In einem Gewächshaus reiht sich Baumwollpflanze an Baumwollpflanze. David René Rodríguez zeigt im Videotelefonat ein Foto: „Drei Meter hoch sind die.“ Er selbst ist klein zwischen dem üppigen Grün zu sehen. Das Bild stammt aus seiner Baumwollfarm in Valencia. Das Besondere: René kommt hier ohne Pflanzenerde aus. Die Pflanzen wachsen zum Teil auf Substrat aus Kokosfasern, zum Teil hydroponisch, also in einer Nährlösung.
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Text: Janina Martens
In einem Gewächshaus reiht sich Baumwollpflanze an Baumwollpflanze. David René Rodríguez zeigt im Videotelefonat ein Foto: „Drei Meter hoch sind die.“ Er selbst ist klein zwischen dem üppigen Grün zu sehen. Das Bild stammt aus seiner Baumwollfarm in Valencia. Das Besondere: René kommt hier ohne Pflanzenerde aus. Die Pflanzen wachsen zum Teil auf Substrat aus Kokosfasern, zum Teil hydroponisch, also in einer Nährlösung.
Mit dieser Anbaumethode will David René die Baumwollproduktion revolutionieren. 2021 hat der Spanier mit einem Kollegen sein Unternehmen Mediterranean Agro Tech, kurz: Magtech, gegründet. Die Idee: Qualitätsbaumwolle umweltschonend anbauen – hydroponisch in Gewächshäusern. „Wir wollen eine nachhaltige Alternative zur herkömmlich produzierten Baumwolle anbieten“, sagt der 38-Jährige. „Die Lieferkette in der Textilindustrie ist problematisch, und das fängt bei der Faserproduktion an.“
Die Probleme hat er selbst erlebt; er arbeitete jahrelang für einen spanischen Textilhersteller in Tunesien und Bangladesch. René sagt, vieles laufe katastrophal in der Bekleidungsbranche: Färbemittel landen in Flüssen, Näherinnen schuften für Hungerlöhne, Fehlende Sicherheitsvorkehrungen sorgen für Arbeitsunfälle in Textilfabriken. Eines Tages habe er bei der Arbeit mit gefälschten Bio-Baumwollzertifikaten zu tun gehabt – und entschieden: „Ich will kein Teil mehr von alledem sein.“ Er wollte etwas verändern.
Naturfaser mit Imageproblem
Dem Baumwollanbau eilt ein schlechter Ruf voraus. Die Gründe: Einsatz von Pestiziden, von Gentechnik und vor allem ein hoher Wasserverbrauch. Im Internet kursieren Angaben, denen zufolge für ein Kilogramm Baumwolle 20.000 Liter Wasser benötigt würden, das entspräche 100 Badewannen voll. Das Imageproblem von Baumwolle kennt Elke Hortmeyer nur allzu gut. Sie leitet den Bereich Kommunikation und internationale Beziehungen der Baumwollbörse Bremen. Das ist ein internationaler Rohstoffverband, der unter anderem Qualitätsstandards festlegt. „Es regt mich auf, wenn immer wieder behauptet wird, dass Baumwolle so viel Wasser braucht“, sagt Hortmeyer. „Das stimmt einfach nicht. Sie ist eine Wüstenpflanze.“
„Ein Negativbeispiel, das fest in den Köpfen verankert ist, ist der Aralsee“, klagt Hortmeyer. Im 20. Jahrhundert wurde in der Region um den Aralsee zwischen Usbekistan und Kasachstan unter sowjetischer Regierung jahrzehntelang Baumwolle angebaut. Weil es dort kaum regnet, wurden die Felder mit Seewasser bewässert. Der Wasserspiegel sank, und der Aralsee, einst eines der größten Binnengewässer der Erde, schrumpfte auf die Hälfte seiner Größe.
Baumwolle sei an sich eine genügsame Pflanze, so die Expertin, nur in der Wachstumsphase benötige sie mehr Wasser. Nach Daten des internationalen Baumwollkomitees ICAC in Washington werden derzeit weltweit durchschnittlich tatsächlich etwa 2.100 Liter Bewässerungswasser für die Produktion von einem Kilo Baumwolle verwendet, also nur ein Zehntel der Angabe aus dem Internet. Damit braucht Baumwolle weniger Wasser als andere Nutzpflanzen wie etwa Kaffee oder Reis. In vielen Regionen kommt sie ohne künstliche Bewässerung aus – laut ICAC sind über 55 Prozent der weltweiten Anbaufläche regenbewässert.
