Text: Steve Przybilla
Dieser Duft! Ein Hauch von Weihnachten weht durch den kleinen Hofladen im brandenburgischen Herzberg. Ist es Gebäck? Zimt? Schokolade? Die ungeschulte Nase muss passen, doch das Auge hilft nach: Es sind Walnüsse, kiloweise! In Säcken und Bastkörben liegen sie aus, einige erntefrisch, andere bereits mehrere Jahre alt. Auf laminierten Schildern stehen die Namen der Sorten: Milotai, Moselaner, Weinberg-Mix. Dahinter ein raumhohes Regal mit Öl, Käse, Mehl, Senf und Likör. Die wichtigste Zutat ist immer dieselbe: Walnuss.
Auf die Nuss gekommen
Hinter einem kleinen Tresen steht Vivian Böllersen und brüht sich einen Kaffee, ganz klassisch aus Kaffeebohnen, denn einen Walnusstrunk bietet sie bisher nicht an. Ganz abwegig wäre die Idee nicht, immerhin dreht sich bei der Inhaberin der Walnussmeisterei Böllersen einfach alles um die kleine Frucht. „Die meisten Leute bevorzugen dünnschalige Sorten“, sagt die 38-jährige Ökolandwirtin und greift demonstrativ zum Nussknacker. Milotai, die dünnschalige Variante, platzt sofort auf. Trotzdem mag die Expertin die Moselaner lieber. „Durch die harte Schalte hält sie deutlich länger. Selbst nach zwei Jahren schmeckt sie manchmal wie frisch nach der Ernte.“
Es ist eine von vielen Walnuss-Weisheiten, die sich Böllersen in den vergangenen Jahren erarbeitet hat. Ihre Mission: die Frucht zurück nach Deutschland holen, und das im großen Stil. Noch sieht die Realität bei uns anders aus. Während in vielen Privatgärten seit jeher Walnussbäume stehen, werden sie (land-)wirtschaftlich kaum genutzt. Fast alle Walnüsse, die im Supermarkt angeboten werden, stammen aus dem Ausland. 31.000 Tonnen wurden im Jahr 2024 allein aus den USA importiert, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. „Dabei gehört die Walnuss doch hierher“, sagt Böllersen. „Deshalb sollte sie hier auch angebaut werden.“
Das erste Mal in Kontakt kommt sie mit dem Thema während ihres Studiums in Eberswalde (Ökolandbau und Vermarktung). Anders als die meisten ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen, kommt sie nicht aus einer Bauernfamilie – daher vielleicht der Hang, ungewöhnliche Fragen zu stellen. „Auch mein Dozent konnte mir nicht erklären, warum in Deutschland kaum jemand Geld mit der Walnuss ver-dient“, erinnert sich die junge Frau. Also geht sie der Sache selbst auf den Grund, schreibt ihre Masterarbeit über „Möglichkeiten und Grenzen des Walnussanbaus in Deutschland“. Heute steht das Werk zum Kauf im Hofladen, neben „So schmeckt Brandenburg“ und „Das Nussbuch“.
Böllersens zentrale Erkenntnis: In Deutschland fristet der Anbau vor allem deshalb ein Schattendasein, weil er keinen schnellen Profit verspricht. Walnussbäume brauchen fünf Jahre und länger, bis sie Früchte tragen. Den vollen Ertrag liefern sie oft erst nach 15 oder 20 Jahren. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, eine staatliche Behörde, weist zudem auf historische Gründe hin: „In beiden Weltkriegen wurden zahllose Bäume gefällt und ihr Holz zur Herstellung von Gewehrkolben verwendet. Zwei Extremwinter, 1941/42 und 1955/56, minimierten die Zahl der wärmeliebenden Bäume zusätzlich.“





