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Neue Rote Liste für Hundert- und Doppelfüßer in Deutschland
Erde & Umwelt

Neue Rote Liste für Hundert- und Doppelfüßer in Deutschland

Der Sandschnurfüßer (Ommatoiulus sabulosus) kommt in Deutschland häufig vor. Anders als die meisten anderen Doppelfüßer zeigt er sich auch tagsüber oft an der Oberfläche. · Foto: BfN/RLZ

In und auf unseren Böden wimmelt es von Leben. Wenig bekannte und doch ökologisch bedeutsame Organismengruppen sind die Hundertfüßer und Doppelfüßer. Sie jagen kleine Tiere in der Laubstreu oder zersetzen die Reste abgestorbener Pflanzen. Eine neue Erhebung der Roten Liste zeigt nun, wie es den 182 in Deutschland heimischen Spezies geht. Die gute Nachricht: Fast 70 Prozent der Arten gelten derzeit als ungefährdet. Einige Arten sind jedoch extrem selten oder sogar vom Aussterben bedroht. In manchen Fällen hat Deutschland zudem eine besondere Verantwortung: Vier Arten kommen weltweit nirgendwo anders mehr vor.
Autor
Redaktion
15. Mai 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Mit bundesweiten Roten Listen erfasst das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die Gefährdungssituation von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in Deutschland. Sie bieten eine Art Inventarliste für die verschiedenen in Deutschland heimischen Organismengruppen und geben Aufschluss darüber, wie sich die Bestände entwickeln, welche Arten gefährdet sind und wie sie sich schützen lassen. Damit sind sie Frühwarnsysteme für die Entwicklung der biologischen Vielfalt in Deutschland. Erstellt werden die Listen unter Koordination des Rote-Liste-Zentrums von Fachleuten in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen.

Inventur der Artenvielfalt

Nun ist eine neue Rote Liste der in Deutschland heimischen Hundertfüßer und Doppelfüßer erschienen , zwei Untergruppen der Tausendfüßer (Myriapoda). „Hundertfüßer und Doppelfüßer leisten einen wesentlichen Beitrag zur Funktionalität von Böden und zum Erhalt eines intakten Naturhaushalts“, erklärt Sabine Riewenherm, die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Doppelfüßer ernähren sich vor allem von abgestorbenem organischem Material und tragen damit zur Zersetzung von verrottenden Pflanzen und Tieren bei. Hundertfüßer regulieren als Räuber die Bestände von kleinen Beutetieren in der Bodenstreu. „Dennoch werden Bodenorganismen wie diese oft übersehen und bislang unzureichend erforscht. Die verbesserte Datengrundlage der Roten Liste ist daher ein wichtiger Schritt, um die Bodenfauna stärker in den Naturschutz einzubeziehen.“

Die neue Übersicht umfasst alle 182 Arten- und Unterarten, die in Deutschland vorkommen, darunter 62 Hundertfüßer- und 127 Doppelfüßer-Taxa. Die positive Nachricht: Die meisten von ihnen gelten der aktuellen Erhebung zufolge als ungefährdet. Bei sechs Arten von Hundertfüßern und 15 Arten von Doppelfüßern sind die Bestände jedoch bedroht, drei weitere Hundertfüßer-Arten und 17 Doppelfüßer-Arten sind extrem selten. Eine Art von Doppelfüßern namens Mastigophorophyllon saxonicum, die einst in der Sächsischen Schweiz und auf Usedom vorkam, wurde zuletzt 1974 gesichtet und nun als „ausgestorben oder verschollen“ eingestuft.

Im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2016 haben sich die Bestände von zehn Arten stabilisiert, während 20 Arten nun in eine schlechtere Kategorie eingestuft werden mussten. „Die neue Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer zeigt: Auch die Biodiversität unserer Böden gerät zunehmend unter Druck“, sagt Riewenherm. Die veränderte Einstufung beruht allerdings in vielen Fällen auf einer verbesserten Datengrundlage und spiegelt nicht unbedingt tatsächliche Veränderungen bei der Verbreitung der Arten wider.

Besondere Verantwortung für den Schutz

Für zwölf Arten von Doppelfüßern hat Deutschland gemäß der aktualisierten Roten Liste eine besondere Verantwortung. Die Bestände dieser Arten hierzulande sind entweder hochgradig von anderen Populationen isoliert oder sogar ausschließlich auf Deutschland begrenzt. Vier Arten kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Pyrgocyphosoma titianum, Rhymogona verhoeffi, Rhymogona wehrana und Xylophageuma vomrathi sind sehr selten bis extrem selten und leben fast nur noch im Schwarzwald.

Um den Fortbestand dieser und weiterer Arten zu sichern, ist es laut den beteiligten Fachleuten um den Vielfüßer-Experten Peter Decker entscheidend, strukturreiche Lebensräume zu erhalten und zu fördern und für eine bessere Vernetzung solcher Lebensräume durch Verbindungskorridore zu sorgen. „Die wesentlichen Gefährdungsursachen für Hundertfüßer und Doppelfüßer sind der Verlust und die Fragmentierung von geeigneten Biotopen, besonders von Trockenrasen, Heiden, Mooren, Bruch- und Auenwäldern sowie von (sub)alpinen Lebensräumen“, erklärt das Team. „Hundertfüßer und Doppelfüßer sind besonders durch ihre geringe Mobilität und Ausbreitungsfähigkeit von Habitatveränderungen betroffen, da sie kaum in der Lage sind, neu angelegte und renaturierte Lebensräume zu besiedeln.“ Umso wichtiger ist es deshalb, ihre bestehenden Lebensräume nicht weiter zu zerstören.

Quelle: Peter Decker et al., Rote Liste und Gesamtartenliste der Hundertfüßer und Doppelfüßer (Myriapoda: Chilopoda et Diplopoda) Deutschlands; Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (12).

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