Die Felchen sind ein Wahrzeichen der Bodenseeregion und als Speisefisch eine geschätzte Delikatesse. Für die europäische Binnenfischerei sind die lachsartigen, gut 30 Zentimeter langen Fische eine wichtige Einnahmequelle. Vor allem aber sind die Kaltwasser-Fische wichtig für das Funktionieren und die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems in dem alpinen See. In den letzten 20 Jahren ist der Felchenbestand im Bodensee allerdings drastisch zurückgegangen, weswegen die Fische ab 2024 für drei Jahre nicht mehr gefangen werden dürfen.
Felchen überleben in wärmerem Wasser schlechter
Ein Team um Barnaby Roberts von der Universität Konstanz hat nun untersucht, warum es weniger Felchen im Bodensee gibt als früher. Insbesondere analysierten die Biologen, wie sich die Wassertemperatur auf die Entwicklung der Eier und Larven der Felchen auswirkt. Dafür zogen sie die Eier und Larven der beiden häufigsten Felchenarten – Blaufelchen (Coregonus wartmanni) und Gangfische (Coregonus macrophthalmus) – bei drei verschiedenen Wassertemperaturen auf. Diese simulierten sowohl die ehemalige Temperatur (4,4 Grad Celsius) als auch durch die Klimakrise erwärmte Bedingungen in naher und ferner Zukunft (6,6 und 8,3 Grad) im Oberen Bodensee im Winter. Denn im Flachwasser, wo die Gangfische laichen, ist es inzwischen rund ein Grad wärmer als früher üblich, wie die Biologen erklären. Auch im tiefen, eigentlich sehr kalten Wasser des Bodensees, wo die Blaufelchen laichen, sind die Wassertemperaturen merklich gestiegen.
Bei ihren Experimenten stellten Roberts und seine Kollegen fest, dass bei höheren Wassertemperaturen deutlich mehr Larven sterben als bei niedrigeren. Ein Grund dafür ist, dass die Larven beider Felchenarten bei höheren Temperaturen rund zwei bis drei Wochen früher schlüpfen – nicht wie üblich im Februar, sondern schon Ende Januar. Zu diesem Zeitpunkt ist allerdings noch nicht ausreichend Futter im See für die Fische vorhanden – beispielsweise kleine Krebse und Plankton. Die jungen Felchen sind dann in ihren ersten Lebenswochen stärker auf ihren eingebauten Nahrungsvorrat, den sogenannten Dottersack, angewiesen. Doch bei höheren Temperaturen verbraucht sich dieser überproportional schnell – was die Überlebenswahrscheinlichkeit zusätzlich verringert. Darüber hinaus stellten die Biologen fest, dass die Fischeier in wärmerem Wasser verstärkt von Mikroorganismen befallen werden und daher häufiger noch vor dem Schlüpfen sterben. „Die Ergebnisse unserer Embryogenese-Studie deuten darauf hin, dass die zukünftige Erwärmung den Felchenbestand im Oberen Bodensee reduzieren könnte, indem sie die Embryonensterblichkeit erhöht“, schreiben die Biologen.
Behütete Jungfisch-Aufzucht könnte Bestände retten
Was wird also aus den Felchen im Bodensee, wenn sich das Klima und damit die Temperatur des Sees im jetzigen Tempo weiter erwärmen? Zwar können sich die Fische innerhalb gewisser Grenzen an die neuen Umweltbedingungen anpassen. Die durch die Klimakrise verursachten Veränderungen erfolgen aus erdgeschichtlicher Sicht allerdings so schnell, dass die natürliche Anpassungsfähigkeit der Fische oft nicht Schritt halten kann.





