Abraham Lincoln wird als einer der moralisch integersten Präsidenten der Vereinigten Staaten angesehen. Sein großes Verdienst war die Initiative zur Abschaffung der Sklaverei. Doch bevor er 1860 zum Präsidenten gewählt wurde, gab es Episoden in seinem Leben, die mehr als sonderbar sind. Er konnte äußerst wütend werden und hätte einmal beinahe einem politischen Gegner das Genick gebrochen, weil er ihn in seiner Raserei zu sehr geschüttelt hatte. Wissenschaftler der Universitäten Boston und Minnesota sind der Frage nachgegangen, wie es dazu kommen konnte. Sie fanden heraus, dass Lincoln quecksilberhaltige Pillen nahm. Mit ihnen wollte er seine “Melancholie” heilen. Diese Pillen hatten die Nebenwirkung, aggressiv zu machen. Die Forscher veröffentlichten ihre Erkenntnisse in der Zeitschrift Perspectives in Biology and Medicine.
Wir fragten uns, wie es möglich ist, dass ein Mann in seinen Fünfzigern die Geduld eines Heiligen hat, während er nur wenige Jahre früher ein Ausbund äußerst bizarren Verhaltens ist, sagt Norbert Hirschhorn, Hauptautor der Studie. Es war zwar bereits bekannt, dass Lincoln längere Zeit Pillen einnahm, die “Blue Mass” genannt wurden und als standardmäßiges Anti-Depressivum im 19. Jahrhundert galten. Doch war bisher nicht klar, wie gefährlich dieses Medikament war.
“Wir benutzten ein Rezept aus dem 19. Jahrhundert, um Blue Mass zu rekonstruieren. Die Inhaltsstoffe waren neben Quecksilber Süßholzwurzel, Rosenwasser, Honig, Zucker und welke Rosenblätter. Mit einem altmodischen Mörser und einem Stößel wurden sie vermengt und zu einer 19.-Jahrhundert-Pille geformt. Aber entsprechend den Sicherheitsrichtlinien des 20. Jahrhunderts trugen wir dabei Kittel, Handschuhe, Mundschutz und Kappen und arbeiteten mit moderner Belüftungstechnik”, erklärt Ian A. Greaves, Assistenz-Professor für Umwelt-Gesundheit an der University of Minnesota.
Die Vorsichtsmaßnahmen waren mehr als angebracht. Die Quecksilber-Dämpfe, die zwei solcher Pillen im Magen freigesetzt hätten, hätten die Sicherheitsgrenze, die vom US-amerikanischen Institut für Arbeitsmedizin gezogen war, um das Vierzigfache überschritten.
Lincoln selbst hat die Gefährlichkeit der Pillen erkannt. Denn wenige Monate nach seiner Amtseinführung 1861 setzte er sie ab, weil sie ihn, wie er notierte, “böse” machten. “In der Zeit des Bürgerkrieges wird Lincoln bewundert für seine Selbstbeherrschung bei Provokationen”, sagt Hirschhorn. “Hätte Lincoln nicht erkannt, dass die kleinen blauen Pillen ihn ‘böse’ machten und hätte er nicht das Medikament abgesetzt, dann wäre seine ruhige Hand am Helm während des Bürgerkrieges wesentlich weniger ruhig gewesen.”
Doris Marszk





