Text: Katja Richter
Auf dem neu gestalteten Stadtteilplatz im Berliner Kosmosviertel stehen zwischen den hoch aufragenden Plattenbauten schwarzgraue Betonquader auf dem Pflasterbelag. Ein paar Jugendliche nutzen die kniehohen Sitzwürfeln, sie schauen den älteren Turnern auf der benachbarten Sportanlage zu. Bis auf den Farbton unterscheiden sich die kantigen Elemente nicht von den anderen Sitzmöbeln auf dem Platz. Und das soll die Sensation der Baubranche sein? Die Lösung für eines unserer drängendsten Klimaprobleme? Tatsächlich stehen die sieben Betonquader für ein neues Verständnis von Rohstoffkreisläufen, das für die Jugendlichen als Erwachsene vielleicht ganz selbstverständlich sein wird.
Die Zusammensetzung von Beton ist erstaunlich simpel: Eine körnige Mischung aus Kies und Sand und etwas fein gemahlener Zement – mit der richtigen Menge Wasser wird daraus ein steinhartes Produkt. Zement ist dabei die Zutat, die alles zusammenhält. Der dafür benötigte Zementklinker entsteht, wenn Ton, Kalk und andere Stoffe so heiß gebrannt werden, bis sie miteinander verschmelzen, dabei entsteht CO2. Zusätzlich braucht es für die hohen Brenntemperaturen von bis zu 1.400 Grad Celsius viel Energie – Mengen, die sich regenerativ nur sehr aufwendig erzeugen lassen.
Ganz auf den Baustoff Beton zu verzichten, ist aber keine Option, seine Eigenschaften sind einfach zu gut. Ob massives Fundament, eine geschwungene Brücke oder als tragende Struktur für ein Hochhaus: Mit Beton lässt sich so gut wie alles bauen. Beliebt macht ihn auch seine hohe Verfügbarkeit überall auf der Welt. Die Betonbranche forscht daher in verschiedene Richtungen, um die CO2-Bilanz ihrer Produkte klimafreundlicher zu machen. Ein Weg ist die Reduktion des Zementanteils in der Rezeptur – etwa durch Pflanzenkohle wie bei den Sitzwürfeln in Berlin. Deren Herstellungsprozess gleicht exakt dem anderer Betonprodukte, lediglich die Ausgangsrohstoffe unterscheiden sich: Sand und Zement werden zum Teil durch Pflanzenkohle ersetzt. Der sonst graue Beton wird dadurch dunkler, die Probequader zeigen aber, dass er seine steinharte Stabilität und Dauerhaftigkeit beibehält.
Pflanzenkohle, oder auch BioCarb, entsteht beim Verbrennen organischer Pflanzenreste durch Pyrolyse, also unter Sauerstoffausschluss, bei über 700 Grad Celsius. „Pflanzenkohle hat eine sehr poröse Oberfläche. Wenn der Beton aushärtet, bilden sich Kristalle, die sich mit der Pflanzenkohle verzahnen. So entsteht die sonst vom Zementklinker geschaffene Festigkeit des Materials“, erklärt Stefanie Gerhart, Mitbegründerin von ecoLocked. Die Forschenden des Berliner Start-ups testen seit 2021 in verschiedenen Rezepturen, wie Pflanzenkohle möglichst viel vom klimaschädlichen Zement ersetzen kann, ohne die Eigenschaften des Betons zu beeinträchtigen.





