daran! Schmeckt ihr die leichte Zitrusnote? Besser als euer gewöhnlicher Eisbergsalat, oder?“
Kräutersammeln in Städten
Die Gruppe, die sich an diesem Nachmittag im Treptower Park eingefunden hat, will etwas über „Urban Foraging“ lernen. Auf Deutsch heißt der Begriff so viel wie „städtisches Sammeln“. Es geht darum, essbare Pflanzen zu finden, zu pflücken und später zu einer Mahlzeit zu verarbeiten. Wie genau das funktioniert, was man ausgraben darf und wovon man lieber die Finger lassen sollte, erklärt Goertz in ihren Kräuterwanderungen, die sie regelmäßig in Berlin veranstaltet. Ihr erster Merksatz sorgt gleich für eine Ernüchterung: „Jede Pflanze hat ihre Zeit. Wenn ihr zwei Wochen später kommt, werdet ihr schon wieder ganz andere Zutaten finden.“ Zur Kräuterpädagogin wird man eben nicht über Nacht.
An diesem feucht-kühlen Apriltag ist es die Nelkenwurz, auf die es Goertz abgesehen hat – clove root, wie es die gebürtige Kanadierin ausdrückt. Ihre Führung richtet sich an ein internationales Publikum; außer Englischkenntnissen sollte man mitbringen: wetterfeste Kleidung, ein Taschenmesser, einen Notizblock und diverse Behälter zum Abtransport der Fundstücke. Schon fängt Goertz am Wegesrand an zu graben. „Riecht ihr das Aroma? Wie beim Glühwein.“ Bei ihren Teilnehmern scheint der Funke noch nicht so recht überzuspringen. „Ich rieche nichts“, sagt eine junge Frau. „Und was ist mit Parasiten?“, fragt eine andere.
Mehr aus Nachhaltigkeit
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Nachhaltigkeit.
Da ist sie also, die Sorge, die Großstädter fast immer umtreibt. „Vorm Fuchsbandwurm haben alle Angst“, sagt Goertz. Doch der sei nur dann gefährlich, wenn man die Sporen des Fuchskots einatme. Und was ist mit Hunde- und Menschen-Pipi? „Deshalb sammeln wir etwas abseits der Wege. Und natürlich sollten wir alle Pflanzen gründlich waschen, bevor wir sie essen.“ Diese Antwort scheint die meisten zu beruhigen. Im Nu füllen sich die mitgebrachten Tupperdosen und Bastkörbe – in diesem Fall mit Wunderlauch (Allium paradoxum), einer in Berlin häufigen Verwandten des Bärlauchs. „Schmeckt wie Knoblauch“, erklärt Goertz. „Esst ihn nur, wenn ihr nachher kein Date mehr habt.“
Naturräume nutzen
Urban Foraging, das klingt modern und hip. Doch hinter dem Begriff verbirgt sich im Grunde eine der ältesten menschlichen Tätigkeiten überhaupt: das Jagen und Sammeln. Schon immer suchen Menschen nach Nahrung für den Eigenbedarf. In Zeiten industrieller Lebensmittelproduktion ist diese Tätigkeit in vielen westlichen Ländern in Vergessenheit geraten – bis auf Ausnahmen wie das Pilz- oder Kastaniensammeln, das vielerorts noch immer als Hobby praktiziert wird. Das Besondere beim Urban Foraging ist das städtische „Jagdrevier“: Gesammelt wird in öffentlichen Parks, Grünanlagen oder schlicht am Straßenrand. Doch sind die Funde wirklich so gesund, dass man sie bedenkenlos pflücken kann? Und was, wenn alle das täten?
Der Geograf und Soziologe Steffen Hirth von der Universität Leeds (England) forscht zu genau solchen Fragen. „Die industrielle Lebensmittelherstellung“, sagt er, „ist absolut nicht nachhaltig. Wir wissen alle, dass wir die Klimaziele verfehlen und von synthetischen Düngemitteln abhängig sind.“ Trotzdem setze die Politik weiterhin auf Massentierhaltung, Pestizide und konventionelle Landwirtschaft.
