Eine für Schlangen ungewöhnliche Art der Nahrungsaufnahme entdeckten Forscher um Bruce Jayne bei einer tropischen Wasserschlange in Singapur: Anstatt ihre Opfer, wie sonst üblich, als Ganzes zu verschlingen, reißt Gerarda prevostiana kleinere Stücke aus den Krabben, berichten die Forscher in Nature (Bd. 418, S. 143).
Der Verzehr von Krustentieren an sich ist schon ungewöhnlich für Schlangen. In Singapur gibt es aber sogar zwei Arten, die sich von Krabben ernähren: Gerarda prevostiana und ihre nahe Verwandte, die Wassertrugnatter Fordonia leucobalia.
F. leucobalia verschlingt die Krabben am Stück und bevorzugt dabei gepanzerte Krabben. G. prevostiana hingegen ernährt sich von gerade gehäuteten Krabben. Diese Bevorzugung der Krustentiere in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien vereinfacht wahrscheinlich auch die Koexistenz der beiden Schlangenarten: Sie können auch einen einzigen Mangrovenbaum gemeinsam bewohnen.
Der stereotype Ernährungsmechanismus von G. prevostiana scheint eine neuere Entwicklung in der Evolution zu sein: Die Schlange packt eine Krabbe mit dem Maul und formt mit ihrem Körper eine Schleife, in die sie ihre Beute einwickelt. Dann zerrt sie solange an der Krabbe, bis sich mundgerechte Stücke lösen. Der Nachweis dieses ungewöhnlichen Verhaltens fiel Bruce Jayne nicht leicht: “Es ist eine ziemlich schüchterne Schlange”, meinte der Forscher. “Sie fraß nicht, wenn ich zusah. Erst als ich eine Infrarot-Kamera benutzte, konnte ich ihr Verhalten beobachten.”
Die Vorteile dieser neuen Tischmanieren sind vielfältig: So muss sich G. prevostiana beispielsweise nicht mehr auf Beutetiere beschränken, die gerade noch in ihr Maul passen. Auch viel größere Krabben kann die Schlange, zu mundgerechten Bissen zerteilt, noch konsumieren. Außerdem sind die frisch gehäuteten Krabben relativ unbeweglich und können gefahrlos gefressen werden. Krabben mit harter Schale zu verschlingen sei dagegen eine Herausforderung, so Jayne, denn die Schlangen könnten beim Fangen und Schlucken verletzt werden.
Unerwartet kam die Entdeckung dieses Verhaltens, weil die Schädelanatomie der Schlangen und ihre nadelartigen Zähne sich besser zum Fangen und Verschlingen ganzer Beutetiere eignen als zur Erzeugung großer Bisskräfte. Das zeigt nach Jaynes Ansicht sehr deutlich, dass Schlüsse auf das Verhalten von Wirbeltieren nicht nur auf deren Anatomie, sondern auch auf Verhaltensstudien gegründet sein sollten.
Tanja Fabsits





