Ursprünglich stammt der Waschbär (Procyon lotor) aus Nord- und Mittelamerika, doch heute ist er auch in Europa verbreitet. Deutschland gilt dabei als Zentrum der europäischen Waschbärpopulation. Hier wurden vor vielen Jahrzehnten die ersten Exemplare ausgesetzt. Mittlerweile leben in Deutschland 1,6 bis zwei Millionen Waschbären, was die „Maskenträger“ zu einem der häufigsten Raubsäuger Mitteleuropas macht. Besonders in Städten ist ihre Dichte alarmierend: In Kassel etwa leben über 100 Waschbären pro 100 Hektar – das ist eine der höchsten Raubtierdichten in ganz Europa.
Von wegen harmlos
Ökologisch bleibt das keineswegs ohne Folgen: Der possierliche Kleinsäuger hat sich mittlerweile zu einem großen Problem für den Natur- und Artenschutz entwickelt. Dabei haben dem Waschbären nicht nur seine hohe Anpassungsfähigkeit und flexible Ernährung geholfen, sondern auch seine Niedlichkeit. Da viele Menschen den „Maskenträger“ als sympathisch und harmlos empfinden, werden die von ihm verursachten ökologischen Schäden häufig unterschätzt oder gar ignoriert. Um das zu ändern, haben Forschende von der Goethe-Universität Frankfurt nun in einem Positionspapier mit den gängigsten Irrtümern über Waschbären aufgeräumt.
Die Kernaussage: Ja, Waschbären sind niedlich, aber auch verheerend für die heimische Tierwelt. Studien belegen, dass Waschbären gezielt Brutstätten von Amphibien, Reptilien, bodenbrütenden Vögeln und sogar von Fledermäusen plündern. Dabei verfallen sie oft in einen „Jagdrausch“ und töten ganze Gelege – weit mehr als sie fressen können. „Wir dokumentieren einen dramatischen Rückgang sensibler Arten in Gebieten mit hoher Waschbärdichte“, berichtet Mitautor Norbert Peter. Zusätzlich richten Waschbären auch beträchtliche Schäden an Gebäuden an und verursachen erhebliche Verluste in der Landwirtschaft, etwa durch das Anfressen von Siloballen, Mais und Obstpflanzen.
Warum Kastration keine Lösung ist
Doch selbst Menschen, die einsehen, dass Waschbären problematisch für die heimische Tierwelt sind, unterliegen häufig weiteren Irrtümern – etwa der Annahme, dass Bejagung die Vermehrung der Tiere erst recht ankurbelt. Das ist jedoch ein Missverständnis, beruhend auf einer veralteten Studie aus den USA, wie die Forschenden betonen. Auch vermeintlich tierfreundliche Alternativen wie die großflächige Kastration stellen entgegen gängiger Annahmen keine Lösung dar. Bei einem Bestand von rund zwei Millionen Tieren wäre ein solches Vorgehen logistisch kaum umsetzbar, aber auch rechtlich problematisch. Denn laut EU-Verordnung dürfen invasive Arten nach dem Fang nicht wieder freigelassen werden.
Um dem weiteren Vormarsch der Waschbären Einhalt zu gebieten, fordern die Autoren des Positionspapiers ein radikales Umdenken im Umgang mit invasiven Arten. Vor allem dürfe die öffentliche Debatte nicht mehr so emotional verklärt geführt werden. „Wir müssen den gesetzlich verankerten Artenschutz konsequent umsetzen und dürfen diesen nicht einer einseitigen Fokussierung auf charismatische Tierarten unterordnen“, appelliert Sven Klimpel von der Universität Frankfurt.