Also Nahrung sammeln statt kaufen? „Natürlich könnten wir damit allein niemals acht Milliarden Menschen ernähren“, räumt der Wissenschaftler ein. Gleichzeitig blieben viele Ressourcen momentan ungenutzt, also Obst und Gemüse, das in Städten wächst. „Die Natur ist im Kapitalismus ein rares Gut geworden“, sagt Hirth. „Vielen Menschen mangelt es an Wissen über essbare Pflanzen.“ Und nicht alle könnten sich einen kostenpflichtigen Workshop wie jenen in Berlin leisten – ein „Klassenproblem“, wie es der Forscher ausdrückt.
Statt Urban Foraging als Allheilmittel zu sehen, plädiert er deshalb für eine nüchterne Betrachtungsweise. „Als Beitrag zur Ernährung bleibt es eine Nische, ein Puzzleteil“, sagt Hirth. „Das soll aber nicht heißen, dass man Naturräume nicht trotzdem effizient nutzen kann.“ Äpfel pflücken, Brennnesseln abschneiden – warum nicht, meint der Wissenschaftler. Um wirklich etwas zu bewegen – und von internationalen Lebensmittelkonzernen unabhängiger zu werden –, müsste sich aber grundsätzlich etwas ändern: weniger Fleischkonsum, mehr Obst und Gemüse für die Allgemeinheit. Kein leichter Weg, räumt Hirth ein. „Dafür müssten wir unsere Städte verändern und viel mehr essbare Pflanzen anbauen.“
Kommunale Gärten
Was zunächst wie eine Utopie klingt, wird mancherorts schon heute praktiziert, auch in Deutschland. Unter dem Label „Essbare Stadt“ treiben mehrere Gemeinden den Anbau von Lebensmitteln auf öffentlichem Grund voran – eine Art kommunaler Garten, aus dem sich die Bevölkerung bedienen darf. In Deutschland machte die Kleinstadt Andernach (Rheinland-Pfalz) im Jahr 2010 den Anfang. „In Andernach heißt es ,Pflücken erlaubt‘ statt ,Betreten verboten‘“, schwärmt ein Flyer der Tourismusbehörde.
Seit Projektstart seien im Andernacher Schlossgarten 101 Tomaten- und 100 Bohnensorten angepflanzt worden. Auch Esskastanien, Knackmandeln, Artischocken, Kartoffeln, Mangold und Grünkohl wachsen inmitten der Stadt – betreut von Langzeitarbeitslosen, angeleitet durch professionelle Gärtnerinnen und Gärtner. „So wird die Identifikation mit der Heimat gestärkt und die urbane Biodiversität unterstützt“, schreibt die Gemeinde.
Obwohl es sich bei den „Essbaren Städten“ bislang um kein Massenphänomen handelt, springen immer mehr Orte auf den Zug auf. Wie ernst gemeint solche Bemühungen sind – oder ob am Ende nur ein einziges Beet angelegt wird –, lässt sich auf den ersten Blick nur schwer erkennen. Fest steht: Viele Kommunen stellen zunehmend öffentliche Flächen für den Obst- und Gemüseanbau zur Verfügung. Und Know-how.
Für Krefeld beispielsweise existiert eine Landkarte, die öffentlich zugängliche Hochbeete anzeigt. Und dann sind da noch private Schrebergärten, in denen Menschen seit Langem ihre eigenen Lebensmittel anbauen („Urban Gardening“). Die peppigen englischen Begriffe meinen im Grunde alle das Gleiche: Auch zwischen Beton- und Glasfassaden können sich Menschen (zumindest teilweise) mit Lebensmitteln versorgen.
