Das Handwerk der Chicle-Gewinnung hat in den Wäldern Mittel- und Südamerikas eine lange Tradition. Nach Aufkommen synthetischen Kaugummis stand das Geschäft mit dem Naturlatex allerdings vor dem Aus – und mit ihm die Existenz der Chicleros. Wie sich das Erbe der Baumkletterer dennoch halten kann.
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Ein Lächeln macht sich auf dem Gesicht des 83-jährigen Don Severo breit. Der Mexikaner ist bereits im Ruhestand, doch zu Demonstrationszwecken packt er noch einmal Machete und Kletterseil aus. Die Arbeit ist ihm noch immer ein großes Anliegen.
Ganz ohne Sicherung, dafür mit jahrzehntelanger Erfahrung, steigt der ehemalige Chiclero geübt am Stamm eines Chicozapote, eines Breiapfelbaums, hinauf. Der Rentner lehnt sich gegen das gespannte Seil, stemmt die Füße gegen die raue Rinde und schiebt seinen Körper in ruckartigen Bewegungen höher, Zentimeter für Zentimeter. Wenige Minuten später befindet er sich mehrere Meter über dem Waldboden des mexikanischen Dschungels.
Schon als Don Severo noch ein Kind war, hatte ihm sein Vater das traditionelle Handwerk der Gewinnung von Latex beigebracht – dem milchigen Baumsaft, aus dem Naturkaugummi hergestellt wird. Seitdem hat Don Severo einen Großteil seines Lebens mitten in den Wäldern der Selva Maya verbracht. Das Gebiet, das sich über Mexiko, Guatemala und Belize erstreckt, gilt nach dem Amazonas als das zweitgrößte Tropenwaldgebiet Amerikas. In Chunhuhub auf der Halbinsel Yucatán ist Don Severo der Letzte, der das Handwerk noch beherrscht. Das Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde, könnte irgendwann mit ihm aus der Maya-Gemeinde im Südosten Mexikos verschwinden.
Don Severo setzt die Machete an. Mit geübten Bewegungen ritzt er ein geschwungenes zickzackförmiges Muster in die Rinde. Aus den frischen Schnitten tritt der weiße, klebrige Naturlatex aus und läuft am Stamm hinab.
Später erzählt der Chiclero von der Zeit, die er früher jedes Jahr im Wald verbrachte. Während der Regenzeit, wenn der Latex besonders gut fließt, lebte er dort sechs Monate am Stück. Don Severo erinnert sich noch genau daran, wie er vor Sonnenaufgang das Lager verließ und sich auf den Weg zu den Chicozapote machte. Mit spärlicher Ausrüstung und Verpflegung lief er weite Strecken durch den dichten Regenwald. Tagsüber kletterte er von Baum zu Baum, setzte die Zickzackschnitte in die Rinde und sammelte den Latex. Am Abend trug er die schwere Ernte zurück ins Camp, wo der milchige Baumsaft über dem Feuer beim Kochen eingedickt wurde, bis daraus das sogenannte Chicle entstand. Die Arbeit war schon immer körperlich fordernd und nicht ungefährlich: Abstürze beim Klettern, tropische Unwetter, Begegnungen mit Wildtieren und die Strapazen langer Wanderungen durch den abgelegenen Regenwald gehörten zum Alltag der Chicleros.
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Dank sorgfältiger Handarbeit nehmen die Bäume keinen langfristigen Schaden (l.). Der Baumsaft wird zur Weiterverarbeitung in Beuteln aufgefangen (u.).
Das Schicksal der Chicleros
Doch die Geschichte des Chicle reicht noch viel weiter zurück. Es wurde wahrscheinlich schon etwa 2000 v. Chr. von den Maya und Azteken genutzt, die die beruhigende und sättigende Wirkung des stetigen Kauens schätzten.
Als der Saft des Chicozapote-Baums Ende des 19. Jahrhunderts schließlich auch von dem US-Unternehmer Thomas Adams als Rohstoff für Kaugummi im großen Stil entdeckt wurde, setzte in der Selva Maya ein regelrechter Boom ein. In dieser „Chicleria“-Epoche galt Chicle jahrzehntelang als „weißes Gold“ der Region. Der begehrte Rohstoff brachte Geld in eine abgelegene Waldlandschaft und eröffnete vielen dort neue Perspektiven. Für zahlreiche Landarbeiter bedeutete die Arbeit als Chiclero einen Ausweg aus den sklavenähnlichen Verhältnissen auf den Haciendas, den Landgütern und Farmen der Halbinsel. „Es war eine Art Freiheitsmoment für die Menschen. Der Chicle-Handel konnte Mittel zum Überleben, aber auch eine Art Freiheit bieten“, erzählt Hanna Laako. Die Politikwissenschaftlerin der Universität Ostfinnland untersucht seit mehreren Jahren die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Selva Maya.
