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Europas vergessene Regenwälder
Von knorrigen Eichen tropft es herab, ihre verdrehten Äste sind mit grünen Moospolstern und bizarren Flechten bedeckt. Fiedrige Farne wiegen sich über dem Waldboden oder im Geäst. Es ist eine feuchte dunkelgrüne Welt, beschirmt durch das Geflecht aus Baumkronen und auf ihnen sitzende Flechten, Moose und Schlingpflanzen. Das urzeitlich anmutende Ökosystem ist ein gemäßigter Regenwald (Temperate Rainforest). Durch menschliche Nutzung wie Abholzung und intensive Viehhaltung sind in Europa viele dieser Wälder seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch als Relikte erhalten, die über die Zeit in Vergessenheit gerieten.
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Text: Bettina Wurche
Von knorrigen Eichen tropft es herab, ihre verdrehten Äste sind mit grünen Moospolstern und bizarren Flechten bedeckt. Fiedrige Farne wiegen sich über dem Waldboden oder im Geäst. Es ist eine feuchte dunkelgrüne Welt, beschirmt durch das Geflecht aus Baumkronen und auf ihnen sitzende Flechten, Moose und Schlingpflanzen. Das urzeitlich anmutende Ökosystem ist ein gemäßigter Regenwald (Temperate Rainforest). Durch menschliche Nutzung wie Abholzung und intensive Viehhaltung sind in Europa viele dieser Wälder seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch als Relikte erhalten, die über die Zeit in Vergessenheit gerieten.
Eine Erinnerung an sie kam erst, als nach der Jahrtausendwende immer intensiver über den Verlust von Biodiversität diskutiert wurde. Zeitgleich mit dem Beginn der „Dekade der Biodiversität“ 2010 veröffentlichte der US-Naturschützer Dominick A. DellaSalla sein Buch „Temperate and Boreal Rainforests of the World“. Darin führte er erstmals die europäischen Regenwald-Relikte an den Küsten und im Kaukasus als solche auf.
Atlantisches Küstenklima: feucht und mild
Der Nordatlantik bringt mit stetig hoher Luftfeuchtigkeit viel Regen – zwischen 1.000 und 2.100 Milliliter pro Jahr – und Nebel an die Westküsten Europas. Das Meeresklima hat nur eine geringere Saisonalität, trockene Sommer waren bislang die Ausnahme und der warme Golfstrom verhindert allzu strenge Winter. In diesem ozeanischen Klima wuchs einst zwischen Südnorwegen bis Nordportugal ein smaragdgrüner Gürtel des kühl-gemäßigten atlantischen Regenwalds, der sich an den Küsten und in einigen Höhenlagen erstreckte.
Wie die Regenwälder als Biotope funktioniert haben, lässt sich noch an den übrig gebliebenen Waldrelikten erkennen. Das Blätterdach fängt bis zu 90 Prozent des ankommenden Regens und Nebels auf. Ein Teil bleibt in der Krone hängen, doch das meiste Wasser wird zum Baumstamm geleitet und läuft dort herab. Der lockere Waldboden nimmt die Feuchtigkeit auf und hält sie für die Pflanzen verfügbar. Das dichte Blätterdach sorgt für Beschattung, so dass es auch im Sommer kühl und feucht darunter bleibt. Unter diesen Bedingungen können die dunstumschleierten Baumbiotope wachsen und gedeihen.
Wissenschaft und kulturelle Identität
Die Westküsten des irischen und britischen Inselreichs erhalten besonders viele Niederschläge und Nebel, ihr Klima ist das ozeanischste Europas, wie der schottische Ökologe und Flechten-Experte Christopher J. Ellis schreibt. Er hat 2014 ein Bio-Klimamodell für 382 Baum-Flechtenarten im Norden Englands publiziert und war dafür besonders in den Regenwald-Relikten fündig geworden, da viele Flechtenarten auf alten Bäumen wachsen: Er kartierte Arten und Verbreitung und kombinierte diese Erkenntnisse mit auftretenden Baumkrankheiten, Klimadaten und der Schwefeldioxid-Belastung. Der von ihm erhobene Status quo dient Klimaforschern seither als Vergleichsbasis. Da Flechten langsam wachsen und empfindlich auf Klimaänderungen und Luftverschmutzung reagieren, sind sie sehr gute Indikatoren für Veränderungen in diesen Bereichen.
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Immer mehr Wissenschaftler verwenden bei ihrer Arbeit inzwischen den Regenwald-Begriff für entsprechende europäische Wälder, die vorher oft einfach nur „Woodland“ genannt wurden. Doch auch andere beteiligen sich an der Sichtbarmachung dieses Naturschatzes.
