Etwa zehn Jahre ist es her, dass zwei US-Biologen einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung auf die Spur kamen: Sie entdeckten ein Bakterium, das in einem anderen Bakterium lebt, das es sich wiederum in den Zellen einer Wolllaus bequem macht. Jetzt haben die Forscher diese WG genauer unter die Lupe genommen ? und entdeckt, wie ungewöhnlich sie tatsächlich ist. Denn es ist zwar durchaus normal, dass jedes Mitglied etwas zum gemeinsamen Wohl beisteuert ? der eine bakterielle Untermieter erzeugt beispielsweise acht der zehn sogenannten essenziellen Aminosäuren, ohne die der Wirt nicht leben kann, und der andere die fehlenden beiden. Im Fall der Wolllaus müssen aber alle drei, also die beiden Bakterienarten und der Wirt, ständig intensiv zusammenarbeiten: Keiner der drei besitzt für sich genommen die genetische Ausstattung, um auch nur eine einzige Aminosäure alleine produzieren zu können. Die Stoffwechselwege sind vielmehr so miteinander verwoben, dass ständig Zwischenprodukte zwischen den dreien hin und her geschleust werden müssen, damit sie von dem jeweils Zuständigen weiterbearbeitet werden können. Wie die drei Beteiligten das hinkriegen, ist den Forschern noch völlig unklar ? vor allem, weil eines der Bakterien mit lediglich knapp 139.000 Basenpaaren und nur 121 Genen das kleinste bisher bekannte Genom besitzt, das man jemals bei einer Zelle gefunden hat. (John McCutcheon, University of Montana, Missoula, und Carol von Dohlen, Utah State University, Logan: Current Biology, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1016/j.cub.2011.06.051)
Ebenfalls mit ungewöhnlichen Bakterien arbeitet ein Forscherteam aus Puerto Rico ? nur dass die Mikroben in diesem Fall nicht von Natur aus über besondere Fähigkeiten verfügen, sondern erst durch das Einschleusen eines Gens zu nützlichen Helfern werden: Sie können Quecksilber aus Flüssigkeiten entfernen, selbst wenn das Schwermetall in Konzentrationen vorliegt, die für jedes andere Bakterium tödlich wären. Ermöglicht wird das durch ein Gen, das ursprünglich aus Mäusen stammt und den Bauplan für ein sogenanntes Metallothionein enthält, ein kleines Protein, das Quecksilberionen in einer unschädlichen Form festhalten kann. Eingeschleust in herkömmliche E.-coli-Bakterien sorgt es nicht nur dafür, dass die Mikroben 24-mal höhere Konzentrationen des Schwermetalls überleben als vor dem Eingriff. Es ermöglicht den Bakterien auch, bis zu 80 Prozent des giftigen Metalls aus der Flüssigkeit zu entfernen und in ihrem Zellkörper einzulagern. Damit habe man gleich zwei Fliegen ? oder besser gesagt Mikroben ? mit einer Klappe geschlagen, freut sich Studienleiter Oscar Ruiz: Zum einen sind die Bakterien ein effektives Werkzeug zum Dekontaminieren von Flüssigkeiten, und zum anderen reichert sich das Quecksilber in den Zellen so stark an, dass es leicht wieder zurückgewonnen und recycelt werden kann. (Oscar Ruiz, Inter American University of Puerto Rico, et al.: BMC Biology, Bd. 11, S. 82)
Auch die tierischen Probanden der nächsten Studie waren gut im Anreichern ? allerdings nicht von Schwermetallen, sondern von Fett: Es handelte sich um dicke Hunde, die zusammen mit schlanken Artgenossen an einer Studie US-amerikanischer und italienischer Forscher teilnahmen. Ergebnis: Fette Fifis sind buchstäblich cooler ? sie haben eine niedrigere Körpertemperatur als weniger beleibte. Möglicherweise gibt es da einen direkten Zusammenhang, glauben die Biologen, die für ihre Studie bei 287 Hunden über mehrere Jahre hinweg regelmäßig die Temperatur im Rektum gemessen hatten: Da die Tiere ebenso wie der Mensch etwa 2/3 der aufgenommenen Energie aufwenden, um ihre Körpertemperatur konstant zu halten, führt bereits ein geringes Absenken selbiger zu einer enormen Energieersparnis. Nimmt man trotzdem die gleiche Menge Kalorien zu sich, wird diese eingesparte Energie in Form von Fett gespeichert. Sie rechnen vor: