Text: Monika Offenberger
Was wäre der Wald ohne Pilze! Steinpilz, Pfifferling, Parasol – jedes Exemplar ein Schatz für den Finder. Dem Wald schadet es nicht, wenn wir die besten Stücke mit nach Hause nehmen. Denn wir ernten ja nur die Fruchtkörper alias „Schwammerl“, und die fallen mengenmäßig kaum ins Gewicht. Der eigentliche Pilzkörper lebt weiter. Er durchdringt mit seinen zarten Hyphen den Waldboden, umhüllt selbst die feinsten Wurzeln und zieht sich von einem Baum zum nächsten. So eng sind Wurzeln und Hyphen verwachsen, dass es einen eigenen Namen dafür gibt: Mykorrhizen, zu Deutsch Pilzwurzeln.
Mykorrhizen sind die Lebensversicherung der Bäume. Denn Pilzhyphen sind zigmal länger und sehr viel dünner als jede noch so feine Pflanzenwurzel – und können deshalb viel mehr Wasser und Mineralien aus dem Boden ziehen als jene. Einen Teil davon überlassen sie den Bäumen, die alleine nicht genügend Nährstoffe aufsaugen könnten. Was also wäre der Wald ohne Pilze? Es gäbe ihn gar nicht. Verschwänden nämlich alle Pilze aus dem Bo-den, wäre der Wald nach wenigen Tagen tot. Steinpilz und Co. halten die Bäume freilich nicht aus Selbstlosigkeit am Leben. Mangels Blattgrün können sie keine Kohlenhydrate herstellen. Das schaffen nur grüne Pflanzen, durch Photosynthese. Und so treten die Bäume ihren unterirdischen Partnern, quasi als Gegenleistung für gelieferte Mineralien, 20 bis 30 Prozent ihrer Photosynthese-Produkte ab. Das ist der Preis für die Lebensversicherung.
Trockenheit raubt den Bäumen ihre Vitalität
Nicht alle Pilze gehen einen Tauschhandel mit lebenden Bäumen ein. Porlinge wie der Zunderschwamm, aber auch Speisepilze wie Hallimasch und Stockschwämmchen, zehren von totem Holz – und befallen gelegentlich auch geschwächte Bäume. „An jeder Baumart gibt es Pilze, die das Holz angreifen. Andere, wie zum Beispiel die Schüttepilze, schädigen die Nadeln und bringen sie zum Absterben“, erklärt Ludwig Straßer von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft LWF in Weihenstephan. In der Regel sei das für die betroffenen Baumarten kein existenzielles Problem, weil sie sich über Jahrmillionen mit ihren Widersachern arrangiert haben. Derzeit aber kämen zwei neue Bedrohungen dazu: „Zum einen der Klimawandel. Hitze und Trockenheit rauben vielen Bäumen ihre Vitalität, sodass ein Pilz, den sie bisher im Zaum halten konnten, nun die Oberhand gewinnt. Zum Zweiten die Globalisierung. Sie bringt krank machende Pilze und Insekten aus Nordamerika oder Asien nach Europa. Unsere Bäume sind an diese Neulinge nicht angepasst und können sich schlechter gegen sie wehren als gegen altbekannte heimische Erreger.“
Immer häufiger treten beide Bedrohungen in Kombination auf. Die Folgen zeigen sich unter anderem an den Bergkiefern, die im Gebirge als niederliegende Latsche, in tieferen Lagen als hochwüchsige Hakenkiefer oder Moorspirke vorkommen. Alle drei Formen können von einem aus Amerika eingeschleppten Pilz infiziert werden; er lässt die Nadeln braun werden und schließlich absterben. Die Nadelbräune wurde schon vor 30 Jahren in Bayern nachgewiesen. „Damals trat sie überwiegend in Moorgebieten auf und hat nur einzelne Latschen moderat geschädigt. Hätten wir die befallenen Latschen entfernt, wäre das wertvolle Ökosystem empfindlich gestört worden. Also hat man sich entschlossen, abzuwarten“, erinnert sich Straßer.