Die Idee des „Urban Foraging“ setzt dabei auf Hilfe zur Selbsthilfe: Wo keine Gemeinschaftsbeete oder Schrebergärten existieren, kann man mit Schere und Stoffbeutel einfach selbst losziehen – vorausgesetzt, man weiß, was man pflücken kann. Harald Seitz vom Bundeszentrum für Ernährung sieht genau darin die Krux. „Man sollte sich wirklich auskennen“, mahnt der Ernährungswissenschaftler. „Wenn Sie giftige Maiglöckchen mit Bärlauch verwechseln und daraus ein Maiglöckchen-Pesto herstellen, landen Sie mit Sicherheit im Krankenhaus.“ Auch die gesundheitsfördernde Wirkung der wilden Kräuter relativiert der Experte: „Natürlich enthalten Brennnesseln viel Eisen und Kieselsäure“, so Seitz. „Aber wenn Sie daraus eine Suppe machen, sind die Vitamine schnell wieder verkocht.“
Das zweite Problem: Verunreinigungen. „Gerade in Großstädten haben wir oft ein massives Rattenproblem“, sagt Seitz. Die Hinterlassenschaften von Nagetieren, Füchsen oder Hunden könnten zu ernsten Magen-Darm-Erkrankungen führen. Die Schadstoffbelastung entlang von Straßen sollte man ebenfalls nicht unterschätzen, da dort Abgase und Mikroplastik (Reifenabrieb) freigesetzt würden. Dass dies nicht nur eine Vermutung ist, zeigen Studien aus den frühen 2000er-Jahren, bei denen Gemüse aus der Berliner Innenstadt untersucht wurde: 52 Prozent der Proben überschritten dabei den EU-Grenzwert für Blei in Lebensmitteln.
Also lieber Finger weg vom Kraut aus dem Park? Ganz so streng beurteilt Harald Seitz die Sache nicht. „Gegen geringe Mengen kann man nichts einwenden“, sagt der Ernährungswissenschaftler. „Außerdem kann man viele Kräuter wie Rosmarin oder Basilikum nicht nur im Garten, sondern auch auf der Fensterbank anbauen.“ Oder anders gesagt: in einer kontrollierten Umgebung.
Auch die Biologin Ina Säumel (Humboldt-Universität zu Berlin), die im Jahr 2013 die Schadstoffbelastungen von Stadtgemüse analysiert hat, bleibt gelassen. „Körperliche Betätigung und Bewegung an freier Luft, soziale Kontakte und der Konsum von frischem Gemüse und Obst fördern die menschliche Gesundheit“, schreibt sie in ihrem Paper.
Reichliche Ausbeute für die Küche
Im Treptower Park haben die Urban Forager nach zwei Stunden eine reichliche Ausbeute vorzuweisen: Sauerampfer, Hopfen, Scharbockskraut, Gundermann und Brennnesseln füllen die Plastikdosen, die die Workshop-Teilnehmenden mit sich führen.
„Endlich mal ein bisschen Abwechslung“, jubelt Anna Sheehan, eine 25-jährige Softwareprogrammiererin aus den USA. „Normalerweise koche ich immer das Gleiche. Jetzt habe ich ein paar Ideen, wie ich Gäste beeindrucken kann, wenn sie zu Besuch kommen.“ Andrea Petrus war schon vor dem Workshop gerne in der Natur. „In meiner Heimat kenne ich jede Pflanze“, sagt die 30-jährige Spanierin. „Aber in Deutschland ist mir alles fremd. Deshalb wollte ich lernen, was man hier sammeln kann.“ Ihr heutiger Favorit? „Brennnesseln. Daraus werde ich direkt eine Suppe machen.“
Workshopleiterin Alexis Goertz hält derweil eine „Quarantäne-Tasche“ in der Hand. In ihr befinden sich die Stängel des Japanischen Staudenknöterichs – einer invasiven Pflanze, die sich stark in Parks und anderen Grünflächen ausbreitet. „Lasst sie auf keinen Fall fallen und werft sie auch nicht auf den Kompost“, mahnt die Kräuter-Expertin. Denn selbst dort würde sich der Staudenknöterich explosionsartig ausbreiten. Zu einer Sache sei er dann aber doch gut: „Zum Ernten und zum Essen. Angebraten schmeckt er richtig lecker.“ //
Zum Nachkochen: Brennnesselsuppe
Zutaten: 1 Zwiebel, 2 EL Olivenöl, 3 EL Dinkelmehl, 250 Gramm Brennnesselblätter (gewaschen), 750 ml heiße Gemüsebrühe, Salz, Kreuzkümmel, Muskat, Koriander, schwarzer Pfeffer.