Wenn ein durchschnittlich großer Beagle seine Körpertemperatur um 0,8 Grad absenken würde, würde sein Gewicht bei gleichbleibender Ernährung innerhalb eines Jahres von gesunden 15 Kilogramm auf bedenkliche 19 Kilogramm steigen. Und einen ähnlichen Effekt könne es auch beim Menschen geben, erklären die Wissenschaftler. Klingt logisch, ist aktuell aber noch ziemlich spekulativ: Bisher können die Forscher noch nicht einmal sagen, ob die Gewichtszunahme tatsächlich dem Absinken der Körpertemperatur folgt ? oder ob es genau umgekehrt ist und die niedrigere Körpertemperatur eine Folge des Übergewichts ist. Das müsse jetzt in weiteren Studien genauer geklärt werden, in denen weitere Hunde von ihrer Geburt an überwacht würden, so die Wissenschaftler. (Giuseppe Piccione, Universitá degli Studi di Messina, et al.: International Journal of Obesity, Bd. 35, S. 1011)
Deutlich spektakulärer als die Temperatur von Hunden ist der Fund, den die russische Archäologin und Anthropolgin Maria Mednikova in Süd-Sibirien gemacht hat: In der mittlerweile berühmten Denisova-Höhle entdeckte sie ein Stück eines Zehenknochens, der möglicherweise ebenfalls den geheimnisvollen Denisova-Menschen zuzuordnen ist ? jener Menschengruppe, die vor etwa 40.000 Jahren offenbar zusammen mit Neandertalern und den ersten modernen Menschen im heutigen Sibirien gelebt hat. Der Knochen ? das vordere Glied des 3. oder 4. Zehs eines linken Fußes ? befand sich in der gleichen Schicht wie die beiden früheren Denisova-Fundstücke, ein Fingerknochen und ein Backenzahn. Aktuell versucht eine Gruppe Paläogenetiker um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die auch bereits das Neandertaler-Genom analysiert hatte, Erbgut aus dem Knochen zu gewinnen und es zu untersuchen. Obwohl es offiziell noch keine Ergebnisse gibt, hat Maria Mednikova gegenüber dem britischen Wissenschaftsmagazin “New Scientist” bereits vielversprechende Andeutungen gemacht: Es werde in Kürze ein “wundervolles Ergebnis” geben, sagte sie. Ob sie damit meint, dass der Zeh tatsächlich dem Denisova-Mensch zugeordnet werden kann oder ob er vielleicht sogar von einem Neandertaler-Denisova-Hybrid stammt, bleibt abzuwarten. (Maria Mednikova, Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau: Archaeology, Ethnology and Anthropology of Eurasia, Bd. 39, S. 129)
Und zum Schluss nun die versprochene gute Nachricht für alle, die stets dafür angefeindet werden, dass sie das Ende eines Krimis immer zuerst lesen: Sie nehmen sich mit dieser Gewohnheit nicht etwa den Spaß an der Geschichte, sondern erhöhen ihn sogar. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie zweier US-Psychologen, die freiwilligen Testlesern 12 verschiedene Kurzgeschichten zu lesen gaben. Bei einigen ging der Erzählung ein kurzer Spoiler voraus, in dem der Inhalt der Geschichte nahezu vollständig zusammengefasst war. Überraschenderweise störte das die Leser nicht nur nicht, es erhöhte sogar ihr Lesevergnügen ? selbst bei einer Geschichte, in der sich am Ende der Beschreibung einer aufregenden Flucht aus dem Todestrakt herausstellt, dass sich alles nur im Kopf des Verurteilten abgespielt hat, und zwar im Moment seiner Hinrichtung. Möglicherweise leben Erzählungen also gar nicht so sehr vom Überraschungsmoment wie bisher angenommen, interpretieren die Forscher ihre Ergebnisse. Warum die Testleser die Geschichten allerdings sogar besser fanden, als wenn sie nichts über den Inhalt wussten, bleibt ihnen bisher schleierhaft. Möglicherweise nimmt der Spoiler eine Art kognitiven Druck vom Gehirn, spekulieren sie: Es muss nicht mehr darauf achten, nichts Wesentliches zu verpassen, sondern kann sich ganz entspannt den feineren Schwingungen widmen und damit verborgene Stärken wahrnehmen. (Nicholas Christenfeld und Jonathan Leavitt, University of California, San Diego: Psychological Science, in press)
wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