„Wer die Selva Maya verstehen will, muss auch die Geschichte der Chicleros verstehen“, so Laako. Während ihrer Forschungsarbeiten in der Region stieß sie immer wieder auf Spuren des Gewerbes. Viele der heutigen Waldgemeinschaften entstanden einst als Chiclero-Siedlungen, zahlreiche Wanderwege folgen noch immer ihren alten Routen, und manche Forschungsstationen stehen dort, wo früher ihre Camps lagen. Auch bei der Wiederentdeckung vieler Maya-Stätten spielten die Chicleros eine Schlüsselrolle: Oft waren sie die Ersten, die auf die überwucherten Ruinen stießen und Archäologen dann den Weg dorthin wiesen. Zudem setzten die Regierungen (besonders die Mexikos) die Chicleros dafür ein, periphere Dschungelgebiete an den Grenzen zu besiedeln und so territoriale Ansprüche zu festigen.
„Der Chicle-Boom hatte auch seine Schattenseiten“, erzählt Hanna Laako. Der Wettlauf um das weiße Gold führte stellenweise zu einer Übernutzung der Chicozapote-Bäume, da nicht alle Erntenden eine nachhaltige Zapftechnik beherrschten. Diese beinhaltet unter anderem, einem Baum nach der Behandlung eine Ruhezeit von zwei bis drei Jahren zuzugestehen. Zudem profitierte längst nicht jeder gleichermaßen vom Chicle-Geschäft, die gesellschaftlichen Strukturen blieben trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs weitgehend bestehen. „Manche Forschende argumentieren, dass der Handel die Kluft zwischen Eliten und einfacher Bevölkerung eher vergrößerte als verringerte“, sagt Laako.
Die Erfindung des synthetischen Kaugummis in den 50er Jahren bedeutete schließlich den Niedergang der Chicleria. Die Nachfrage nach dem natürlichen Rohstoff brach ein, viele Waldgemeinschaften verloren ihre wichtigste Einnahmequelle. Zugleich gerieten die Arbeiter zunehmend in Vergessenheit. „Zunächst förderten Regierungen die Kolonialisierung im Zusammenhang mit Chicle, und dann gab es eine Art gouvernementale Amnesie, die diese Gemeinschaften vergisst und sie alleinlässt“, kritisiert Hanna Laako.
Don Severo hat das scheinbar nie erschüttert, er ging immer völlig in seiner Arbeit auf. Als er durch den Wald geht, spricht er nicht nur über Chicle. Immer wieder bleibt er stehen, zeigt auf Pflanzen am Wegesrand und erklärt ihre Bedeutung. Hier wächst eine Pflanze, deren Rauch Moskitos fernhält, dort eine gegen Magenbeschwerden. Andere Bäume liefern Heilmittel aus ihrer Rinde. Schnell wird deutlich: Die Chicleros kennen nicht nur den Kaugummibaum gut, sondern den ganzen Wald.
Auch wenn der Chicozapote heute vorwiegend wegen seiner Früchte von Einheimischen genutzt wird, ist Chicle nie ganz verschwunden und Naturkaugummi erlebt sogar eine kleine Renaissance. Er gilt in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit groß geschrieben wird, als umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichem Kaugummi, da dessen Masse aus Kunststoffen besteht und somit auf Erdöl basiert.
Eine zentrale Rolle bei der Wiederbelebung spielte die indigene Kooperative Consorcio Chiclero. Sie gründete ihren kommerziellen Zweig Rainforest Chicza, über den sie natürlichen Kautschuk in mehr als 20 Länder exportiert. Unterstützt wird sie auch von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die sich für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Selva Maya einsetzt.
„Besonders wichtig ist uns die Sicherung der Zukunft dieser Tradition“, sagt Carsten Schüttel, Leiter des GIZ-Projekts mit Sitz in Guatemala. Gemeinsam mit Chicza hat die Gesellschaft ein sechsmonatiges Ausbildungsprogramm aufgebaut, in dem bisher 46 junge Menschen die traditionellen Techniken des Zapfens und Einkochens gelernt haben. Ein Drittel von ihnen Frauen – das ist bemerkenswert, weil das Handwerk lange als reine Männerdomäne galt. „Das Projekt arbeitet mit sieben Gemeinden zusammen, die jeweils in Chicle-Kooperativen organisiert sind“, erläutert Schüttel. Diese Genossenschaften organisieren die Ernte und Verarbeitung und geben das Wissen an die nächste Generation weiter. „In jeder Gemeinde gibt es erfahrene Chicle-Meister, die als Ausbilder fungieren“, sagt der Projektleiter. „Sie zeigen den Auszubildenden, wie man das Chicle erntet und anschließend verarbeitet.“
Dabei geht es allerdings noch um weit mehr als um die Weitergabe von Wissen. Junge Menschen aus vielen Gemeinden der Selva Maya zieht es in die Tourismuszentren an der Karibikküste, wo vermeintlich bessere Verdienstmöglichkeiten locken. Die Ernte des Baumsafts bietet ihnen jedoch eine Alternative: ein Einkommen und damit einen Anreiz, die Heimat nicht verlassen zu müssen. „Ein erfahrener Chiclero kann während der Erntesaison bis zu 1.200 US-Dollar im Monat verdienen“, so Carsten Schüttel. Das ist in den ländlichen Regionen der Halbinsel Yucatán ein gutes Einkommen.