Der irische Künstler und Naturliebhaber Eoghan Daltun fand 2009 auf seinem neu erworbenen Grundstück an der Westküste bei Beara Reste eines niedrigen alten Waldes. Er war davon fasziniert und begann ein Rewilding-Projekt: Ein Zaun hielt die gefräßigen invasiven Damhirsche und verwilderten Ziegen fern, damit die Schößlinge heimischer Baumarten wieder aufwachsen konnten. Bald breiteten sich auf dem Boden statt Gras bunte Wildblumenteppiche aus, die Insekten anzogen, denen Vögel folgten. Daltun berichtete darüber auf seiner Website und in sozialen Medien, Zeitungsberichte folgten, und 2022 publizierte Daltun sein Buch „An Irish Atlantic Rainforest“. Ebenfalls 2022 veröffentlichte Guy Shrubsole sein Buch „Lost Rainforests of Britain“, Shrubsole war bei Wanderungen im südenglischen Dartmoor auf ein solches Waldrelikt gestoßen und hatte, gepackt von dieser Entdeckung, weitergesucht.
Mit den beiden viel gelesenen und preisgekrönten Büchern wurde auch die Öffentlichkeit auf die irischen und britischen Regenwälder aufmerksam. Neben der bislang vor allem Wissenschaftlern bekannten Bedeutung für Biodiversität und Klimaschutz verknüpften Daltun und Shrubsole diese Landschaften auch mit ihrer Historie und Kultur. Dadurch wurde ihr Erhalt vom wissenschaftlichen zum gesellschaftspolitischen Anliegen.
Kriechende Krüppeleichen
In der düsteren und wilden Landschaft des Nationalparks Dartmoor in Devon liegen in bis zu 410 Meter Höhe alte Eichenwälder – wie Wistman‘s Wood im Flusstal des West Dart. Solche europäischen Regenwälder sind nicht an spezifischen Baumarten erkennbar, sondern am Wuchs. Die hier dominierenden Stieleichen sind meist unter 4,5 Meter und selten über sieben Meter hoch. Manche sind über 300 Jahre alt. Ihre Hauptäste liegen typischerweise auf oder zwischen den Felsen auf dem Waldboden. Der ausgeprägte Kleinwuchs ist wahrscheinlich auf die starken Winde zurückzuführen, die den Boden abtragen und nur eine dünne Schicht übrig lassen. Zudem wäscht der Regen die Nährstoffe aus dem Boden, was ihn unfruchtbar macht. Beides ist charakteristisch für die atlantischen Küsten- und Hochlandgebiete.
Im Wistman‘s Wood wachsen neben Eichen vereinzelt Ebereschen, Stechpalmen, Weißdorn- sowie Haselnusssträucher und silbrige Salbei-Weiden. Aber auch Weiden, Birken, Eschen, Kiefern sowie Erlen können vorkommen.
Als herausragendes Beispiel für einheimische Eichenwälder im Hochland wurde dieser Baumbestand schon 1964 als Gebiet von besonderem wissenschaftlichem Interesse ausgewählt und ist Teil des Wistman‘s Wood National Nature Reserve. Guy Shrubsole hat diese Eichenwälder bei seinem Aufenthalt im Dartmoor 2021 und 2022 jedoch als Relikte des atlantischen Regenwalds „entdeckt“. Als Mitglied von Rewilding Britain initiierte er die Kampagne „Lost Rainforests of Britain“. Dazu gehörte die Bestandsaufnahme dieser Relikte, die bis dahin Namen wie Upland Oakwoods, Atlantic Oakwoods, Western Oakwoods, Caledonian Forest oder einfach Woodland trugen.
Seitdem sind die raren Baumbiotope zu wichtigen Anliegen des National Trust, der Nationalparks sowie anderer staatlicher und privater Naturschutzorganisationen geworden. So pflanzten Freiwillige allein im Winter 2024/25 in Wistman‘s Wood 450 Bäume, die nächste Regenwald-Generation. Ein Teil von Wistman‘s Wood ist im Privatbesitz des Thronfolgers Prinz William, der diese Fläche bis 2040 verdoppeln will. Neben der Verjüngung und Erweiterung des Regenwalds ist auch die Verbindung bestehender Stücke wichtig. Geschlossene Baumbiotope können ihr feuchtes Mikroklima besser aufrechterhalten, außerdem können Pilze, Pflanzen und Tiere sowie Mikroorganismen von den alten Arealen in die neu gepflanzten leichter einwandern. Bis alles zu einem funktionierenden Ökosystem zusammenwächst, dauert es allerdings Jahrzehnte bis Jahrhunderte – erst auf sehr alten Eichen leben bis zu 2.300 Pflanzen- und Tierarten.
