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Das Erklimmen von Felsnadeln

Grenzerfahrungen können sehr reizvoll sein. Dies gilt besonders an der Grenze zwischen Wasser und Land, Meer und Kontinent. An dieser Schwelle stehen Brandungsfelsen: steinerne Fragmente, die wir gerne betrachten, weil sie uns von der Verga…

Das Erklimmen von Felsnadeln
Grenzerfahrungen können sehr reizvoll sein. Dies gilt besonders an der Grenze zwischen Wasser und Land, Meer und Kontinent. An dieser Schwelle stehen Brandungsfelsen: steinerne Fragmente, die wir gerne betrachten, weil sie uns von der Vergangenheit erzählen.
Autor
Redaktion
28. August 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Solche Felsen sind beeindruckende Zeugen der Naturgewalten. Sylvain Tesson hat mehr als 100 von ihnen bestiegen und seine Gedanken hierzu festgehalten. Von Schottland über Kanada, Südafrika, Vietnam, die Philippinen bis zur Osterinsel und an viele andere Orte nimmt er uns mit, auf Reisen zu Panoramen und Gedankenströmen, die von rauer Wildnis in eine oft noch rauere Zivilisation führen.

In 22 Kapiteln, die eher fragmentarischen Kurzgeschichten ähneln, sich aber zu einem großen Ganzen zusammenfügen, schreibt Tesson über die Magie dieser schier unzugänglichen Orte sowie über die Herausforderungen und Gefahren des Auf- und Abstiegs. Er legt die Bedeutung vieler dieser Felsnadeln für indigene Völker dar, beschreibt die oft beschwerliche Anreise über tosendes Meer und eröffnet jede Geschichte mit dem Foto einer geglückten Besteigung. Die Hauptrolle spielt jedoch stets der Fels und nicht der Mensch. Dieses Buch liest sich nicht selten wie eine Parabel auf den Menschen und sein Verhältnis zur Natur – und auf das Zusammenleben der Menschen untereinander.

Tesson liefert selbst die perfekte Charakterisierung dessen, was er hier macht: „Die Geopoetik bemüht sich, allem Nicht-Menschlichen ihre Ehrerbietung zu erweisen.“ Sein Buch ist ein Paradebeispiel dafür, stellt er doch wieder und wieder Menschliches den Säulen des Meeres gegenüber. Er verliert sich fast in philosophischen Fragen. Bei der Suche nach angemessenen menschlichen Gegenstücken zur Anmut der wind- und wasserumtosten Monolithen scheitert er immer wieder. Auch mancher Rückgriff auf Literatur, Mythologie oder Geschichte führt bei ihm nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis.

„Die Säulen des Meeres“ ist mehr als nur ein Reisebericht zu den versprengten Fragmenten der Landmasse, die das Wasser über Jahrhunderte hinweg isoliert hat. In kurzen, einfachen Sätzen schreibt Sylvain Tesson über die schöne Rauheit des Meeres, das langsam das Land verschlingt. Die Lektüre ist anspruchsvoll, weckt jedoch zahlreiche Gedanken, denen man wohl an keinem Ort besser nachsinnen kann als auf einem einsamen Felsen, der menschlicher Kontrolle entzogen ist. Hans Siglbauer

Sylvain Tesson:
Die Säulen des Meeres.
C.Bertelsmann Verlag. 208 S., 25 €

In kurzen, einfachen Sätzen schreibt Sylvain Tesson über die schöne
Rauheit des Meeres, das langsam das Land verschlingt

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