Zwischen Waldcamp und Weltmarkt
Miguel Aldrete, kaufmännischer Leiter der Kooperative Rainforest Chicza S.A. de C.V., erzählt, wie die Prozedur der Chicle-Gewinnung heute abläuft: „Die sorgfältige Anzapfung des Chicozapote-Baums bleibt im Wesentlichen dieselbe wie vor einem Jahrhundert.“ Noch immer verbringen viele Chicleros während der Erntesaison Wochen in Waldcamps. Von dort aus haben sie täglich lange Märsche zu den Chicozapote-Bäumen, genauso wie Don Severo damals. Auch die traditionellen Schnitte in die Baumrinde werden nach wie vor von Hand gesetzt, denn nur so lässt sich der Latex gewinnen, ohne den Baum dauerhaft zu schädigen. Auch beim Einkochen des Safts ist Erfahrung entscheidend, betont Aldrete: „Die Chicleros müssen den richtigen Zeitpunkt erkennen, an dem das Chicle die gewünschte Konsistenz erreicht.“ Anschließend wird es zu Blöcken geformt, den sogenannten Marquetas, und für den Weitertransport vorbereitet. Von den entlegenen Waldcamps der Selva Maya gelangt das Chicle heute nicht mehr in die Vereinigten Staaten, sondern in eine kleine Fabrik in Chetumal in Mexiko. Dort wird es weiterverarbeitet, verpackt und schließlich in die Welt verschifft. Europa, insbesondere Deutschland, gehört heute zu den wichtigsten Absatzmärkten.
Aber auch die Gemeinschaften selbst entwickeln sich weiter, etwa in Bezug auf die Geschlechterrollen bei der Herstellung von Chicle. Während Frauen früher vor allem in der Verarbeitung tätig waren und organisatorische Aufgaben hatten, sind sie heute in nahezu allen Bereichen der Wertschöpfungskette vertreten. „Zunehmend werden sie auch für die Ernte ausgebildet und arbeiten direkt im Wald“, erzählt Miguel Aldrete. Ihm zufolge stoßen diese Veränderungen in den Gemeinden auf breite Zustimmung. Frauen brächten neue Perspektiven ein und übernähmen immer mehr Verantwortung innerhalb der Kooperativen.
Für Carsten Schüttel zeigt sich am Chicle außerdem, wie Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung zusammenfinden können: „Ich glaube, das ist wirklich ein Beispiel dafür, wie man lokal Einkommen schaffen und den Wald nachhaltig nutzen kann – Wohlstand entsteht hier gerade dadurch, dass die Menschen im Einklang mit dem Wald leben.“ Anders als während des Chicle-Booms, gehört die bloße Ausbeutung der Selva Maya der Vergangenheit an, denn heute steht nicht mehr die Gewinnmaximierung im Vordergrund: „Nach der Ernte bleibt ein Chicozapote-Baum sechs bis sieben Jahre unangetastet, damit er sich auf natürliche Weise regenerieren kann“, so Miguel Aldrete. „Die Chicleros gehören zu den wichtigsten Wächtern des Waldes, denn ihre Lebensgrundlage hängt von der Erhaltung gesunder Ökosysteme ab“, sagt der Manager.
Projektleiter Schüttel ergänzt einen weiteren Punkt: „Es macht die Menschen glücklich, zu sehen, dass das, was sie im Wald herstellen, auf der anderen Seite der Welt einen Wert hat.“ Für die Chicleros sei es etwas Besonderes, wenn sie erfahren, dass ihr Produkt in Tausenden Kilometern Entfernung gekauft und gekaut wird. Die internationale Nachfrage vermittele vielen das Gefühl, dass ihre Arbeit und ihr Wissen geschätzt werden.
Hinter jedem Stück Kaugummi steckt weit mehr als ein Konsumprodukt, fasst Miguel Aldrete zusammen: „Es steht für die Arbeit der Waldgemeinschaften, für den Erhalt der Selva Maya und für die Überzeugung, dass wirtschaftliche Entwicklung und Naturschutz Hand in Hand gehen können.“
Don Severo blickt zufrieden auf den Wald, den er sein Leben lang durchstreift hat. Mehr als sechs Jahrzehnte hat er Chicle geerntet, die Wege der unberührten Wildnis durchstreift und sein Wissen weitergegeben. Auch wenn der ehemalige Chiclero der Letzte in seiner Maya-Gemeinde ist, der die traditionelle Latexernte noch beherrscht, gibt es dank der Ausbildungsprogramme Hoffnung, dass das Wissen nicht ausstirbt. Die nächste Generation trägt die Tradition nun weiter. Sie haftet eben doch an der Selva Maya – wie Kaugummi. //
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