Die Inspiration für diese Untersuchung kam aus persönlicher Erfahrung, sagt Rolf Halden von der der Arizona State University in Tempe, dessen Team Umweltverschmutzung durch Kunststoffe untersucht. “Seit langem trage ich selbst Kontaktlinsen. Irgendwann habe ich mich deshalb gefragt, was mit den Plastiklinsen nach dem Einsatz eigentlich passiert”, sagt der Wissenschaftler. Zu seiner Überraschung ergaben Recherchen, dass sich noch niemand bisher mit dieser Frage beschäftigt hat. So beschlossen er und seine Kollegen, dem Thema erstmals eine Studie zu widmen.
Einfach weggespült
“Wir begannen, uns den Markt für Kontaktlinsen anzuschauen und führten eine Umfrage unter Kontaktlinsenträgern durch. Wir fanden heraus, dass 15 bis 20 Prozent der Nutzer die Linsen nach dem Tragen im Waschbecken wegspülen oder in die Toilette werfen”, sagt Co-Autor Charlie Rolsky. “Dies ist eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass allein in den USA etwa 45 Millionen Menschen Kontaktlinsen tragen”, so der Forscher.
Das Team schätzt, dass zwischen sechs und zehn Tonnen Kunststofflinsen jedes Jahr in den USA im Abwasser landen und somit in den Kläranlagen. Was mit den filigranen Plastikgebilden dort und in der Umwelt passiert, ist eine schwierig zu klärende Frage, betonen die Wissenschaftler. Erstens sind Kontaktlinsen transparent, was es schwierig macht, sie in dem komplizierten Milieu einer Abwasserbehandlungsanlage und auch in der Umwelt zu erfassen. Darüber hinaus unterscheiden sich die in Kontaktlinsen verwendeten Materialien von anderen Kunststoffabfällen. Kontaktlinsen bestehen meist aus Polymethylmethacrylat, Silikonen und Fluorpolymeren, um ein weiches Material zu erzeugen, das es Sauerstoff ermöglicht, durch die Linse zum Auge zu gelangen. Im Gegensatz zu anderen Kunststoffen ist bislang völlig unklar, wie die Abwasserbehandlung diese speziellen Substanzmischungen beeinflusst.
Kritische Quelle für Mikroplastik?
Um Hinweise zu bekommen, haben die Forscher Kontaktlinsen-Materialien vieler Hersteller mit Mikroorganismen in Kontakt gebracht, die in Kläranlagen zur Behandlung von Abwasser eingesetzt werden. “Wir haben festgestellt, dass sich nach längerer Behandlung mit den Mikroben deutliche Veränderungen in den Bindungen der Kontaktlinsen-Materialien zeigten”, sagt Co-Autor Varun Kelkar. Mit anderen Worten: Kläranlagen-Mikroben können die Bindungen in den Kunststoffpolymeren schwächen.
Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen Abbau im positiven Sinne, sondern um ein Problem: “Wenn der Kunststoff seine strukturelle Festigkeit verliert, zerfällt er zu kleineren Kunststoffpartikeln, die letztlich zur Bildung von Mikroplastik führen”, erklärt Kelkar. Diese Partikel stehen bereits seit einiger Zeit im kritischen Blick der Umweltschützer: Wasserorganismen können Mikroplastik für Nahrungspartikel halten und da Kunststoffe unverdaulich sind, kann dies ihrem Verdauungssystem schaden. Wie die Forscher erklären, sind Kontaktlinsen-Materialien dichter als Wasser, was bedeutet, dass sie zum Sinken neigen – dadurch könnten vor allem Organismen am Grund gefährdet sein. Und nicht nur das: Da diese Tiere Teil der Nahrungskette sind, kann das Mikroplastik am Ende über die Nahrung den Weg zurück zum Menschen finden und somit eine Gesundheitsgefahr darstellen.