Pflanzen können nicht fliehen, wenn Trockenheit, Hitze oder Krankheitserreger zuschlagen. Stattdessen reagieren sie mit fein abgestimmten Strategien auf Stress.
Biologie
SMS von Mama: So entwickeln sich Pollen
3. Juli 2026
Woher weiß ein Pollen, was er werden soll? Wichtige Anweisungen dafür kommen offenbar als molekulare „SMS“ aus mütterlichem Pflanzengewebe.
„Baumwolle wird in 60, 70 Ländern angebaut“, weiß Elke Hortmeyer. Sie ist regelmäßig in Kontakt mit Produzenten und Händlern aus aller Welt. „Die Bedingungen sind jeweils sehr unterschiedlich. Deshalb kann man kaum allgemeingültige Aussagen zum Baumwollanbau treffen.“ Ein Beispiel: Während man in Pakistan laut ICAC etwa 16.000 Liter Wasser pro Kilo Baumwolle verbraucht, wird in den meisten afrikanischen Ländern gar nicht bewässert.
Dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zufolge beträgt die globale Anbaufläche von Baumwolle 34,8 Millionen Hektar – und ist damit ähnlich groß wie die Fläche Deutschlands. Weltweit sind mehr als 25 Millionen Menschen in der Baumwollproduktion beschäftigt. „In Australien ist die Landwirtschaft stark technisiert, in manchen afrikanischen Ländern spannt man noch Ochsen vor den Pflug“, berichtet Hortmeyer. Auch die Erträge variieren stark: Laut BMZ erwirtschaften australische Farmen teilweise bis zu zwei Tonnen Baumwolle auf einem Hektar, in Kenia sind es gerade einmal 100 Kilogramm.
Kaum Baumwollanbau in Europa
In Europa wird nur in Griechenland eine nennenswerte Menge an Baumwolle produziert, ein weiteres Anbaugebiet liegt in Andalusien in Spanien. Der Spanier David René Rodríguez von Magtech erzählt: „Ich selbst hatte bis vor fünf Jahren noch nie eine Baumwollpflanze gesehen. Ich war in der Textilindustrie tätig, hatte aber keine Verbindung zum landwirtschaftlichen Teil davon.“ Als er begann, die Branche stärker zu hinterfragen, wollte er auch die Baumwollproduktion besser verstehen. So fuhr er für eine Woche nach Andalusien und besuchte dort Landwirte. Vor Ort stellte er fest: „Die haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen.“ So sei etwa die Überalterung ein Problem; die Landwirte fänden keine Nachfolger. Hinzu kämen der Mangel an Arbeitskräften, Wasserknappheit und Schädlingsbefall.
Das muss doch besser gehen, dachte David René sich, begann zu recherchieren – und nahm Kontakt mit dem Spanish National Research Council (CSIC) auf, der größten öffentlichen Forschungseinrichtung in Spanien. „Da erzählte man mir von Hydroponik.“ Bei diesem System hängen die Pflanzenwurzeln in Wasser mit gelösten Nährstoffen; es ist besonders im Anbau von Kräutern und Salat in größerem Stil erprobt. „Im Internet sah ich, dass niederländische Landwirte Tomaten hydroponisch anbauen“, erzählt René. „Wow, dachte ich. Das mache ich mit Baumwolle!“
Der Schlüssel: Hydroponik
Nach der Gründung seines Start-ups verbrachte er zwei Jahre mit Labortests – und kam zu dem Schluss: Es ist möglich, Baumwolle hydroponisch zu züchten. Also warb René Unterstützung ein, von der Cajamar-Bank und aus der Modebranche, unter anderem von Luxusmarken in Italien und Frankreich. Und im Jahr 2023 baute er seine erste Baumwolle an, in Gewächshäusern auf 100 Quadratmetern in Valencia und 130 Quadratmetern in Murcia.