Europäische Lianen und niedere Pflanzen
An den knorrigen Stämmen winden sich Kletterpflanzen empor und bilden mit anderen Epiphyten – Pflanzen, die auf anderen Pflanzen sitzen – scheinbar vertikal schwebende grün-bräunliche Geflechte. Neben den duftenden Blütenkronen des Geißblatts und den herzförmigen Efeublättern wächst die Waldrebe mit ihren fiedrigen Blütenspiralen. Diese drei Pflanzen sind die wichtigsten nordeuropäischen „Lianen“. Im dichten wippenden Geflecht nisten und verstecken sich viele Tiere, darunter geschützte Arten vom Schwarzen Schnegel über Feuersalamander und Trauerschnäpper bis zum Baummarder und Seeadler.
Ein weiteres typisches Regenwald-Merkmal ist die Vielzahl an niederen Pflanzen oder Kryptogamen: Farne, Moose, Lebermoose, Bärlappe und Flechten entstanden evolutiv lange vor den modernen Blütenpflanzen und vermehren sich mit Sporen. Diese uralten, urtümlich wirkenden Gewächse bedecken Böden oder Bäume des Waldes. Meist ohne Wurzel- und Gefäßsystem, nutzen sie das bei starken Regenfällen an Baumstämmen herunterrieselnde Wasser. Zusätzlich saugen sie Tröpfchen aus dem Nebel auf, dem sogenannten horizontalen Niederschlag.
Manche Farnarten bedecken wie Miniaturwälder den Boden, einige wachsen auf feuchten Steinen und andere sitzen auf Bäumen. Der nur eine Zellschicht dünne Englische Haut- oder Schleierfarn etwa wird höchstens sechs Zentimeter groß und wächst moosartig – er kommt auf den Britischen Inseln nur noch in feuchten Wäldern vor. Weitere wichtige Epiphyten sind Moose, die ebenfalls viel Luftfeuchtigkeit brauchen sowie die moosartig wachsenden kleinen Bärlappe.
Besonders bizarre Epiphyten sind Flechten, Lebensgemeinschaften aus Algen und Pilzen, die als feste Krusten Baumborken überziehen. Erst unter der Lupe werden ihre meist weißlichen, grünlichen oder graubraunen Strukturen erkennbar: Warzige Krusten, zweidimensionale Lappen und dreidimensionale „Korallen“ oder Faserbüschel mit Bechern. Manche Flechten leuchten auch als gelbe oder orangene Flecken durchs dunkle Grün.
Ihr intensiver Epiphyten-Behang lässt die Wälder selbst im laublosen Winter als satte grünlich schimmernde Welt erscheinen.
Wales: Mutterbaum und Flechtenteppich
Wales ist eines der feuchtesten Länder Europas. Wo die vom Atlantik kommende Feuchtigkeit in die dortigen Flusstäler eindringt, wachsen die Reste über 7.000 Jahre alter Regenwälder. In Nationalparks wie Snowdonia (Eryri) und Naturschutzgebieten wie Elenydd gedeihen zwischen den niedrigen, weit verzweigten Bäumen voller Moose und Flechten auch seltene Pflanzen und Waldpilze in hoher Biodiversität. Eine biologische Bestandsaufnahme zeigte 2024 allerdings, dass aufgrund von Luftverschmutzung und Dürren nur 22 Prozent der Bäume in gutem Zustand waren. Das bedroht auch ihre Epiphyten wie seltene Flechten.
„Nur in uralten Wäldern, die seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden eine durchgehende Baumkrone haben, wachsen so viele Flechtenarten wie hier“, erklärt die Flechten- und Regenwald-Expertin Sabine Nouvet (Plant Life). Auf nur sieben Eichen am Eingang des Nationalparks Snowdonia wurden 25 bedrohte Arten gefunden, nach einem Sturm steht dort inzwischen eine Eiche weniger. Schon das Umstürzen eines einzigen Baums kann dramatische Folgen haben, betont Nouvet: „Diese 500 Jahre alte Eiche stand neben den sechs anderen. Auf ihrer Borke siedelten über 60 Flechtenarten. Darunter Rinodina isidioides, die an keiner anderen Stelle des Tals nachgewiesen wurde.“ Beim Blick durch die Lupe, die Sabine Nouvet immer griffbereit hat, wird klar, warum die Flechte „Knochenfinger“ heißt: Ihre winzigen Strukturen erinnern an Fingerknochen.
