Schon kleine Kinder besitzen einen Sinn für Fairness und Gerechtigkeit: Sie protestieren, wenn Süßigkeiten nicht gleich verteilt werden und hindern sogar andere daran, jemandem etwas zu klauen, wie Spielexperimente belegen. Dreijährige erkennen auch, ob sich ein Spielgefährte absichtlich vor einer gemeinsamen Aufgabe drückt oder nicht. Forscher vermuten daher, dass die Sensibilität gegenüber gleicher Behandlung und Fairness bereits bei unseren Vorfahren stark ausgeprägt war: Weil sie in Gruppen zusammenlebten und ihr Überleben von der Kooperation abhing, hat sich dieser Gerechtigkeitssinn entwickelt. Aber wie sieht dies bei anderen Tieren aus? Bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, scheint der Sinn für Fairness weniger eindeutig ausgeprägt: In Verteilungsexperimenten waren diese Menschenaffen eher darauf bedacht, den eigenen Gewinn zu maximieren – egal ob das Futter dabei gerecht verteilt wurde oder nicht. Bei Hunden dagegen gab es erste Hinweise darauf, dass sie eine Abneigung gegen eine ungleiche Behandlung haben. Ob dieses Verhalten jedoch durch die Domestikation und die lange gemeinsame Geschichte mit dem Menschen quasi auf sie abgefärbt hat oder nicht, blieb unklar.
Streik bei unfairer Verteilung
Deshalb haben Jennifer Essler und ihre Kolleginnen von der Veterinärmedizinischen Universität Wien den Gerechtigkeitssinn von Hunden und Wölfen noch einmal in Belohnungsexperimenten überprüft. Dafür wurden jeweils zwei Hunde oder Wölfe in benachbarte Gehege gesetzt. Sie lernten dann, auf Kommando mit der Pfote auf einen Hebel zu drücken, um eine Futterbelohnung abzurufen. Die Sache hatte jedoch einen Haken: In einigen Durchgängen bekam nur der Partner des hebeltretenden Tieres eine Belohnung, das aktive Tier ging dagegen leer aus. In anderen Durchgängen bekamen zwar beide eine Belohnung, aber das bevorzugte Leckerli ging an de Partner. “Die Fähigkeit, diese ungleiche Behandlung zu erkennen, zeigte sich, wenn sich die Wölfe oder Hunde weigerten weiterzumachen”, erklärt Essler.
Und tatsächlich: Sowohl Hunde als auch Wölfe streikten, wenn sie mehrfach leer ausgingen, während ihr passiver Partner eine Belohnung bekam. Sie verweigerten dann die weitere Teilnahme am Versuch. Ähnlich verhielten sich die Tiere, wenn sie bei der Qualität der Belohnung benachteiligt wurden und nur das minderwertige Futter als Belohnung erhielten, ihr Partner aber das begehrte Leckerli: Auch dann machten sie schon nach kurzer Zeit nicht mehr mit. “Diese Reaktion bestätigt noch eindeutiger, dass es Wölfe und Hunde wirklich verstehen, wenn sie ungleich behandelt werden”, sagt Essler. Die Wölfe reagierten dabei sogar noch um einiges sensibler als die Hunde – obwohl beide unter gleichen Bedingungen gehalten wurden und aufgewachsen waren. Dass diese Verweigerung tatsächlich auf die empfundene Benachteiligung gegenüber dem Artgenossen zurückging und nicht einfach nur auf die entgangene oder unzureichende Belohnung belegten Einzeltests: Absolvierten die Wölfe und Hunde diesen Versuch ohne tierischen Partner, machten sie weiter, auch wenn in einigen Durchgängen ihre Belohnung ausblieb. “Das Verweigern wird demnach ausgelöst, weil der andere etwas bekommen hat, sie selber aber nicht”, erklärt Koautorin Friederike Range.





