Die genetische Vielfalt einer Art ist ihr größter Schatz. Sie ist die Voraussetzung für die Anpassungsfähigkeit von Tieren, Pflanzen und Co und ermöglicht ihnen zum Beispiel, mit veränderten Umweltbedingungen oder neuen Krankheiten klarzukommen. Um einen ausreichend großen Genpool zu erhalten, ist ein genetischer Austausch zwischen verschiedenen Gruppen einer Art unabdingbar, was in Zeiten menschlicher Einflüsse jedoch zur Herausforderung geworden ist. Indem wir Lebensräume fragmentieren, Populationen dezimieren und invasive Arten einführen, erschweren wir zunehmend auch den Genfluss zwischen Populationen. Doch welchen Schaden haben wir damit bereits angerichtet?
Dem Rückgang auf der Spur
In der umfassendsten globalen Analyse der genetischen Vielfalt, die jemals durchgeführt wurde, haben Forschende um Robyn Shaw vom australischen Naturschutzministerium nun ermittelt, wie weit die genetische Vielfalt bereits zurückgegangen ist. Dafür werteten sie Daten aus dem Zeitraum von 1985 bis 2019 aus und betrachteten dabei 628 Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen aus allen terrestrischen und den meisten maritimen Lebensräumen der Erde. Modernste Verfahren der genetischen Analyse ermöglichten es den Forschenden dabei, auch neue Erkenntnisse aus zum Teil jahrzehntealten Studien zu gewinnen. Durch die Schaffung einer gemeinsamen Messskala konnten sie die Daten vergleichen, auch wenn diese auf unterschiedlichen Methoden und genetischen Daten beruhten.
„Diese Art von umfassender globaler Studie wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen“, betont Seniorautorin Catherine Grueber von der Weltnaturschutzunion IUCN. „Die Fortschritte in der Genetik und Statistik haben uns neue Instrumente an die Hand gegeben, die es uns ermöglichen, noch lange nach der Durchführung von Studien aus diesen zu lernen – ein großer Vorteil, wenn wir Populationen und Trends auf globaler Ebene betrachten.“
Vögel und Säugetiere am stärksten betroffen
Die Auswertungen ergaben: Bei rund zwei Dritteln der untersuchten Populationen ließ sich ein Rückgang der genetischen Vielfalt nachweisen, wie das Team berichtet. Am stärksten betroffen sind demnach terrestrische Arten, darunter vor allem die Vögel, gefolgt von den Säugetieren. Signifikant weniger von einer genetischen Verarmung betroffen sind hingegen dikotyle Pflanzen, Knochenfische und Insekten. Obwohl gerade die Zahl der Insekten in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen ist, scheint sich dieser Schwund weniger deutlich auf den Genpool der einzelnen Insektenspezies ausgewirkt zu haben.
Insgesamt ist der Trend zwar auf den ersten Blick besorgniserregend, aber nicht unumkehrbar, wie Shaw und seine Kollegen betonen. „Wir sehen einen weltweiten Verlust genetischer Vielfalt. Gleichzeitig können wir aber zeigen, dass gezielte Maßnahmen helfen können, den Biodiversitätsverlust zu verlangsamen oder sogar umzukehren“, erklärt Co-Autor Gernot Segelbacher von der IUCN. Solche Maßnahmen haben jeweils zum Ziel, die genetische Vielfalt einzelner Populationen zu erhalten oder sogar zu steigern und können dafür auf verschiedene Werkzeuge zurückgreifen.