„Knochenfinger“ kommen nur auf über 300 Jahre alten Bäumen und in der hohen Luftfeuchtigkeit solcher britischen Regenwälder vor. „Solche sehr alten Bäume mit ihren jahrhundertealten Mikohabitaten werden ‚Mutterbäume‘ genannt“, erklärt Sabine Nouvet.
Viele Flechten mögen es nicht nur feucht und mild, sondern auch hell und wachsen daher im oberen Bereich. Wie die blattartige, relativ große Lobaria pulmonaria – für die Biologin eine der charismatischsten Flechten des gemäßigten Regenwaldes: „Ihre lappenartige Unterseite ähnelt Lungengewebe, so kam sie zu ihrem Namen. Obwohl Lobaria auf jungen, spindeldürren Bäumen wachsen kann, findet man sie nur in alten Wäldern, vor allem auf Eschen, Haseln, Weiden und sehr alten Eichen.“ Wie die meisten Flechten reagiert sie empfindlich auf Säure, die Schwefelabgase auf Baumrinde verursachen.
Flechten können in sehr unterschiedlichen Varianten auftreten, erklärt Nouvet: „Die Flechte Lecanactis abietina wirkt mit ihrem blassrosa-weißen Belag auf trockenen Baumseiten wie aufgemalt, während die massivere bräunliche Tüpfelfell-Flechte Sticta limbata nach verrottendem Fisch riecht. Sticta hat fotosynthetische Blaualgen als Symbiont und braucht zur Fotosynthese viel Feuchtigkeit – wie im Regenwald.“
Die urtümlichen Flechten-Symbiosen sind nicht nur klimatisch sensibel, sondern vermehren und verbreiten sich auch sehr langsam. „Wenn man diese langsame Ausbreitung mit den Anforderungen an ihre Nischenlebensräume kombiniert, versteht man, warum sie so selten sind“, berichtet Sabine Nouvet.
Gefräßige Schafe und invasive Rhododendren
Die gemäßigten Regenwälder wurden über Jahrtausende von Menschen genutzt: Die extensive Beweidung durch wenige größere Tiere wie Rinder auf einem großen Areal hielt diese Baumlandschaft offen, zerstörte sie aber nicht. Die Verfügbarkeit von mehr Licht erhöhte sogar die Artenvielfalt der Pflanzen bis ins Unterholz.
Heute jedoch fressen zu viele Schafe und die aus Asien stammenden Damhirsche junge Bäume und selbst Dornendickichte völlig ab – dadurch kann der Regenwald nicht nachwachsen. Darum empfehlen Ökologen zum Schutz Zäune und die Verringerung des Damwild-Bestands. Eine Beweidung sei für den Erhalt der Lichtungen zwar wichtig, sie müsse jedoch schonend erfolgen – durch wenige und größere Tiere, wie genügsame alte Rinderrassen.
Zur Restaurierung dieser Wälder gehört auch die Bekämpfung invasiver Pflanzen wie dem wild wuchernden Rhododendron ponticum: Die in Südwestasien und Südeuropa heimische Pflanze vermehrt sich schnell, ist für viele Tiere giftig und verdrängt durch Beschattung heimische Gewächse. Außerdem schleppen diese Pflanzen Baumkrankheiten wie den „plötzlichen Eichentod“ ein. Allein 2023 kostete ihre Bekämpfung umgerechnet über 420.000 Euro – auch Sabine Nouvet gräbt regelmäßig Rhododendren aus.
Die Magie der keltischen Regenwälder
Auf den Irischen und Britischen Inseln sind die mystisch-nebelvergangenen Landschaften tief in keltischen Mythen und Legenden verwurzelt: etwa im walisischen Mabinogion, einer Sammlung von Geschichten, deren Ursprung vermutlich bis in prähistorische Zeiten zurückreicht. Aber auch neuere Werke wie Wordsworths Dichtung oder Tolkiens „Herr der Ringe“ schildern ihre Magie. Das düstere Dartmoor war die Kulisse für A. C. Doyles Detektiv Sherlock Holmes in „Der Hund von Baskerville“.
Gerade die Verknüpfung der naturwissenschaftlichen mit der kulturellen Bedeutung – die auch im umgangssprachlichen Namen „Celtic Rainforest“ deutlich wird – macht diese nebelfeuchten Baumbiotope zu Ikonen und zum persönlichen Anliegen vieler Menschen – das könnte bei ihrer Rettung und Wiederbelebung helfen. //
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