Für viele Patienten mit schwerer Allergie soll Ende des Jahres ein neues, hochwirksames Medikament zur Verfügung stehen. Die Spritze blockiere die Bildung körpereigener Antikörper gegen allergene Stoffe und hemme damit ein überschießendes Immunsystem, sagte der Lungenexperte Prof. Ulrich Wahn vom Berliner Klinikum Charité.
«Wir stehen an der Schwelle einer neue Ära der Immuntherapie.» Wahn ist Präsident des 20. Kongresses der Europäischen Akademie für Allergologie, der kommende Woche in Berlin beginnt. Das Mittel der Firma Novartis werde voraussichtlich im Dezember EU-weit zugelassen. Der heute zweieinhalbjährige Bruno aus Berlin kam schon mit einer Hautallergie auf die Welt. «Am ganzen Körper hatte er einen Ausschlag», sagte Vater Robert Wassermann. Vielen Patienten wie dem kleinen Bruno, der keine Kuhmilch, kein Eiweiß und kein Getreide essen darf, könnte das neue Medikament helfen.
Bei der Körperreaktion auf allergene Stoffe bildet sich so genanntes Immunglobulin E (IgE). Ein erhöhter IgE-Wert in Verbindung mit allergischen Symptomen sei für Mediziner der Beweis einer Allergie, erläuterte Prof. Bodo Niggemann, wissenschaftlicher Sekretär des Allergologen-Kongresses. Zu dem Kongress werden in der kommenden Woche 5000 Experten aus 80 Ländern in Berlin erwartet.
Das IgE spielt nach Ärzteangaben bei über 90 Prozent aller allergischen Prozesse eine wichtige Rolle. Die neue Spritze blockiere die Bildung dieser körpereigenen Antikörper gegen allergene Stoffe und hemme damit ein Überschießen des Immunsystems. Der Kongress werde sich intensiv mit der neuen Möglichkeit, aber auch ihren mit Sicherheit zu erwartenden Anwendungsgrenzen der «Anti-IgE» befassen, sagte Wahn. Typische Nahrungsmittelallergiker wie Bruno könnten sich bislang nur durch strikte Vermeidung der auslösenden Stoffe helfen. «Wir hoffen, dass bei Bruno die Allergie bis zur Einschulung verschwunden ist», sagte der Berliner Gastronom Wassermann.
Bei der Beantwortung der Frage, warum Allergien zunehmen und zu einer «Epidemie des 20. Jahrhunderts» werden konnten, sind die Mediziner noch nicht viel weitergekommen. Auf dem Kongress sollen neueste epidemiologische Studien vorgestellt werden, die den Einflüssen von Hygiene, von fehlenden Infektionen, vermehrtem Antibiotikaeinsatz und der Veränderung der Darmflora nachspüren. Eine These lautet, ein unbeschäftigtes Immunsystem reagiere überschießend, wenn es auf allergene Stoffe treffe. Eine begleitende genetische Disposition sei mit Sicherheit anzunehmen, betonten die Ärzte.
dpa