Von den Ergebnissen ist René begeistert. Die hydroponische Anbaumethode habe viele Vorteile: „Im Vergleich zu traditionellem Anbau sparen wir 75 Prozent Wasser ein,“ sagt er in Bezug auf den üblichen Bewässerungsbedarf spanischer Baumwollfelder. Die Baumwolle wachse zudem besser, die Erträge fielen bis zu 50- oder 60-mal höher aus – unter anderem deshalb, weil die Wärmebedingungen im Gewächshaus drei bis vier Ernten pro Jahr zulassen. Normalerweise werde nur einmal im Jahr geerntet.
In 2024 will René mit Magtech zwei neue Anlagen einweihen, insgesamt 3.000 Quadratmeter. „Wir haben uns auf Sorten von hoher Qualität spezialisiert, die sonst ausschließlich in der Karibik wachsen“, so der Plan. Im Jahr 2025 will er auf einen Hektar expandieren – und seine Baumwolle an europäische Luxusmarken verkaufen.
Mehr Nachhaltigkeit auch im klassischen Anbau
Ob das Konzept auch in industriellem Maßstab funktionieren kann, ist jedoch offen. Textilingenieurin Elisabeth Eppinger bezweifelt, dass der Ansatz ökonomisch aussichtsreich ist. Sie ist Professorin im Studiengang Bekleidungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. „Ich vermute, das Konzept wird nur für eine Nische funktionieren. Der Anbau auf diese Art ist relativ teuer.“
Eppinger forscht zum Thema Nachhaltigkeit bei textilen Produkten. In der Textilindustrie gebe es noch viel Handlungsbedarf, sagt sie. Doch einiges habe sich auch schon zum Positiven verändert: „Mit Blick auf Nachhaltigkeit ist Baumwolle definitiv besser als ihr Ruf. Zum einen ist es eine biologisch abbaubare Naturfaser – im Gegensatz zu Polyester, der auf Basis von Erdöl hergestellt wird. Zum anderen ist der Anbau von Baumwolle weniger umweltbelastend, als viele glauben.“
Auch Eppinger spricht den Vorwurf des hohen Wasserverbrauchs an und verweist darauf, dass sich die Bewässerungssysteme weiterentwickelt hätten: „Viele Agrarkonzerne bewässern inzwischen effizienter, zum Beispiel mit Schläuchen, die gezielt Tröpfchen abgeben, oder mit Sprinkleranlagen.“ Die Zukunft sieht sie in einem Ausbau von organischer und regenerativer Landwirtschaft. In dem Bereich gebe es bei Baumwolle gute Ansätze, die es sich zu unterstützen lohne: freiwillige Nachhaltigkeitsstandards wie „Cotton made in Africa“ (CmiA), dabei werden Kleinbauern in der Subsahara gefördert, oder die „Better Cotton Initiative“ (BCI), die Lieferketten für nachhaltige Baumwolle aufbaut. Als Verbraucher könne man sich beim Kleidungskauf zudem an Labels wie „Fair Trade“ und „Bio“ orientieren.
Eine Herausforderung, wenn Biostandards eingehalten werden sollen – also keine Gentechnik und keine chemischen Pestizide eingesetzt werden dürfen –, sieht sie allerdings: „Baumwolle ist recht anfällig für Schädlinge.“ So befällt etwa der Baumwollkapselwurm die Blütenknospen und verursacht auf afrikanischen Feldern oft massive Ertrags- und Qualitätseinbußen. „Einige Kleinbäuerinnen und -bauern reduzieren die Pflanzendichte und versuchen, gezielt Lebensraum für die Feinde des Kapselwurms zu schaffen, zum Beispiel für Ameisen. Die wehren die Schädlinge dann ab“, sagt Eppinger. Methoden wie diese werden unter dem Begriff „Integrated Pest Management“ zusammengefasst. Solche umweltfreundlichen Lösungsansätze kämen allerdings meist nur bei kleineren Feldern zum Einsatz. „Bei großen Monokulturen wird man kaum einzelne Pflanzen nach Schädlingen absuchen oder sich um Lebensraum für Ameisen Gedanken machen. Da setzt man synthetische Pestizide ein“, so die Expertin. Auch kleinere Betriebe sind häufig darauf angewiesen, mit chemischen Insektenabwehrmitteln zu sprühen, um ihre Erträge zu steigern und ihre Existenz zu sichern. Das kann jedoch eine Vielzahl von Umweltproblemen mit sich bringen, die Artenvielfalt bedrohen und die Bodenqualität verschlechtern. Zudem können die Gifte ins Trinkwasser und in Nahrungsmittel gelangen. Laut den Vereinten Nationen sind jährlich etwa 200.000 Todesfälle auf Vergiftungen durch Pestizide zurückzuführen.