Zubereitung: Die Zwiebel schälen, hacken und in Öl anschwitzen. Mehl unterrühren und mit heißer Gemüsebrühe auffüllen. Kurz aufkochen. Anschließend Brennnesselblätter hinzugeben und kurz ziehen lassen. Die Suppe pürieren und mit Gewürzen abschmecken.
Extra: Für eine bessere Sättigung ein paar Kartoffeln schälen, klein schneiden und vorkochen. Anschließend zur Suppe geben – je nach Gusto püriert oder in Stücken.
Tipps und Tricks zum Urban Foraging
Ausrüstung: Taschenmesser oder Schere (zum Ernten), Rucksack, Korb oder Tasche (zum Transport), Smartphone (für Bestimmungsapp), ggf. einzelne Dosen/Behälter, damit Beeren nicht zerquetschen, Stift und Papier (für Notizen)
Online-Karte: Die Website Mundraub.org zeigt eine Landkarte, auf der Sammlerinnen und Sammler ihre Funde eintragen können. Wer den eigenen Augen noch nicht traut, kann auf diese Weise niederschwellig mit der Kräuter- und Pflanzensuche beginnen. Da es sich um ein offenes Projekt handelt, können die Informationen falsch oder veraltet sein. www.mundraub.org
Pflanzenkunde: Die Website Botanicus zeigt Steckbriefe und Fotos zu heimischen Heil- und Giftpflanzen (www.botanicus.de). Die App „Flora Incognita“ identifiziert Pflanzen anhand von Fotos. Um sich dem Thema spielerisch zu nähern, empfiehlt sich das Brettspiel „Aconito“ der Umweltberatung Nord. Dabei werden die 13 giftigsten Pflanzen spielerisch vorgestellt (29 Euro zzgl. 6,99 Euro Versand, www.umweltberatung-nord.de).
Regeln: Nur Pflanzen pflücken und essen, die man zweifelsfrei erkennt. Am besten etwas abseits der Wege sammeln, um Verunreinigungen durch tierische, menschliche oder künstliche Hinterlassenschaften (Feinstaub, Straßendreck) zu vermeiden. Kein Privatgelände betreten! Nicht in Naturschutzgebieten sammeln. Keinen Müll hinterlassen. Pflanzen nicht zerstören, damit sie sich wieder erholen können. Nur so viel von einer Pflanze pflücken, wie in eine Hand passt (das Bundesnaturschutzgesetz spricht von der „Handstraußregel“).
Literatur: Im Buch „Mein Wildkräuter-Guide“ erläutert der Biologe Manuel Larbig, wie man Kräuter identifizieren, sammeln und zu leckeren Gerichten verarbeiten kann (Penguin-Verlag, 14 Euro). Auch Alexis Goertz hat (zusammen mit Jonas Grube) einen Ratgeber geschrieben: „52 Wilde Fermente. Jede Woche eine Wildpflanze sammeln und fermentieren“ (Kosmos-Verlag, 25 Euro).
Kurse: In Deutschland konzentrieren sich die Workshops zu Urban Foraging vor allem auf Berlin und Umgebung, zum Beispiel bei „Waldsamkeit“ (49 Euro/Erw.), „Edible Alchemy“ (49 Euro, englischsprachig) oder „The Wild Path“ (47 Euro, englischsprachig). In Düsseldorf gibt es mit „Wilde Werkstatt“ ein ähnliches Angebot (32 Euro). Andernorts schließen sich Initiativen unter dem Begriff „Essbare Stadt“ zusammen, um gemeinsam Kräuter anzupflanzen und zu ernten.
Nachhaltigkeit
Wie Wetterradare Zugvögel vor Windrädern schützen könnten
19. Juni 2026
Windräder liefern klimafreundlichen Strom, gefährden aber immer wieder Zugvögel. Wetterradare könnten solche Kollisionen bei starkem Vogelzug vermeiden helfen.
Nachhaltigkeit
Wachsmottenlarven könnten Tierversuche reduzieren
17. Juni 2026
Wachsmottenlarven könnten helfen, Infektionen mit resistenten und besonders aggressiven Bakterienstämmen zu identifizieren. Das reduziert Tierversuche