Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind auf unserer Welt bedroht und immer mehr wichtige Lebensräume gehen verloren. Um den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, hat sich die Weltgemeinschaft ehrgeizige Ziele gesetzt. So unterzeichneten im Jahr 2022 196 Staaten das Kunming-Montreal-Weltnaturabkommen. Damit haben sie sich verpflichtet, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2050 zu beenden. Auf dem Weg dorthin sieht das Abkommen 23 Ziele bereits für Ende dieses Jahrzehnts vor. Die Zwischenbilanz dazu fällt bislang allerdings ernüchternd aus: Fachleute gehen davon aus, dass die Weltgemeinschaft, wenn es so weiterläuft, ihre 23 globalen Ziele bis 2030 verfehlen wird.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die 17. Weltbiodiversitätskonferenz (COP17) in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Vom 19. bis 30. Oktober 2026 beraten dort fast 200 Staaten über das Weltnaturabkommen. Welche Themen werden dort besonders wichtig?
Im Mittelpunkt der Konferenz steht die erste umfassende Bestandsaufnahme: Welche Fortschritte haben die Staaten seit 2022 beim Schutz der Artenvielfalt erreicht und wo müssen sie nachbessern?
Erste umfassende Bestandsaufnahme zum Artenschutz
Eines der wichtigsten Ziele des Weltnaturabkommens ist das 30x30-Ziel: Bis 2030 wollen die Staaten mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen wirksam schützen. „Das ist ein ambitioniertes Ziel, aber es ist nicht ausreichend in dem Sinne, dass wir uns zukünftig nicht weiterhin darauf verlassen können, dass der Schutz der biologischen Vielfalt ausschließlich in Schutzräumen stattfindet und wir in dem Rest – es bleiben ja dann noch 70 Prozent – so weitermachen können wie bisher“, sagt Biodiversitätsforscherin Marion Mehring vom Institut für sozial-ökologische Forschung. Der Schutz der Biodiversität müsse auch die restlichen 70 Prozent, wie die Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Industrie stärker berücksichtigen.
Aber vom anvisierten 30x30-Ziel ist die Weltgemeinschaft noch weit entfernt. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums stehen derzeit erst 18,4 Prozent der globalen Landflächen, 23 Prozent der Küstengebiete und nationalen Meeresgebiete und 1,7 Prozent der Gebiete auf hoher See unter Schutz. Bislang fehlen für einige Biodiversitätsziele zudem geeignete Daten und Messgrößen. „In den Daten ist es sehr schwer, innerhalb so kurzer Zeit etwas abzulesen. Da braucht man eigentlich sehr lange Zeitreihen, 50 Jahre, 100 Jahre, um wirklich Trends erkennen zu können und auch sehen zu können, ob's aufwärts geht“, erklärt Christoph Scherber, Leiter des Leibniz-Zentrums für Biodiversitätsmonitoring und Naturschutzforschung. Die Staaten wollen auf der Konferenz deshalb auch darüber beraten, wie sie künftig die Maßnahmen und deren Wirksamkeit besser überprüfen und miteinander vergleichen können.
Finanzierung soll geklärt werden
Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz ist die Finanzierung. Im Weltnaturabkommen haben sich die Staaten darauf geeinigt, ab 2030 jährlich mindestens 200 Milliarden US-Dollar aus öffentlichen und privaten Mitteln für den Schutz der Artenvielfalt bereitzustellen. Gleichzeitig wollen die Staaten umweltschädliche Subventionen um mindestens 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr reduzieren. Auch Unternehmen sollen sich stärker beteiligen. Zum Beispiel sollen Firmen, die genetische Informationen aus der Natur kommerziell nutzen, in den 2025 eingeführten Cali-Fonds einzahlen. Bisher sind die freiwilligen Einzahlungen allerdings noch sehr gering. Statt der angestrebten einen Milliarde Dollar flossen bis zum Start der Konferenz nicht einmal 10.000 Dollar in den Fonds.
Wo steht Deutschland?
Deutschland hat sich ebenfalls verpflichtet, die internationalen Naturschutzziele umzusetzen. Bundesumweltminister Carsten Schneider leitet die deutsche Delegation beim Biodiversitätsgipfel und wird in der zweiten Konferenzwoche nach Armenien reisen. „Natur schützt uns – wenn wir sie schützen. (...) In Eriwan geht es deshalb um unsere Lebensgrundlagen. Die Weltgemeinschaft hat versprochen, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2030 zu stoppen und die Erholung der Natur einzuleiten. Jetzt müssen wir zeigen, dass aus diesem Versprechen Wirklichkeit wird”, sagt Schneider.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisiert jedoch, dass die Bundesregierung bisher zu wenig gegen die Ursachen des Artensterbens unternehme. „Vier Jahre nach Verabschiedung des Weltnaturabkommens geht es der Natur schlechter, nicht besser”, sagt BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen. „Die Bundesregierung muss naturzerstörende Subventionen stoppen und ihre Land-, Forst- und Fischereipolitik auf Naturschutzkurs bringen.“
Auch Biodiversitätsforscherin Marion Mehring fordert bessere Rahmenbedingungen für den Artenschutz. Gesetze und Vorschriften allein reichten nicht aus. „Biodiversitätspolitik wurde lange als Umweltthema verstanden. Aber wir haben es beim Erhalt der Artenvielfalt mit einer Querschnittsaufgabe zu tun, die alle Lebens-, Politik- und Wirtschaftsbereiche betrifft“, erklärt Mehring. Der Schutz der Artenvielfalt müsse deshalb in Zukunft auch bei Entscheidungen über Landwirtschaft, Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung berücksichtigt werden. Die COP17 in den nächsten Wochen muss zeigen, ob und wie die Staaten in Zukunft zusammenarbeiten können und wollen, um die Natur zu schützen.
Quellen: Bundesumweltministerium, Institut für sozial-ökologische Forschung,
BUND