Um Baumwolle gegen Schädlinge resistenter zu machen, kommt häufig auch Gentechnik zum Einsatz. Elke Hortmeyer von der Baumwollbörse Bremen sieht es so: „In Europa ist alles, was mit Gentechnik zu tun hat, sehr umstritten. Aber im Baumwollanbau ist das in vielen Ländern sehr verbreitet.“ Laut BMZ setzen vor allem die Hauptproduktionsländer Indien, China und die USA gentechnisch veränderte Pflanzen ein – insgesamt auf etwa 79 Prozent der weltweiten Anbaufläche von Baumwolle. „Deshalb macht Biobaumwolle auch nur einen sehr geringen Anteil an der weltweit produzierten Baumwolle aus“, erklärt Hortmeyer.
Aus ihrer Sicht sei ökologisch angebaute Baumwolle leider derzeit keine Alternative, sondern nur ein Nischenprodukt. Der Grund: geringere Erträge und damit auch geringere Wirtschaftlichkeit. Baumwollbauern, die auf ökologische Landwirtschaft umstellen, hätten zahlreiche Auflagen zu erfüllen, gingen ein hohes Risiko ein – und seien auf zuverlässige, gut zahlende Kunden angewiesen. „Damit landen wir letztlich auch beim Verbraucher“, so Hortmeyer. Der sei ein wichtiger Faktor, denn nur wenn Menschen bereit seien, beim Kleidungskauf auf Naturfasern zu achten, bestenfalls mit Bioqualität, und dafür mehr zu bezahlen, könne sich etwas ändern.
Eine Alternative: mehr Recycling
Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit könne laut der Textilingenieurin Eppinger auch mehr Baumwoll-Recycling sein. Reine Baumwolle lasse sich bereits gut recyclen, die Fasern werden im Prozess zwar kürzer, können aber mit frischer Baumwolle vermengt werden und haben dann gute Qualität. Eine Herausforderung sei allerdings, dass viele Textilien nicht nur Baumwolle, sondern auch Elasthan oder Polyester enthalten. „Die Materialien aufzutrennen, ist nicht einfach“, sagt Eppinger. Elke Hortmeyer von der Baumwollbörse meint dazu auch: „Je mehr zu Baumwolle, ihrem Anbau und ihrem Recycling geforscht wird, desto besser. Wir brauchen gute, neue Ideen.“
So wie die von David René Rodríguez in Spanien. Seine Vision geht wesentlich weiter, als nur einfach Baumwolle ohne Pflanzenerde in Gewächshäusern anzupflanzen. Er will ein rundum nachhaltiges Konzept umsetzen: „Im besten Fall haben wir bald Fotovoltaik auf den Dächern, sodass die gesamte Energie, die wir für die Baumwollfarm brauchen, grün ist.“ Auch den Wasserverbrauch will er auf ein Minimum senken – indem er eine Mischung aus Abwasser und Meerwasser nutzt. „Im Idealfall verbrauchen wir dann fast kein Trinkwasser mehr.“ Für die Ernten sollen wiederum Roboter als Arbeitskräfte eingesetzt werden. „Wenn in Kalifornien Roboter Äpfel ernten können, warum dann nicht auch bei uns hier Baumwolle?“
Zu all diesen Ideen hat David René selbst viel recherchiert, Fördermittel eingeworben und Forschungsteams eingebunden. „Wenn jemand mir sagt: ‚Das funktioniert doch alles nicht‘, antworte ich: ‚Hast du es probiert? Nein? Dann lass es mich probieren. Ich sage dir dann, ob es funktioniert.‘“ Nur so gehe es voran, meint er. „Vielleicht bin ich ein bisschen verrückt“, er lacht. „Aber es braucht verrückte Leute, damit sich etwas in der Welt verändert.“ //
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